Am Ende eines Sommers, der schon im Juni heiß wie nie war, verkündet Bundeskanzler Friedrich Merz einen bedauerlichen Befund: „Das ist Klimawandel“, sagt er zu den Einsatzkräften in Hürtgenwald, die gerade mit Mühe den größten Waldbrand seit Jahrzehnten in Nordrhein-Westfalen unter Kontrolle bringen konnten. Solche Ereignisse werde es in Zukunft öfter geben. „Wir werden alles tun, um den Klimawandel zurückzudrängen“, verspricht Merz, „aber wir müssen auch mit dem Klimawandel leben“.
Wie lebt man mit dem Klimawandel? Und vor allem: mit welchem? Dass sich das Land an die steigenden Temperaturen anpassen muss, bezweifelt jetzt, nachdem die Hitzetoten gezählt sind, kaum jemand mehr. Wenn man aber die Fachpolitiker fragt, wie heiß Deutschland in den kommenden Jahren werden wird, zeigen sie sich einigermaßen ratlos. Das kann man ihnen nicht vorwerfen – entscheidend sind dafür alle Emissionen weltweit. Nur die Richtung ist klar: Es wird wärmer. Deutlich wärmer.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Aber vielleicht nicht nur. Denn es gibt eine große Unbekannte, die Wissenschaftler die Atlantische Meridionale Umwälzzirkulation nennen. Diese Strömung verlängert den Nordatlantik- und Golfstrom aus Amerika kommend Richtung Europa. Sie bringt gigantisch viel Wärme nach Europa, umgerechnet 50 Mal mehr, als die Menschheit an Energie verbraucht. Als sie das letzte Mal über einen längeren Zeitraum ausfiel, lagen Teile des Kontinents unter Eis.
Auf Englisch wird die Strömung AMOC abgekürzt; und einige Klimawissenschaftler warnen, dass sie schon in den nächsten Jahrzehnten, nun ja, Amok laufen könnte.
Mal Hitze, mal Eiseskälte?
In Europa würden dann zwei gegenläufige Trends aufeinanderprallen. Einerseits die allgemeine Erderwärmung. Und andererseits die Abkühlung, wenn die AMOC wegfiele oder zumindest viel schwächer wäre. Wie diese Bilanz genau aussehen würde, kann keiner sicher sagen. Für die Klimaanpassung könnte das Probleme bringen: Je ungewisser die klimatische Zukunft, desto komplizierter wird es, das Land wetterfester zu machen.
Der Klimawissenschaftler Stefan Rahmstorf forscht seit Jahrzehnten zu der Strömung. Er sagt: „Das Ausmaß der AMOC-Abschwächung ist ein recht unsicherer Aspekt der Klimaszenarien.“ Nach Erkenntnissen der vergangenen Jahre sei er „zunehmend besorgt“, mittlerweile zeichne sich ab, dass die AMOC an Stärke verliert. Das Ergebnis könnte sein, dass die Sommer künftig zwar noch deutlich heißer werden als in diesem Jahr, die Winter aber kälter, vor allem im Norden des Landes.

Aber auch im Rest des Landes dürfte das Wetter ungemütlicher werden als ohnehin durch den Klimawandel. Deutschland wäre gefangen zwischen einem kälteren Nordeuropa und einem wärmeren Mittelmeerraum, von wo mal Hitze, mal Eiseskälte heranziehen würde. „Der Kontrast zwischen Winter und Sommer nimmt zu, aber auch von einer Wetterlage zur nächsten“, sagt Rahmstorf. „Es kann sein, dass wir dann ein sehr mildes Frühjahr haben, die Obstbäume blühen alle, und dann kommt krasse Kaltluft aus Norwegen.“
Es gibt Wissenschaftler, die deutlich zurückhaltender sind, wenn es um die AMOC geht. Auch Rahmstorf weist im Gespräch mit der F.A.S. immer wieder auf Unsicherheiten hin. Aber er ist einer der Klimaforscher, die es als Teil ihres Jobs sehen, Politik und Öffentlichkeit vor Gefahren zu warnen. „Es gibt viele Wissenschaftler, die sagen erst etwas, wenn sie sich ganz sicher sind.“ Rahmstorf hingegen findet, man müsse ein Risiko schon ernst nehmen und darüber sprechen, wenn es nur bei einigen Prozent liege. „Sie würden ja auch nicht in einen Flieger einsteigen, wenn Sie wüssten, dass er mit einer Wahrscheinlichkeit von fünf Prozent abstürzen wird.“ Und angesichts jüngerer Studien, findet Rahmstorf, „hat sich das Risiko leider als deutlich größer herausgestellt als fünf Prozent“.
