Es ist nicht leicht, das Haus von Jorgos Trimis zu finden. So zurückgezogen lebte er, als wollte er nicht gefunden werden, als sollte sein Leben, das Stoff für einen dicken Abenteueroman bietet, im Verborgenen bleiben. Es ist 1949 und der griechische Bürgerkrieg gerade zu Ende gegangen, als Jorgos Trimis, ein schmächtiger, 25 Jahre alter Mann, getrieben von Abenteuerlust und Rastlosigkeit, ein Schiff in Richtung Lagos in Nigeria besteigt. Er findet Arbeit bei einer englischen Handelsfirma, reist durch Nigeria, Benin, Togo, durch ganz Westafrika, lebt in Accra, später in Khartum, lernt Suaheli und Amharisch, durchquert die Kalahari, reitet durch die nubische Wüste, begegnet Haile Selassie, dem letzten Kaiser Äthiopiens, und dient ihm als Verwalter. Jorgos Trimis war am Ziel seiner Sehnsucht angekommen: in jener Welt zwischen Kairo und Kapstadt, von der er schon als Junge geträumt hatte.
1969 kehrte er zurück nach Griechenland. „Ich hatte mich satt gesehen, hatte mehr erlebt, als ein Leben fassen kann“, sagte Trimis. Im Parnon, unweit von Kosmas, fand er ein verlassenes Kloster, kaufte es samt Grundstück und pflanzte 500 Walnussbäume. Den Parnon verließ er nicht mehr, allenfalls um seine Tochter in Athen zu besuchen. Er lebte in einem Drei-Zimmer-Refugium, ohne Strom und ohne Telefon. Der Kühlschrank war eine vergitterte Ablage am Fenster. Das Wasser schöpfte er aus dem Brunnen. Er sammelte Brennholz, zog im Garten Gemüse, und wenn man ihn fragte, was er vermisse, blickte er aus dem Fenster und sagte heiter: „Was du zum Leben brauchst, findest du hier.“ Es klang wie eine Verheißung.
Ein Leben als glücklicher Eremit
Jorgos Trimis ist vor Jahren gestorben. Sein Haus steht noch immer, eine von Büschen und Astwerk überwucherte Ruine. Alles ist fort. Seine Möbel, sein selbstgebauter Kühlschrank, seine Katzen, sein Ford Taunus. Nichts als brüchiges Mauerwerk ist geblieben und mit ihm 500 Walnussbäume und ein Grab in Kosmas. Die Älteren erinnern sich an ihn, natürlich, Jorgos Trimis, der Afrikaner, der Kosmopolit, der Mann, der unweit des Dorfes wie ein Eremit lebte. Wer kennt ihn nicht.
„Er liegt hier auf dem Friedhof“, sagt einer im Kaffeehaus. Wie die Ränge eines Amphitheaters schmiegen sich die am Hang erbauten Steinhäuser von Kosmas aneinander, mit Blick aufs Meer und einem Wald aus Tannen und Kastanien im Rücken. Sieben mächtige Platanen beschatten den Dorfplatz. Aus Bächen gespeist, sprudeln die Brunnen an 365 Tagen im Jahr. Bei klarer Sicht sind die Inseln Spetses und Hydra zu sehen. Fast alle Häuser in Kosmas wurden nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut. Die Wehrmacht hatte sie 1944 zerstört und abgebrannt. Eine Vergeltungsmaßnahme. Partisanen hatten italienische und deutsche Truppen angegriffen. Ganze zehn von 500 Häusern ließen die Deutschen übrig.

