
An den Aktien- wie an den Anleihemärkten steht in dieser Woche die Zinssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag besonders im Blick. Eine Zinserhöhung im Juni gilt zwar als so gut wie sicher; aber alle Signale über die künftige Linie der Notenbank dürften von den Finanzmärkten begierig aufgenommen werden.
Die Äußerungen aus dem EZB-Rat der vergangenen Wochen von Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel über Bundesbankpräsident Joachim Nagel und EZB-Chefvolkswirt Philip Lane bis hin zum griechischen Notenbank-Gouverneur Yannis Stournaras ließen an einem ersten Zinsschritt im Juni wenig Zweifel. Der wichtigste Leitzins, der Einlagensatz, dürfte damit von 2,0 auf 2,25 Prozent steigen. „Die EZB wird ihre Entschlossenheit zeigen, ein Ansteigen der mittelfristigen Inflationserwartungen zu verhindern“, sagte Karsten Junius, Chefökonom der Bank J. Safra Sarasin.
Weniger klar ist bislang allerdings, wie es danach weitergehen wird. Deshalb dürften Andeutungen zu dieser Frage von EZB-Präsidentin Christine Lagarde in der anschließenden Pressekonferenz aufmerksam verfolgt werden. „Wenn die EZB kommunikativ unterstreicht, dass sich die Rohölspur weiter durch die Inflationsprognosen zieht, bleibt die Tür für eine geldpolitisch straffere Zinslandschaft offen“, sagte Ulrich Kater, der Chefvolkswirt der Dekabank.
An den Finanzmärkten würden derzeit drei Zinserhöhungen für den Euroraum in diesem Jahr eingepreist, berichtete Marco Wagner, EZB-Beobachter der Commerzbank. Er selbst hält diese Erwartung aber für übertrieben, ebenso wie die Ökonomen Robin Winkler und Mark Schattenberg von der Deutschen Bank.
Auch die 44 Volkswirte, die regelmäßig vom Datenanbieter Bloomberg zu ihren Prognosen befragt werden, rechnen im Median nur mit zwei Zinserhöhungen. Verbreitet ist die Meinung, die EZB werde jetzt die Zinsen anheben, dann im Juli eine Zinspause machen und im September noch einmal einen Zinsschritt gehen. Der Einlagensatz stünde dann auf 2,5 Prozent.
Inflation und Kerninflation sind gestiegen
Die Schwierigkeiten mit dem Öl haben jedenfalls länger angehalten, als die EZB ursprünglich erwartet hatte. „Selbst wenn der Krieg im Nahen Osten morgen enden sollte, ist der Schaden für die Inflation bereits angerichtet“, sagte Carsten Brzeski, Ökonom der Bank ING.
Die Inflationsrate im Euroraum war im Mai auf 3,2 Prozent gestiegen, nach 3,0 Prozent im April und 2,5 Prozent im März. Anders als noch im April hatte zuletzt auch die Kerninflation zugelegt, das ist die Teuerung ohne die stark schwankenden Preise für Energie und Lebensmittel, von 2,2 auf 2,5 Prozent. Das gilt als ein Zeichen, dass die Inflation nicht ausschließlich durch die Energiepreise erhöht ist.
Als Folge der Energiekrise waren unter anderem auch die Düngerpreise gestiegen und damit die Preise mancher unverarbeiteter Lebensmittel. In Umfragen hatten außerdem relativ viele Unternehmen aus allen Sparten angegeben, ihre Verkaufspreise erhöhen zu wollen.
Bislang ist es gleichwohl noch etwas vage, wie sehr die Energiepreise auch andere Preise in die Höhe treiben. Zumal der Ölpreis und die Spritpreise zuletzt wieder etwas gesunken sind. Rohöl der Nordseesorte Brent notierte am Montag auf 95 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter); zwischenzeitlich hatte es mehr als 120 Dollar gekostet.
In Deutschland hatte zudem die befristete Senkung der Energiesteuer auf Kraftstoff die Inflationsrate gedrückt. Nach Schätzungen der Deutschen Bundesbank macht das für Mai und Juni jeweils 0,25 Prozentpunkte aus. Danach dürfte die Inflationsrate tendenziell wieder ansteigen.
EZB muss Inflationsprognosen anheben
Die EZB strebt ein Inflationsziel von mittelfristig zwei Prozent an. Deshalb ist es für die Begründung von Zinserhöhungen immer wichtig, wie der mittelfristige Ausblick aussieht. Auf der Zinssitzung am Donnerstag will die Notenbank neue Prognosen vorlegen: Es sei klar, dass diese höher ausfallen müssten, sagte Thomas Hempell vom Vermögensverwalter Generali Asset Management. Im März hatte die EZB 2,6 Prozent Inflation für dieses Jahr erwartet, 2,0 Prozent fürs nächste und 2,1 Prozent fürs übernächste Jahr.
„Die neuen Projektionen dürften einen höheren Inflationspfad zeigen“, sagte Hempell. Er meint: Insbesondere wenn die Prognose für die Kerninflation für das Jahr 2028 auf 2,2 Prozent hochgesetzt würde, wäre das für die „Falken“ im EZB-Rat, also die Vertreter einer strafferen Geldpolitik, ein starkes Argument für weitere Zinserhöhungen.
„Aus unserer Sicht bleibt eine Straffung gerechtfertigt“, hob Michael Krautzberger vom Vermögensverwalter Allianz Global Investors hervor: „Eine Reihe von Angebotsseitenschocks hält die Inflation über dem Ziel, und die EZB ist bestrebt, eine Wiederholung der Situation nach der Covid-Pandemie zu vermeiden, als ein zu spätes Handeln letztlich deutlich stärkere Zinserhöhungen erforderlich machte.“
Abhängigkeit vom Kriegsverlauf
„Ob weitere Zinserhöhungen in diesem Jahr folgen, entscheidet sich am Persischen Golf“, meinte Andreas Bley, Chefvolkswirt des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken. Viele Fragen sind dabei ungeklärt: Wie lange dauert der Krieg? Was heißt das für die Straße von Hormus? Wie hoch bleibt der Ölpreis? Wie stark reagieren darauf die Löhne? Welche Preise treibt das wiederum in die Höhe? Die EZB werde sich jedenfalls am Donnerstag für die nächsten Monate „alle Optionen offenhalten“ und ein „datenabhängiges Vorgehen“ signalisieren, meinte Ökonom Junius.
Was heißt das für Sparer und Hausbauer?
Die Zinsen für Spareinlagen und Baudarlehen hatten in den vergangenen Monaten schon zugelegt. Das könnte dafür sprechen, dass die EZB-Zinserhöhung da nicht mehr ganz viel bewirkt. Mit sinkenden Zinsen ist aber wohl zumindest nicht zu rechnen.
Nach Zahlen der FMH-Finanzberatung in Frankfurt beliefen sich die durchschnittlichen Zinsen auf Tagesgeld in Deutschland am Montag auf 1,57 Prozent. Für Festgeld auf ein Jahr gab es im Schnitt 2,21 Prozent.
Für Hypothekendarlehen mit zehn Jahren Zinsbindung zahlten Kreditnehmer zuletzt durchschnittlich 4,02 Prozent. Dieser Zinssatz war im März über die Marke von vier Prozent gestiegen. Die regelmäßig vom Kreditvermittler Interhyp befragten Fachleute für Baufinanzierung rechnen nun kurzfristig mit eher gleichbleibenden Bauzinsen – längerfristig, in einem Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten, aber mit steigenden Zinsen.
