Was hält länger, ein Rosenstrauch oder ein starkes Gefühl? Die junge Frau im wallenden Gewand, das sie hinter Tüchern und Falten fast versteckt, verspricht jedenfalls, dass sie in emotionaler Hinsicht beständiger als die Natur ist: „Die Quelle verrinnt, die Blume verblüth, / Doch nie das Gefühl, das im Busen mir glüth“, steht neben dem Bild, das sie zart lächelnd vor einem Wasserlauf und einem Bund mit Rosen zeigt.
Das ist zunächst eine Behauptung. Wer wissen will, ob sie es ernst meint, macht die Probe, indem er an einer Lasche zieht, die unten aus dem etwa postkartengroßen Bild ragt. Denn damit ändert sich die Szenerie: Die Quelle verschwindet, der Strauch ist schlagartig von allen Blüten befreit. Die junge Frau aber zieht aus dem Inneren ihres Kostüms ein weiteres Tuch mit der Aufschrift: „Ihre Freundin zu seyn“.
Die verborgene Botschaft
Ob es das ist, was sich erwartet, wer diese Karte, entstanden um 1830 im Nürnberger Verlag von G. N. Renner, empfangen hat? Oder ist umgekehrt diese Offenbarung in ihrem Wortlaut gerade noch an der Grenze des Schicklichen, was das Verhältnis der Senderin zum Empfänger – oder der Empfängerin – betrifft? Ist es der Versuch, ein aufkommendes Liebesverhältnis zu befördern, oder geht es umgekehrt darum, einem stürmischen Verehrer, der sich von der geheimen Nachricht anderes erwartet hätte, behutsam zu signalisieren, dass seine Neigung nicht erwidert wird?
Karten wie diese waren ein fester Bestandteil der Geselligkeitskultur des achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhunderts. Sie wurden vor allem zu Neujahr gekauft und verschenkt. Besonders beliebt waren Karten, die durch einen Mechanismus eine jeweils zunächst verborgene Ansicht offenbaren: durch Ziehen an einer Lasche oder einem Bestandteil des Bildes, durch Anheben einer kunstvoll zerschnittenen Papierschicht, durch das Halten der transparenten Karte gegen das Licht und dergleichen mehr.

Im Romantikmuseum in Frankfurt ist nun eine Sonderausstellung zu sehen, die solchen historischen Grußkarten gewidmet ist. Sie verdankt sich der reichen Sammlung von Andreas Dietzel, der sie über lange Zeit zusammengetragen und 2025 dem Museum geschenkt hat. Ein doppelter Glücksfall: Zur Großzügigkeit des Sammlers, der mit der Schenkung für einen dauerhaften Erhalt der Karten ebenso sorgt wie für die Möglichkeit, sie langfristig zu erforschen, kommt als Voraussetzung, dass sich die fragilen und für den Gebrauch gemachten Papierkunstwerke überhaupt erhalten haben.
Dass jedenfalls die Mechanismen für den Wechsel zwischen den Bildern oft kompliziert und störanfällig sind, zeigt die Ausstellung an einigen Beispielen und in einem instruktiven Film, zudem widmet sich ein Katalogbeitrag von Peter Rawert diesem Aspekt. Es ist die Voraussetzung dafür, dass die Verblüffung des Empfängers, auf den die Karten angelegt sind, überhaupt gelingt.
Was für eine Gesellschaft spiegelt sich da?
Für die Ausstellung und ihre Kuratoren Andreas Dietzel, Christiane Holm und Joachim Seng ist das keine kleine Herausforderung: Die empfindlichen Exponate müssen in Ruhe gelassen werden, während die Besucher, um das Erlebnis der früheren Empfänger nachzuvollziehen, eigentlich ständig an den brüchigen Laschen ziehen müssten. Das ist hier vorzüglich durch vergrößerte Abbildungen der verborgenen Zustände gelöst worden, und auch die Beleuchtung der insgesamt etwa 100 Exponate ist mit schonenden 50 Lux völlig ausreichend.