Man sitzt am Dorfplatz im Kaffeehaus, unterhält sich mit den Männern und der Wirtin, stöbert in der Vergangenheit, bei Trimis und den Gräueln des Zweiten Weltkriegs, doch kein Wort der Verbitterung oder des Vorwurfs kommt ihnen über die Lippen. „Das ist lange her“, sagt einer. „Es ist vorbei“, ein anderer. „Du hast nichts damit zu tun“, sagt ein Dritter. Nicht weniger schrecklich war der anschließende Bürgerkrieg. 1949 unterlag der bewaffnete Arm der Kommunistischen Partei Griechenlands den Regierungstruppen in Athen. Bis 1975 spalteten die Sieger die Nation unversöhnlich in zwei Lager auf, in Patrioten und Landesverräter. Denkmäler zeugen von den Jahren des Unheils. Wie Erinnerungssplitter stecken sie in den Dörfern des Parnon.
Man kann nicht durch das Gebirge reisen, ohne an den Krieg erinnert zu werden. In ausgetrockneten Flussbetten geht es durch rauschende Tannen- und Kiefernwälder hinauf zu einer kleegrünen Hochfläche. Freilaufende Pferde grasen. Megali Tourla, der höchste Gipfel des Parnon mit Blick auf Spetses, flankiert das Hochplateau. 1943 warfen hier britische Flieger Waffen und Munition ab. Der Parnon war eine Hochburg der Guerillabewegung, die die Alliierten unterstützten und später bekämpften.
Fast wie im Schwarzwald, nur sonnendurchtränkter
Der Parnon ist Hinterland, ein 110 Kilometer langer Landstrich abseits der üblichen Reiserouten auf dem Peloponnes. Ihm fehlt das Spektakuläre seines männlichen Gegenübers, des schroffen, von Granit bedeckten Taygetos. Der Parnon ist dicht bewaldet. Landwirtschaftlich genutzte Flächen gibt es kaum. Er ist ein arkadisches Fleckchen Erde. Lieblich, mild, mit weichen Silhouetten und von Alpenveilchen gesprenkelten Hochweiden. Keine Busse quälen sich die engen, kurvenreichen Straßen hinauf. Mitunter versagt sogar das Handy. In einem Land mit ausgeprägtem Kommunikationsbedürfnis wird der Empfang zum Gradmesser der Betriebsamkeit einer Region. Mavrilles nannten die Einheimischen ehrfürchtig das Herzstück des Gebirges – dunkle Plätze. So unheimlich kamen ihnen die vielen Tannen und Schwarzkiefern vor.
Der Parnon bietet, was dem Tiefland fehlt und wovon seine Bewohner träumen, im Sommer vor allem, wenn die Küsten des Peloponnes staubig und erschöpft unter einer glühend heißen Sonne liegen: das leuchtende Grün der Linden und das Herbstrot des Ahorns, Birken, Eichen, Zedern, blühende Apfel- und Kirschbäume, sprudelnde Bäche, von Schwarzkiefern eingezäunte Dörfer, Walnüsse, Kastanien, Pilze. Man kann fischen, mit dem Mountainbike durch schattige Wälder fahren oder wandern und sich dabei ein bisschen fühlen wie im Schwarzwald. Nur einsamer ist es, stiller und sonnendurchtränkter.

Märchenhafte Geschichten haben sich im Parnon zugetragen, Geschichten, die man sich immer wieder erzählt, so ungewöhnlich, so beeindruckend sind sie. Eine handelt von Stavros Spyros Niarchos, dessen Vater, Spyros Niarchos, einst aus dem ärmlichen Bergdorf Vamvakou nach Athen zog, wo sein Sohn geboren wurde und zum milliardenschweren Reeder aufstieg, ja zum größten Rivalen von Aristoteles Onassis, dessen Schwager er schließlich wurde. Eine Biographie, von der alle Griechen träumen. Heute befindet sich im Athener Stadtteil Kallithea ein von Renzo Piano entworfener, weitläufiger Kulturkomplex, bestehend aus der Nationaloper, der Nationalbibliothek und einer großen Parkanlage, ergänzt von einem 400 Meter langen Wasserkanal – alles gestiftet von der Stavros Niarchos Foundation, gegründet vom 1996 verstorbenen Reeder und Milliardär Stavros Spyros Niarchos, dem Sohn eines Mannes aus einem bitterarmen Bergdorf im Parnon. Aber das ist nur eine Geschichte von vielen am Wegesrand.
