Das Prinzip von Architekturbaukästen kennt jeder, der mit Klemmbausteinen oder einem anderen Vertreter dieser großen Familie von Konstruktionssystemen gespielt hat: Stein auf Stein entsteht im kleinen Maßstab aus fast beliebig kombinierbaren Elementen ein Bauwerk ganz nach eigenen Vorstellungen. Das kann ein Vorstadthäuschen sein, um es ins Rollenspiel mit Modellautos und Miniaturfiguren zu integrieren, oder eine himmelstürmende Kathedrale nach historischem Vorbild. Wichtig: Das Gebaute lässt sich zerstörungsfrei wieder demontieren und für das nächste Projekt verwenden.
Vor allem seit dem 19. Jahrhundert entwickelte sich die große Vielfalt der Architekturbaukästen. Das Genre weist teils geniale technische Lösungen auf, um die einzelnen Komponenten miteinander zu verbinden. Der Wiesbadener Grafiker Claus Krieger hat eine umfangreiche Sammlung solcher Kästen zusammengetragen. Sein großzügig illustriertes Buch „111 Architekturbaukästen“ (272 Seiten, 38 Euro) erschließt die Kollektion und damit zugleich dieses Kapitel in der Geschichte technischer Spielzeuge. Von Ende 2025 bis Anfang 2026 zeigte das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main Auszüge aus Kriegers Sammlung in der Sonderausstellung „Architekturbaukästen 1890 – 1990“.
Leitmotiv kindlichen Rollenspiels
Vermutlich ist die Geschichte des Bauens im Miniaturmaßstab fast so alt wie die Errichtung realer Architektur aus Holz, Lehmziegeln, Stein und anderen Werkstoffen. Schließlich ist die Nachahmung realer Lebenswelten ein Leitmotiv kindlichen Rollenspiels. Das funktioniert auch mit vorgefundenen Materialien, in der Forschung Spielmittel genannt.

Modular aufgebaute Architekturbaukästen mit reversibler Verbindung der einzelnen Elemente hingegen gehören zu den handwerklich oder industriell gefertigten Spielwaren. Sie heben das Bauspiel auf eine neue Ebene: Die vom System vorgegebene Technik erleichtert die Montage, während bei der konstruktiven Kreativität hinsichtlich des Vorbilds und der Dimension großer Gestaltungsspielraum bleibt.
Normiert und austauschbar
Der Sammler beschreibt die Rahmenbedingungen, denen er selbst beim Aufbau seiner Kollektion folgte. Die Komponenten des jeweiligen Systems sollen normiert und austauschbar sein, zum Bau soll keine dauerhafte Fügetechnik wie Kleben oder Nageln notwendig sein. Modellbausätze für Miniaturwelten (zum Beispiel jene der H0-Eisenbahn) fallen also nicht in die Kategorie.

Bei der Ordnung der Baukästen richtet sich Krieger nach Werkstoffen (Holz, Stein, Kunststoff) und Themen (einzelne Gebäude und ganze Dörfer oder Städte). In den Beschreibungen der verschiedenen Kästen und Systeme greift er auch das Ordnungsprinzip der Bindigkeit auf, mit dem Konstruktionsspielzeuge oft kategorisiert werden. Dieses reicht von nullbindig (die Komponenten werden einfach aufeinandergestapelt, die Konstruktion hält lediglich durch Schwerkraft und Reibung) über einbindig (in die Elemente integrierte Technik wie Noppen und Nuten stabilisieren das Bauwerk) bis zu zwei- und dreibindig (die Elemente werden durch zusätzliche Komponenten verbunden, typisch sind einzelne Elemente wie Stifte oder zweiteilige Schraube-Mutter-Verbindungen).
Richtig stabil sind sie nicht
Der Ursprung des Architekturspiels waren nullbindige Holzbausteine, Bauklötze, mit denen sich die Baukästen aus dem zweidimensionalen Legespiel in die dritte Dimension erhoben. Richtig stabil sind mit solchen Elementen konstruierte Bauwerke aber nicht, weshalb mit der Zeit verschiedene Fügetechniken aufkamen. Heute haben sich einbindige Klemmbausteine aus Kunststoff von verschiedenen Herstellern durchgesetzt. Die meisten Systeme sind kompatibel zu den Steinen der dänischen Marke Lego. Auf dem Markt gibt es klassische Themenbausätze generischer Gebäude, etwa Feuerwache, Stadthaus, Bahnhof, aber auch Miniaturen bekannter Sportstätten und architektonischer Ikonen. Lego hat bereits 2008 eine eigene Reihe Architecture auf den Markt gebracht.