Unstrittig ist, dass der Klimawandel die AMOC weiter beeinflussen wird. Je mehr Eis in der Arktis schmilzt, desto mehr verdünnt Süßwasser den Salzgehalt im Nordatlantik und bringt die Umwälzpumpe damit zumindest außer Tritt.
2021 hat die Bundesregierung zum ersten Mal eine Klimarisikoanalyse veröffentlicht. Die AMOC kommt darin nicht vor. Nach Informationen der F.A.S. soll das in der nächsten Ausgabe in zwei Jahren anders sein. Die Prognosen von einigen Wissenschaftlern haben mehrere Behörden auf den Plan gerufen. Sie prüfen nun, was auf Deutschland zukommen könnte.
Island sieht eine existenzielle Gefahr
Im Umwelt- und Klimaministerium beobachtet man die Debatte ebenfalls. Ein Zusammenbruch der AMOC „hätte für die nordischen Länder, aber auch für andere Teile der Welt verheerende und unumkehrbare Auswirkungen“, heißt es aus dem Ministerium. Zur Lage in Deutschland will ein Sprecher nichts sagen. Nur so viel: Es bestehe wissenschaftlicher Konsens darüber, dass die globale Erwärmung dazu führen werde, dass sich die Strömung abschwächt. Ab einem gewissen Punkt werde sie zusammenbrechen und versiegen. Nur wann der erreicht sei und welche Auswirkungen das genau haben werde, müsse noch besser erforscht werden.
Andere Regierungen sind bereits deutlicher: Island sieht einen Zusammenbruch der AMOC als „Bedrohung für die nationale Sicherheit und als existenzielle Gefahr“. Entsprechend sollen Szenarien für einen eisigen Worst Case ausgearbeitet werden. Der Nordische Ministerrat, dem neben Island alle skandinavischen Staaten angehören, hat schon im vergangenen Herbst eine Strategie vorgelegt, wonach ein AMOC-Zusammenbruch unter anderem mit den Partnern in der EU und NATO diskutiert werden solle. Zwar sei es in hohem Maße ungewiss, ob die Meeresströmung zusammenbrechen werde. Trotzdem müssten sich die skandinavischen Staaten auf unterschiedlich temperierte Zukünfte einstellen – nicht bloß auf eine kommende Heißzeit.
Ähnliches fordern Fachpolitiker auch in Deutschland. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Mark Helfrich sagt, bei der Klimaanpassung müssten „unterschiedliche und teils gegenteilige Szenarien“ berücksichtigt werden. „Dazu gehören neben zunehmend heißeren Sommern gegebenenfalls auch deutlich kältere Winter.“ Der SPD-Politiker Jakob Blankenburg, der seinen Wahlkreis wie Helfrich im Norden hat, fordert, neue Risiken müssten frühzeitig berücksichtigt werden.

Die Grünen hingegen warnen vor der Illusion, der Klimawandel lasse sich mit Anpassung in den Griff bekommen. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Julia Verlinden sagt, je weniger sich die Erde erhitze, desto berechenbarer seien die Folgen. „Es ist schwer, Europa für eine Vielzahl von möglichen Szenarien vorzubereiten. Darum ist der effektivste Schutz vor diesen Gefahren der Klimaschutz – dabei zählt jedes Zehntelgrad.“
Auch schwarz-rote Klimapolitiker wie Helfrich und Blankenburg halten mehr Klimaschutz für notwendig. In ihren Parteien drangen sie damit vor diesem Sommer allerdings kaum durch. Aber nach mehr als 16.000 Hitzetoten ist das Klima zumindest wieder auf der Agenda der Bundesregierung. Beschlüsse fasste sie zunächst allerdings keine. Denn Union und SPD sind sich uneins, wer für neue Bäume bezahlen, wer Flächen entsiegeln, wer Klimaanlagen einbauen soll.