Flucht in die Freiheit vor Steuereintreibern und Piraten
Dörfer gibt es viele im Parnon. Wie versteckt liegen sie mitten in den Wäldern. Das hat historische Gründe. Hoch oben, auf tausend Metern, war das Land frei von Malaria, und weder Steuereintreiber noch Piraten ließen sich blicken. Selbst die Türken kamen selten. Mit stolzer Genugtuung blickte man herab auf die besetzten Dörfer in den Tälern und an den Küsten. Ein letztes Stück Freiheit war nur in den schwer zugänglichen Bergen zu finden. Manche Dörfer im Parnon sind quicklebendig, andere kaum bewohnt, wieder andere liegen wie Inseln in der Landschaft und sind nur schwer erreichbar. Wie nach einer Odyssee fühlt man sich, wenn man durch dichten Wald und über verschlungene Bergpisten endlich in einem Dorf ankommt und damit in der Zivilisation.
Ins Gespräch zu kommen, ist leicht im Parnon. Die Bergbewohner sind ein geselliges Völkchen, mitteilsam, unverblümt, ausgestattet mit griechischer Wissbegierde. Man trifft junge Landärzte, die über die Dörfer fahren und in Kafenions Sprechstunden halten. Auch Großmüttern mit buntem Kopftuch begegnet man. „Mein Goldstück“, „mein Stolz“ nennen sie dich. „Woher kommst du?“ Da ist die 83 Jahre alte Tasia aus Vasaras, die von den Tagen der Seidenraupenzucht schwärmt und von ihrer Jugend. „Nichts ist geblieben“, sagt sie seufzend. „Nichts als alte Leute.“ Da ist Apostolis, ein 44 Jahre alter Familienvater, der in Veria ein Haus gebaut hat, weil er genug hatte vom Lärm und Stress in Sparta. Veria ist kaum mehr als ein großer, verwilderter Garten mit von Birnbäumen und Rosenbüschen bewachsenen Mauern, so verträumt, dass man getrost den Tag liegend im Gras verbringen kann. Da ist auch die kleine Sophia, neun Jahre alt. Für sie ist ihr Kastanitsa das schönste Dorf auf der Welt. Sie könnte recht haben. Man kann sich verlieben in das in einem Meer aus Kastanienbäumen liegende Dorf, in seine hölzernen Balkone und in die mit silbergrauen Schieferplatten gedeckten Dächer. Aber das sind nur flüchtige Begegnungen.
Besonders beliebt bei den Griechen ist Tsintzina, das im Zuge der Hellenisierung in den Fünfzigerjahren in Polydroso umbenannt wurde. Das von Bergen und Wäldern eingeschlossene Dorf ist eine winzige Häuseroase, so versteckt und abgelegen, dass Aris Velouchiotis, einer der wichtigsten Anführer der Griechischen Volksbefreiungsarmee, sich hier sicher vor der Wehrmacht fühlen konnte. Es heißt, er und seine Leute hätten ganze zwei Wochen im Dorf verbracht.

Polydroso liegt 1100 Meter hoch. Im Sommer ist es angenehm kühl, daher der Name: Polydroso bedeutet „sehr frisch“. Zehn Wassermühlen standen einst unterhalb des Dorfes. Sie sägten Holz, mahlten Getreide. Zwölf Tavernen gab es, und die Schule platzte aus allen Nähten. Das ist vorbei. Mit dem Abzug der Türken entvölkerte sich nach und nach Polydroso, ja der ganze Parnon. Herrenlose Ländereien und die Städte lockten die Bergbewohner hinunter ins Tiefland. Heute stehen die vierzig Steinhäuser sechs Monate lang leer. Liegt im Winter Schnee, ist das Dorf nicht erreichbar. Im Sommer aber kann sich Polydroso vor Besuchern nicht retten. Vor allem Griechen kommen. Sie parken den Geländewagen in der Dorfmitte, trinken Frappé und Schnaps, essen Berge von Koteletts, spazieren eingepackt in Daunenwesten zwischen den Häusern, kehren erschöpft zurück, rauchen eine letzte Zigarette und fahren davon.
