Auf den ersten Blick kann Karsten Greve in seiner Galerie oder am Messestand den Eindruck eines reservierten, ein wenig brummigen Gralshüters machen, der, die Hände in die Jacketttasche geschoben, über die Werke seiner exquisiten Ausstellungen wacht. Sobald man jedoch mit ihm ins Gespräch gekommen ist, begegnet man dem passionierten Händler und Sammler, der mit Vergnügen an Anekdoten, Souvenirs und Reminiszenzen ins Erzählen kommt. Mit aufblitzenden Augen spricht er über seine Künstler und deren Werk, macht dann wieder mit Ironie seinem Verdruss über manche Trends des gegenwärtigen Kunstmarkts Luft.
Wie alle Menschen, die im Intellekt und im Herzen zugleich besonders aktiv sind und sich eine Leidenschaft zur Lebensaufgabe gemacht haben, hat Greve immer gleich mehrere ambitionierte Projekte in Planung.

Die Frage, wie er seinen 80. Geburtstag begehen solle, hat Greve schon vor zwei Jahren im Kopf gewälzt. Dann habe er sich entschieden: Er wolle kein Fest, sondern „drei tolle Sachen machen“. So beschert er uns derzeit drei Künstler, die in seinem persönlichen Pantheon an höchster Stelle stehen: in Köln Louise Bourgeois, in Sankt Moritz Louis Soutter und in Paris Cy Twombly. Mit diesen Ausstellungen macht Greve zweifellos sich selbst, vor allem aber seinem Publikum ein Geschenk. „Die Aufgabe meiner Galerie“, schreibt er im Vorwort zum Twombly-Katalog, „war von Anfang an Sehschule.“
Jemand mit einer anderen Wahrnehmung
Der amerikanische Maler Twombly gehört zu Greves frühesten Entdeckungen. Mitte der Sechzigerjahre, noch keine 20 Jahre alt, hatte er in einer Ausstellung mit Werken der abstrakten Expressionisten drei Bilder von Twombly gesehen. „Ich wusste sofort, das ist fundamentale Kunst“, sagt Greve rückblickend, „jemand mit einer anderen Wahrnehmung.“ Er setzte alles daran, ein Werk des Künstlers zu kaufen. Es gehörte zu der „Sperlonga“-Serie von 1959 und hängt nun in der Pariser Ausstellung, die ihr gewidmet ist.
Dieses erste Blatt – Grundstein einer umfangreichen Twombly-Sammlung – zeigt auf einem leicht vergilbten Papier einen großen, rechteckigen Block, der in knallweißer Wandfarbe grob gepinselt wurde. Darin sind eingeritzte Spuren, aber auch mit dem Finger gemalte Verwischungen zu sehen. Ein kleines umrandetes Viereck erscheint wie eine blinde Tür, die in den eisigen Block führen könnte. An der Seite schweben rote Buntstiftkritzeleien. Unten steht die Signatur über etwas Durchgestrichenem. Es ist das enigmatischste unter allen ausgestellten Werken, die allerdings ein Paradox gemein haben. Twombly verwehrt durch seine Übermalungen den Einblick, jede vordergründige Interpretation. Zugleich fühlt man sich durch das Haptische der Texturen, das Kuriose der Kritzeleien angezogen, möchte den Raum seiner Bilder wie ein Labyrinth betreten und letzte Weisheit finden.

Dem Ausstellungskatalog mit einem Text des französischen Kunsthistorikers Bernard Blistène steht ein Zitat aus den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ vor. „Ich lerne sehen“, lässt Rainer Maria Rilke in dem Roman seinen Protagonisten rufen. Auf Reisen nach Italien, Frankreich, Spanien, aber auch Marokko oder Ägypten, die Cy Twombly von 1952 an unternahm, ging es auch ihm um nichts anderes. 1957, mit 29 Jahren, entschied der damals noch kaum bekannte Maler, in Rom zu bleiben. Er entdeckte die Kunst der Renaissance, besuchte die Stätten der Antike und las – neben Rilke und Stéphane Mallarmé – Homer, Sappho, Vergil, Ovid.
Darüber hinaus suchte Twombly die Auseinandersetzung mit seinem lebenslangen Vorbild Nicolas Poussin und dessen arkadischen Landschaften, die er in eine neue Bildsprache seiner Zeit übersetzen wollte. Im Louvre hat er sicherlich das berühmte Gemälde „Et in Arcadia ego“ gesehen. Auf einem Foto in der aktuellen Ausstellung lümmelt er wie ein griechischer Hirte mit einem Blütenkranz auf dem Kopf auf der Wiese eines Olivenhains.
Der Sommer, in dem Twombly seine Bildsprache fand
Im Sommer 1959 besuchte Twombly das südlich von Rom gelegene Küstenstädtchen Sperlonga. Dort, zwischen weiß gekalkten Häusern, den Ausgrabungen der Tiberius-Villa und der Horizontlinie über dem gleißenden Meer, entstand eine Serie von dreißig Arbeiten auf Papier. Mit den Zeichnungen von Sperlonga fand Twombly zu seiner visuellen Sprache aus Graffitis und Kritzeleien, Streichungen und Übermalungen, enigmatischen Zahlen und Inschriften. Weiße Wandfarbe, die an die Häuser von Sperlonga erinnert, wurde zu einem konstituierenden Element dieser Zeichnungen und macht sie, mit ihren Überpinselungen oder fetten Tropfen, zu Gemälden. Das mythologische Terrain Italiens entfaltet sich als emotionale Landschaft, die, wie in zwei Bildern, etwa Sappho gewidmet wird.
Karsten Greve zeigt in Paris 19 Werke der „Sperlonga“-Serie. Noch nie wurden so viele in einer Ausstellung versammelt. Aus der eigenen Kollektion des Galeristen stammen 14 Arbeiten, fünf weitere sind Leihgaben der Twombly Foundation. Die gesamte Ausstellung, vermeldet der Händler, sei unverkäuflich, er würde sich von keinem der „Sperlonga“-Bilder mehr trennen. Den 80. Geburtstag am vergangenen Dienstag hat Greve ganz einfach in seiner Pariser Galerie verbracht, um sich mit den Besuchern der Twombly-Ausstellung zu unterhalten – oder gemeinsam Sehschule zu betreiben.
„Cy Twombly: Sperlonga 1959“, Galerie Karsten Greve, Paris, bis 10. November
