Wir Gewerkschaften haben die Zukunft immer schon gestaltet, anstatt sie nur zu erwarten. Wer die Arbeits- und Lebenswelt besser macht, kann es sich nicht erlauben, nur im Jetzt zu denken. Zukunft sollte keine Drohkulisse sein, sondern ein Versprechen.
Zeitreise nach 2036
Mitte der 2030er: Die deutsche Industrie hat in einem schmerzhaften, aber erfolgreichen Kraftakt die Umstellung zur erneuerbaren Fertigung bewältigt. Nach diesen schmerzhaften Jahren für die deutsche Industrie und heftigem Druck aus der IG Metall kam die Einsicht aus Wirtschaft und Politik: Investitionen in neue Technologien und Produkte wurden massiv ausgeweitet.
So konnten Künstliche Intelligenz, Robotik, Quantencomputing sich gleichermaßen etablieren wie Batteriefertigung, konsequente Kreislaufwirtschaft und grüne Technologien. Bekannt als „Neue Stärke“ oder „New Power“, hat dies dazu geführt, dass der Wandel der deutschen Industrie als gelungen gilt. Dies ist mit Blick auf den immer stärker spürbaren Klimawandel von enormer Bedeutung.
Die neue Stärke der deutschen Wirtschaft ruht dabei im Wesentlichen auf zwei Säulen. Zum einen konnte die deutsche Automobilindustrie mit innovativen Produkten wieder an frühere Erfolge anknüpfen. Die Konkurrenz aus China ist zwar nach wie vor stark, aber gerade von den chinesischen Herstellern haben die Deutschen viel gelernt und zum Beispiel die schnelleren Entwicklungszyklen übernommen.
Sich das leisten können, was man selbst produziert
Zum anderen konnten in vielen Bereichen die klassischen deutschen Stärken in der industriellen Fertigung mit Digitalisierung und KI verbunden werden. Die Verbindung von hoher Qualität mit gleichzeitig hoher Individualisierungsmöglichkeit für die Kunden ist dabei eine besondere Stärke – beispielsweise im Bereich der Medizintechnik.
Die Gewinne aus diesem Umbau der Industrie kommen bei den Beschäftigten an, über stabile Beschäftigung und Löhne, durch die man sich das leisten kann, was man selbst produziert. Denn so wichtig starke Exporte sind, ist gerade eine gute Binnennachfrage eine verlässlichere Garantie für anhaltenden Wohlstand.
Dieses Szenario ist eine Utopie, aber keineswegs gänzlich unrealistisch. Damit es eintritt, müssen politische und betriebliche Entscheidungen konsequent auf dieses Ziel ausgerichtet werden. Es braucht klare Rahmenbedingungen und den Willen zum Gelingen. Das wird nicht ohne staatliche Investitionen zu machen sein. Aber 2036 werden wir froh sein, dass der Staat an wenigen, aber entscheidenden Stellen eingegriffen hat.
Verlorene industrielle Fähigkeiten als Managementfehler
Zukunft geht nicht ohne Menschen. Mitte der 2030er werden wir froh sein um jede und jeden, den wir in der Vergangenheit nicht zurückgelassen haben. Über alles Know-how, alle Erfahrung, gute Ausbildung, die über zukünftige Wettbewerbsfähigkeit entscheiden.
Standortschließungen und Abwanderung, so nötig sie damals erschien, bereuen viele nun sehr. Verlorene industrielle Fähigkeiten werden als damaliger Managementfehler gesehen, den man nicht wiederholen will. Es hat sich der Grundsatz durchgesetzt: Wer schlau ist, vollzieht die Transformation nur einmal: Da, wo Strukturen, Qualifikationen und Produktion bereits jetzt bestehen.
Ich blicke in zehn Jahren stolz auf Deutschland, seine Industrie, seine stabile Demokratie und vor allem die IG Metall, die den wirtschaftlichen und politischen Wandel maßgeblich eingefordert und mitgestaltet hat. Ich erinnere mich, wie hart es war, wie sehr es an uns allen gezehrt hat. Aber ich bin zufrieden, dass es sich gelohnt hat – und ich weiß: Wir haben gemeinsam das Richtige getan.
Christiane Benner ist seit 2023 als erste Frau erste Vorsitzende der Industriegewerkschaft Metall mit gut zwei Millionen Mitgliedern. Die Diplom-Soziologin ist Mitglied der SPD.
Morgen: Teil 5 der Serie mit Ricarda Lang.