Umso aufmerksamer wird man verfolgen, welche Wirklichkeit die Karten einfangen und reflektieren, welche Zeit, welche Gesellschaft und welche sozialen Rollen. Unter den Neujahrskarten sind solche, die von den Dienstboten an ihre Herrschaft übergeben wurden, wofür wahrscheinlich ein Geldgeschenk erwartet wurde, und auf denen das vorgefertigte vertrauliche „Du“ handschriftlich in ein „Sie“ verändert wurde, um der Herrschaft nicht zu nahe zu treten.
Ich kann es nicht sagen
Andere loten die Grenzen des Sagbaren aus oder scheinen das zumindest in modernen Augen zu tun. Wenn etwa 1820 auf einer inhaltlich der Freundschaft gewidmeten Karte im zweiten Bild ein junger Jäger von einem zweiten umhalst wird, der deutlich androgyne Züge trägt, dann nimmt die Karte damit ein Thema auf, das auch die Literatur der Zeit beschäftigt: das Spannungsfeld von Freundschaft und Liebe zwischen jungen Männern, wie es etwa in den Romanen Hans Christian Andersens durchgespielt wird.
Was lässt sich mit Karten sagen, was sonst nicht so leicht gesagt werden kann oder darf? Auf einer von Conrad Riedel verlegten Karte aus dem Jahr 1817 steht ein Mädchen, vielleicht auch ein Junge mit langen blonden Haaren, an einem Baumstamm. Sie verdeckt eine Stelle mit der Hand. Darunter steht: „Ich kann es dir nicht sagen / Was mich vom Schlummer wecket / Verschone mich mit Fragen, / Sieh was die Hand bedecket. / Ich sag es nicht verschone mich ! – / O schau nicht hin! – …“ Wer an der Lasche unter dem Bild zieht, sieht die Hand nach unten rutschen. Zum Vorschein kommt der Reim: „Ich liebe Dich.“

Schau hin, schau nicht hin, ich kann es nicht sagen, lies selbst: Die Karte soll eine komplizierte Gefühlssituation zwischen Verbergen und Aufdecken abbilden, aber sie bezieht auch auf raffinierte Weise den Empfänger oder die Empfängerin mit ein: Denn das Verdecken der verräterischen Inschrift durch die gezeichnete Hand wird durch die reale Hand, die an der Lasche zieht, aufgehoben. Diese schiebt sich ins Bild und greift ein, die Enthüllung gegen den geäußerten Willen auf der Karte – „O schau nicht hin!“ – ist ebenso deutlich sichtbar wie die Botschaft. Wer das Verborgene sichtbar macht, das gilt hier und auf den übrigen Karten auch, ist selbst schuld und muss mit den Folgen leben.
Tatsächlich geht es nicht um einzelne Exponate, auch wenn viele der hier gezeigten Karten schon für sich genommen erstaunlich und kunsthandwerklich beeindruckend sind. Es geht um die Ahnung einer längst vergangenen Gesellschaft, die uns die Ausstellung vermittelt, eines Rituals, das der Kommunikation dient und zwischen Gleichförmigkeit und Individualität pendelt und sich dabei als erstaunlich innovativ erweist.
Es ist nicht egal, ob man Karten zu Neujahr verteilt oder nicht, wem man sie schenkt und ob man die vorgegebene Beschriftung verändert, etwas streicht, etwas hinzufügt. Wie in jeder Mode kann die Karte, die im vergangenen Jahr noch überraschend und beliebt war, zwölf Monate später als Zeichen von Einfallslosigkeit erscheinen. Und dass auch im Bereich der Freundschafts- und Liebesgeständnisse allein die Sammlung Dietzel so viele Variationen aufweist, zeigt nur, dass auch hier die originellsten Varianten bald als angestaubt wahrgenommen wurden.
Wahrscheinlich ist das auch der Grund dafür, dass nach 1830 die Kartenflut deutlich abgenommen hat, während die nicht an den Jahreswechsel gebundenen, vergleichsweise schlichten Visitenkarten bis heute hergestellt und verteilt werden.