Einerseits auf Dürre, andererseits auf Frost einstellen
Eigentlich wollte die Bundesregierung, unter leisem Protest des Umweltministers, beim Klima sparen. Jetzt will zumindest die SPD-Seite das Grundgesetz ändern, damit der Bund für Anpassung einfacher Geld bereitstellen kann. Die Union hingegen sieht weiter vor allem Länder und Kommunen in der Pflicht. Bundeskanzler Merz betonte, dass das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaschutz gedacht sei. Ihren Anteil von 100 Milliarden sollten die Länder also entsprechend verwenden. CDU-Politiker Helfrich erinnert auch daran, dass nicht nur der Staat gefragt sei: „Wer privat baut, sollte Hitzeschutz von Anfang an mitdenken“, sagt er.
Neben der Sommerhitze und Dürre müssten Land- und Forstwirte sich aber auch darauf einstellen, dass die Vegetationsperiode kürzer werden könnte. Auch späten Frost könnte es häufiger geben, sagt Helfrich, wenn man ihn nach der AMOC-Abschwächung fragt. Für den Verkehr brauche es eine Infrastruktur, die weder bei Extremhitze noch bei Schnee und Eis ausfällt.
Bereiten sich die Behörden auf die mögliche Kälte schon vor? Das fragt man am besten Tim Kruschke, Referatsleiter für Marine Klimafragen am Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie. Gerade war er wieder auf der Nordsee unterwegs mit seinem Team, eine Woche im Zickzack, um deren Zustand zu prüfen. Kruschke sagt, er sei sich gar nicht sicher, ob die AMOC jetzt schon schwächer werde. Messungen gebe es erst seit wenigen Jahrzehnten. Zudem zeigten diese große Schwankungen, teilweise sogar von Monat zu Monat. „Mal haben wir da einen ganz starken Abwärtstrend gesehen, dann hat sich das aber auch wieder erholt.“ Für die Klimaanpassung bedeute das, noch ein paar Jahre zu warten, bis die wissenschaftliche Debatte eindeutiger werde.

Doch dass die AMOC von der Erderhitzung betroffen sein wird, hält auch Kruschke für sicher. Und das werde man in Deutschland spüren: kältere Winter, aber deutlich heißere Sommer. Ein „extremeres“ Klima – denn die allgemeine Erderhitzung müsse man als Hintergrund dazu denken, die AMOC-Turbulenzen kämen bloß obendrauf. „Für den Sommer würde hier also der Trend noch verschärft“, warnt Kruschke. Also gelte es das zu tun, was ohnehin getan werden muss: das Land hitze- und dürrefest machen und auf heftigere Wetterwechsel vorbereiten.
Frankreich hat sich festgelegt: 2,7 Grad mehr bis 2050
Um diese Vorbereitungen jedem ins Gedächtnis zu rufen, könnte man einen Temperaturwert festlegen, mit dem alle rechnen sollen: Politiker, Unternehmensbosse, Häusle- wie Deichbauer. Frankreich hat beschlossen, bis 2050 mit einem Temperaturanstieg von 2,7 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu rechnen. Bis zum Ende des Jahrhunderts soll sich das Land sogar an vier Grad mehr anpassen.
Aus dem deutschen Umweltministerium heißt es, man verfolge den französischen Ansatz mit großem Interesse. Bevor eine Temperatur für Deutschland festgelegt werde, wolle man aber auf eine Entscheidung der EU-Kommission warten. Deren wissenschaftlicher Klimabeirat hatte im Februar empfohlen, einen einheitlichen Anpassungswert vorzuschlagen, der etwa im Bereich der Franzosen liegt.
Der CDU-Politiker Helfrich sagt, Leitwerte seien sinnvoll, „um die fortschreitende Erderwärmung bei längerfristigen Investitionen zu berücksichtigen und so später teure Umbauten oder Nachrüstungen zu vermeiden“. Festlegen sollten die Werte aber nicht Politiker, sondern ein Sachverständigengremium, fordert er.
Ein einheitlicher Wert würde allerdings manche Unsicherheit verstecken, zum Beispiel was die AMOC angeht. Bremens grüne Umweltsenatorin fordert deshalb eine Ausrichtung an Worst-Case-Szenarien. Und Tim Kruschke, der Meeresbeobachter, erinnert daran, was Szenarien sind: „Das sind alles Was-wäre-wenn-Projektionen. Wir können da als Menschheit noch viel dran drehen, wenn wir den Klimawandel eindämmen.“ Das gelte auch für die AMOC. „Aber die Zeit drängt.“