Das Familienunternehmen Lego hat den Klemmbaustein groß gemacht, es hat das Prinzip von Bausteinen mit Noppen aber nicht erfunden. Dem Unternehmen aus Billund gelang es vielmehr, frühere Ideen und Konzepte für solche Bausteine aus Kunststoff durch intensive Entwicklung zu perfektionieren. Claus Krieger selbst sammelt keine modernen Klemmbausteinkästen. In seinem Buch hat das Thema über die älteren Systeme dennoch seinen Platz gefunden. Zu nennen wären beispielsweise Batima (Belgien, 1930er-Jahre), Minibrix (Großbritannien, 1940er-Jahre) und Idema (Deutschland, 1960er-Jahre). Selbst Modellbahn- und Metallbaukasten-Pionier Märklin brachte in den 1970er-Jahren ein Spielsystem aus Kunststoff heraus, dessen Elemente mit Noppen verbunden wurden.
Erfindet sich stets neu
Als Märklin plus erschien, hatte sich Lego aber längst im Architekturspiel und für viele andere Themen an die Spitze der Branche gesetzt. Der moderne Legostein mit Noppen und Klemmkonstruktion im Innern wurde 1958 patentiert. So entstand eine Spielwelt, die sich stets neu erfindet. In der Szene der engagierten Lego-Baumeister von heute ist der Maßstab 1:43 wichtig für die Konstruktion von Gebäuden und ganzen Straßenzügen. Er orientiert sich am Format der 1975 eingeführten und 1978 schließlich in der heutigen Form auf den Markt gebrachten Minifiguren.

Es lohnt sich, den kleinen Geschichten in Claus Kriegers technischer Historiographie des architektonischen Spielens zu folgen. Immer wieder öffnet sich die Perspektive über die Rolle der Baukästen als Spielzeug hinaus. Sie werden als Zeugen real gebauter, geplanter und imaginierter Architektur ihrer Zeit begreifbar, geprägt von ästhetischen wie politischen Rahmenbedingungen. Auch als Wirtschaftsgüter und Ergebnis von sich entwickelnder Produktionstechnik erscheinen die Kästen mit ihren Bauteilen.
„Keine Ausstellung ohne Anfassen“
Die Sichtweise der Mädchen und Buben, die vor 40 oder auch vor 100 Jahren mit solchen Baukästen gespielt haben, hatte die Sonderausstellung mit einem besonderen Kniff lebendig werden lassen. Nach der Maxime „keine Ausstellung ohne Anfassen“, so Architekt und DAM-Kurator Oliver Elser, gab es zwischen den Vitrinen Spielstationen für die Besucher. Hier konnte man mit im Maßstab 3:1 vergrößerten Elementen von Architekturbaukästen selbst konstruieren – eine Umkehr des im Spielzeug üblichen Prinzips der Miniaturisierung.

In der heutigen Spielwarenbranche gibt es neben Klemmbausteinen nach wie vor andere Architekturbaukästen, wenn auch die Zahl gering ist gegenüber den einst Hunderten von Herstellern. Eine Renaissance erfährt seit mehr als zehn Jahre der ikonische Klassiker Ankerstein. Die von den pädagogischen Konzepten Friedrich Fröbels inspirierten Bauelemente wurden von 1884 bis in die 1960er-Jahre hinein hergestellt. Die Kunststeine gelten als erstes Systemspielzeug und werden seit 1995 wieder im thüringischen Rudolstadt mit dem historischen Verfahren produziert.
Dazu mischt Ankerstein Sand, Kreide, Naturpigmente und Leinöl. Das Material wird unter hohem Druck gepresst, anschließend härten die Elemente unter Wärme aus. So entstehen Kunststeine mit wunderbarer Haptik. Modellvorschläge reichen vom Haus am Horn, entworfen von Walter Gropius, über die Frauenkirche in Dresden bis zum Barockschloss Moritzburg.
Den Ankersteinen widmet sich auch die Anfang März eröffnete Ausstellung „Steine, die Geschichte schreiben“ im Museum Schlosspark in Bad Kreuznach. Sie zeigt gebaute Modelle, Baukästen sowie historische Medien und ist noch bis 9. August 2026 zu sehen.
