Wer heute nach der Universität der Zukunft fragt, denkt meist an digitale Lehre, Künstliche Intelligenz oder hybride Arbeitsformen. Schon vor mehr als 60 Jahren ist eine überzeugende Antwort auf diese Frage gebaut worden, von Hans Scharoun, auf dem Campus der Technischen Universität Berlin.
Nur wenige Architekten haben Räume geschaffen, die sich so tief ins kulturelle Gedächtnis eingeschrieben haben, wie Hans Scharoun. Die Berliner Philharmonie machte das Zuhören zum kollektiven Raumerlebnis, die Staatsbibliothek das Lesen zu einer Raumschifferfahrung. Weniger bekannt ist, dass Scharoun, der von 1946 bis 1958 den Lehrstuhl für Städtebau an der Technischen Universität Berlin innehatte, hier eines seiner letzten großen Bauwerke verwirklichte, den sogenannten Flachbau der Architekturfakultät am Ernst-Reuter-Platz: eine gebaute Form gemeinsamer Erkenntnissuche. Dass in diesem Gebäude architektonische Intelligenz gespeichert ist – ein Wissen darüber, wie Erkenntnis gewonnen, weitergegeben und kritisch geprüft wird –, erschließt sich allerdings nicht von selbst. Erst genaues Hinsehen und historisches Verstehen legen diese Qualitäten frei.
Zusammenarbeit mit Herta Hammerbacher
Der „Flachbau“ entstand als Teil eines Ensembles, das Scharoun gemeinsam mit dem Architekten Bernhard Hermkes und der Garten- und Landschaftsarchitektin Herta Hammerbacher von 1958 an entwickelte. Alle drei lehrten an der TU. Sie planten den Campus nicht von außen, sondern aus dem Alltag von Forschung und Lehre heraus. Transparenz, Offenheit und Durchlässigkeit zur Stadt sollten die Voraussetzungen für eine Universität schaffen, die auf gemeinsames Denken statt auf Belehrung setzte, auf Austausch statt Abschottung und auf Eigeninitiative statt Anleitung.

Der Flachbau empfängt seine Benutzer mit Licht. Es fällt durch die hohen Glasfassaden und die Sheddächer bis tief in das Gebäude hinein. Selbst Bereiche, die in den meisten Universitätsbauten künstlich beleuchtet werden müssten, bleiben tagsüber lange im natürlichen Tageslicht. So entsteht jene ungewöhnliche Klarheit, die Orientierung schafft und das Arbeiten in diesem Haus bis heute prägt. Eingangshalle, Freitreppe, Galerien, Bibliothek, Seminarräume und Büros gehen nahezu bruchlos ineinander über. Kaum irgendwo endet der Blick an einer Wand. Sichtachsen verbinden Geschosse, Arbeitsräume und Brücken mit Himmel und Bäumen; Innen- und Außenraum greifen ebenso selbstverständlich ineinander wie Universität und Stadt. Schon beim Betreten spürt man: Dieses Haus entlastet die Augen und ordnet die Gedanken.

Diese Klarheit ist kein Zufall. Nach der nationalsozialistischen Diktatur ging es darum, der Hochschule im wörtlichen wie im institutionellen Sinn eine neue Form zu geben. Mit der Humanistischen Fakultät und dem Studium Generale erhielt die technische Ausbildung ein humanistisches Korrektiv. Scharouns Architektur verlieh diesem Anspruch eine räumliche Gestalt. Treppen, Galerien, Lichthöfe und Gärten waren keine bloßen Verkehrsflächen, sondern gebaute Beziehungen. Als solche prägen sie den Alltag des Hauses bis heute.

Seit Jahrzehnten ist hier das Institut für Kunstwissenschaft und Historische Urbanistik der Technischen Universität Berlin beheimatet. Gerade in einer Zeit, in der ein wachsender Teil des Wissens am Bildschirm vermittelt wird und öffentliche Debatten sich immer häufiger in voneinander abgeschlossenen Echokammern vollziehen, gewinnen jene Räume an Bedeutung, in denen Argumente entstehen, geprüft und weiterentwickelt werden. Hier lernen die Gestalterinnen und Gestalter von morgen, eigene Positionen zu artikulieren, Urteile zu begründen und Widerspruch auszuhalten.
Eine Bibliothek im Notbetrieb
Nirgends zeigt sich deutlicher, wie gering der Stellenwert wissenschaftlicher Arbeitsräume inzwischen geworden ist, als in der Bibliothek des Scharoun-Baus, die im Zuge der Brandschutzmaßnahmen seit Monaten auf unabsehbare Zeit nur noch im Notbetrieb arbeitet – als wäre dies eine bloße Randnotiz des Universitätsalltags. Die Bibliothek gehört nicht zur ursprünglichen Nutzung des Hauses. Umso eindrucksvoller zeigt sie, wie anpassungsfähig und tragfähig Scharouns Architektur bis heute geblieben ist.

Hier geht es um Bücher, aber ebenso um den Raum wissenschaftlicher Arbeit. Je selbstverständlicher sich Informationen per Smartphone und mithilfe Künstlicher Intelligenz aus der Hosentasche abrufen lassen, desto kostbarer werden reale Räume, in denen gemeinsam gelesen, gesucht, verglichen und diskutiert wird. Universitätsbibliotheken sind keine Orte des bloßen Informationszugangs, sondern Werkstätten wissenschaftlicher Erkenntnis. Die Ordnung ihrer Regale erzählt etwas, das keine Suchmaschine zeigen kann: Jedes Buch hat seine Nachbarn. Wer einen Band sucht, findet oft einen zweiten. Wer vergleicht, entdeckt Zusammenhänge. Auch Wissen wird gebaut. Es hat eine Architektur.

Während Philharmonie und Staatsbibliothek längst zu Ikonen der Architekturgeschichte geworden sind, verschwindet Scharouns TU-Bau hinter Bauzäunen, verwitterten Schildern und den sichtbaren Spuren eines jahrzehntelangen Sanierungsstaus. Im Inneren erzählen Absperrungen, abgeschabte Holzwände, blinde Fensterscheiben, ins Leere führende Wendeltreppen und notdürftig geflickte Linoleumböden dieselbe Geschichte. Und doch ist die Handschrift des Architekten noch überall zu erkennen: die Sorgfalt im Kleinen, die Abneigung gegen starre Achsen und die Freude an fließenden Übergängen, die auch Philharmonie und Staatsbibliothek auszeichnen. Ausgerechnet in diesem einst großartigen Gebäude studieren künftige Kunst- und Architekturhistoriker, Museumsleute sowie Architektinnen – junge Erwachsene, die Verantwortung für das kulturelle Erbe dieses Landes übernehmen wollen.
Der Flachbau war Scharouns Antwort auf die Erfahrung von Diktatur und Krieg. Er verstand Architektur als demokratische Infrastruktur. Gemeinsam mit seinen TU-Kollegen entwarf er Räume, in denen sich bis heute gut arbeiten lässt. Wer nach der Universität der Zukunft sucht, muss das Rad nicht neu erfinden. In diesem Gebäude steckt mehr Wissen über das Verhältnis von Wissenschaft und demokratischer Öffentlichkeit, als die aktuelle Sanierungsdebatte erkennen lässt. Es würde schon helfen, dieses Wissen wieder ernst zu nehmen.
