
Erst einmal zeigt Jörg Aschemann, worum es nicht geht. Mit wenigen Griffen zwingt er sein Gegenüber, Kampfsportlehrer wie er, zu Boden. Stattdessen wolle er Gefahrenbewusstsein schaffen, sagt Aschemann zu den drei Zugbegleitern und dem Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes, die an dem Selbstbehauptungsseminar teilnehmen. „Wenn die Hand des anderen am Hals ist, ist es zu spät.“ Der 43 Jahre alte Mann mit dem schwarzen Wing-Tsun-T-Shirt hat noch andere lebensrettende Weisheiten, die selbst für erfahrene Kämpfer gelten, etwa wenn ein Messer im Spiel ist: „Siehst du’s blitzen, geh flitzen.“
Die körperliche Gegenwehr der Bahn-Mitarbeiter soll sich auf erhobene Hände beschränken, wenn jemand zu nahe an sie herantritt. Was in der Enge eines Zuges, in dem auch das Seminar stattfindet, schnell bedrohlich wirken kann. In dem Kurs geht es darum, die Situation früh zu entschärfen. Solche Deeskalationstrainings bietet die Deutsche Bahn schon länger an. Doch der tödliche Angriff im Februar auf einen Zugbegleiter bei Landstuhl hat das Thema Sicherheit noch einmal stärker in den Blickpunkt gerückt.
Zugbegleiter sichern sich gegenseitig ab
Den Angriffen auf ihre Mitarbeiter versucht die für den Nahverkehr zuständige DB Regio unter anderem damit zu begegnen, dass diese entweder von einem Sicherheitsdienstmitarbeiter begleitet werden oder zu zweit unterwegs sind. Beide Ansätze hätten gezeigt, dass konflikt- und emotionsgeladene Situationen besser bewältigt werden könnten, sagte am Montag Harmen van Zijderveld, Vorstandsvorsitzender der DB Regio. Das bestätigte die Zugbegleiterin Katja Kovacs, die im Tandem Dienst tut. „Man muss nur noch halb so viel diskutieren.“ Auch könne man sich besser gegenseitig absichern, sagte ihre Kollegin Jennifer Grongold.
DB-Regio-Chef Zijderveld forderte, diese Konzepte über die Pilotphase hinaus abzusichern. Dazu müssten sie in den Verkehrsverträgen mit den Aufgabenträgern, die die Verkehrsleistungen bestellten, als Standard festgeschrieben werden. Denn die Entwicklung sei nicht einheitlich. 2025 habe es in ganz Deutschland 3000 Übergriffe auf Bahn-Mitarbeiter gegeben. Das sei zwar ein Rückgang um sieben Prozent gegenüber 2024. Doch in der Region Mitte, also Hessen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Nordbaden, sei die Zahl der Vorfälle um 15 Prozent gestiegen.
Auch am Körper getragene Kameras sieht der Vorstandsvorsitzende als Beitrag zu mehr Sicherheit. Bei mehr als 500 Vorfällen, bei denen die Bodycams eingeschaltet wurden, sei es lediglich in einem Fall zu einem schweren Übergriff gekommen. Auch Ralf Damde, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der DB Regio, befürwortet den Einsatz der Bodycams. Bisher tragen die Mitarbeiter des im Regionalverkehr tätigen Bahn-Tochterunternehmens die Kameras freiwillig. Etwa 30 Prozent nähmen die Möglichkeit wahr.
Bis August sollen alle Mitarbeiter mit Kundenkontakt eine Schulung zum Einsatz von Bodycams bekommen, sagte Zijderveld. Der Betriebsratsvorsitzende Damde hofft, dass sich dadurch die Quote der Nutzer deutlich erhöht. Denn bisher hätten sich die Mitarbeiter vor der Schulung für eine Bodycam entscheiden müssen. Sie hätte nichts mit einer Überwachung der Mitarbeiter zu tun, sagte Damde. „Die Aufnahmen gehen eins zu eins zur Bundespolizei, die Deutsche Bahn hat keinen Zugriff.“
Der Datenschutz spielt auch gegenüber den Fahrgästen eine große Rolle. Die Zugbegleiter müssen ihnen sagen, wann sie die Kamera einschalten – und ihnen eine Visitenkarte mit Datenschutzhinweis überreichen. Bisher zeichnen die Kameras ohne Ton auf. Auch das soll sich ändern. Der Betriebsratsvorsitzende hätte zudem gern, dass sie mit dem Notruf-Armband gekoppelt werden, das viele Zugbegleiter am Arm tragen.
Für Juli plant DB Regio einen Versuch, für den die Mitarbeiter mit stichsicheren Westen ausgestattet werden. Noch in diesem Jahr will sie nach Worten des Vorstandsvorsitzenden zudem ein weiteres technisches Pilotprojekt beginnen. Die Aufnahmen der Kameras in Zügen sollen mit Hilfe Künstlicher Intelligenz ausgewertet werden. Die Bilder werden dazu in Echtzeit an die Verkehrszentrale weitergeleitet, wo die KI gefährliche Situationen wie einen Streit unter Fahrgästen erkennen soll. „Das geht in diesem Umfang durch Menschen kaum“, sagte Zijderveld. Ein Pilotversuch der Bremer Stadtwerke in den Straßenbahnen der Hansestadt zeige, dass eine KI-Auswertung sowohl technisch als auch datenschutzrechtlich möglich sei. Der Betriebsratsvorsitzende ist diesbezüglich zwar noch skeptisch, lehnt das Vorhaben aber nicht grundsätzlich ab. „Was gut ist, machen wir“, sagte Damde.