Dabei könnten sie auch zum 900 Jahre alten Kloster Anargyri wandern, in dem die Mönche die Besucher mit einem Schnaps empfangen und ihnen die von Abertausenden Lippen abgenutzte Ikone des heiligen Anargyri zeigen. Oder sie könnten die Kapelle Agios Ioannis besuchen, die hoch über Polydroso in lotrecht abfallenden Felswänden thront und wie eine Burg mit Schießscharten bewehrt ist. Rund um Polydroso erstreckt sich ein 53 Kilometer langes Wandernetz, initiiert vom ehemaligen Bürgermeister Jannis Spiridis, der nach etlichen Besuchen im amerikanischen Sequoia-Nationalpark davon träumte, kalifornische Mammutbäume anzupflanzen, um so den Parnon zu verschönern und mehr Besucher anzulocken. Jannis Spiridis hat beste Arbeit geleistet. Alle Wanderwege sind gut markiert, ein Novum in Griechenland. Sich rund um Polydroso zu verlaufen, ist nur möglich, wenn man genügend Ouzo getankt hat.
Folgt man den Ausläufern des Parnon, etwa in Richtung Kiparissi und ein Stückchen weiter, entlang jener Straße, die sich durch eine trostlose, von Ziegen abgefressene Hügellandschaft zieht, gelangt man nach Kapsala. Der Ort gehört zu Lakonien, wie die Dörfer des Parnon. Was in dem Gebirge eine Selbstverständlichkeit war, hat sich in Kapsala nie erfüllt. Eine asphaltierte Straße, Strom, Telefon, fließend Wasser, eine Schule, ein Arzt, nichts davon erreichte das Dorf. Kapsala verpasste den Anschluss an die Gegenwart. Die Menschen verließen den Ort und kamen nie wieder zurück. Korkeichen, Disteln, wilder Hafer und Kräuter haben das Dorf und die Gemäuer zurückerobert. In einem zerfallenen Haus hängt ein Rasierspiegel an einem Nagel. In der Ecke stehen ein Bett und ein Bündel Schilf. Dimitris Mavromichalis wurde vor 90 Jahren in Kapsala geboren.
Er kann nicht schreiben und nicht lesen. Aber er wusste, dass er und seine Familie das Dorf verlassen mussten, um eine Zukunft zu haben. Dimitris konnte nachts „die elektrischen Lichter“ in Kosmas sehen, während Kapsala in petroleumbeschienener Finsternis lag. „Das Leben war unsäglich schwer, eine Qual“, sagt er. Zu viert haben sie einen 500 Kilo schweren Mühlstein vom Strand bis zur Ölpresse hinaufgerollt. Fünf Tage hat das gedauert. Das war 1960. 1869 fuhr die erste Metro in Athen.
Dabei war Kapsala in der Geschichte Lakoniens nie vorgesehen. Ein Sohn des berüchtigten und einflussreichen Mavromichalis-Clans in der Mani hatte einen Mann auf dem Gewissen. Aus Angst vor Rache floh er an die Ausläufer des Parnon und versteckte sich in Höhlen am Meer. Doch der Mensch ist nicht geboren zum Alleinsein. „Also stahl er eine Frau“, sagt Dimitris Mavromichalis, keine Seltenheit zu dieser Zeit. Er zeugte Kinder, baute ein Haus, die Kinder wuchsen, die Großfamilie auch, neue Häuser kamen hinzu, ein Dorf entstand. Glaubt man dieser Erzählung, war Mord der Grundstein Kapsalas. Doch ein Verbrechen kann kein tragfähiges Fundament für einen Ort bilden. Kapsala ist in die Ödnis und in den Staub zurückgesunken und nie wieder auferstanden. Vergossenes Blut bringt eben kein Glück.
