Chefredakteurin Miranda Priestly ist eine Frau nach Friedrich Merz’ Geschmack. Work-Life-Balance kennt diese Teufelin in Prada nicht: Ihr Leben ist die Modezeitschrift „Runway“ – nicht weniger fordert sie von ihren Mitarbeiterinnen. Mental Health? Pah, wer zu schwach ist, um im High-Fashion-Zirkus die Nerven zu bewahren, gehört den Cartier-Panthern zum Fraß vorgeworfen! Feste Arbeitszeiten? Nicht in Mirandas kühnsten Träumen. Schließlich muss ja jemand frühmorgens ihren frisch gebrühten Latte macchiato besorgen. Homeoffice? Lächerlich! Von zu Hause aus hat noch niemand fünfzehn Röcke von Calvin Klein in Windeseile aufgetrieben oder das Manuskript eines unveröffentlichten Harry-Potter-Bandes für ihre Zwillinge besorgt. Ja, wer für Miranda Priestly arbeitet, hat nichts zu lachen.
Anders als Anna Wintour, langjährige Chefredakteurin der amerikanischen „Vogue“ und bis heute eine der mächtigsten Frauen der Modewelt: Als „Der Teufel trägt Prada“ 2006 in die Kinos kam, soll sie, vom Scheitel bis zur Sohle in Prada gekleidet, eine Vorstellung in New York besucht – und durchgehend gelacht haben. Sie selbst spielt im übertragenen Sinn die Hauptrolle in dieser bitterbösen Dramedy: Denn Miranda Priestly ist Anna Wintour.
Dass diese Gleichsetzung weit mehr als eine Spekulation ist, gründet auf der Romanvorlage für den Film. Geschrieben hat sie Lauren Weisberger, eine frühere Assistentin Wintours, die stets betont haben soll, es handele sich um eine fiktionale Erzählung (als fürchtete sie, ihre alte Chefin könne sie für die Nestbeschmutzung mit den Absätzen ihrer Prada-Pumps erstechen) – was die Phantasien über das Terrorregime der pelztragenden hohen Richterin der Mode nur noch mehr angeregt hat.
Warum „Der Teufel trägt Prada“ ein Kultfilm ist
Zwanzig Jahre später gilt „Der Teufel trägt Prada“ als Kultfilm der Nullerjahre. Wohl, weil keine andere Produktion – die HBO-Serie „Sex and the City“ ausgenommen – diese magische, voller Hoffnungen und Sehnsüchte aufgeladene Manhattan-High-Fashion-Glitzerwelt, für die New York, die „Vogue“ und auch Wintour in jener Zeit standen, besser einfangen konnte.
Um in jener Welt für Miranda Priestly (Meryl Streep) zu arbeiten, „würden Millionen junge Frauen sterben“. Aber nicht Andy Sachs (Anne Hathaway). Die idealistische Nachwuchsjournalistin hält Kleidung nur für eine unwichtige Nebensache, braucht aber dringend einen Job – und bewirbt sich auf die Stelle der neuen Assistentin von Priestly. So weit die Exposition.
Man kann vorwegnehmen, dass „Der Teufel trägt Prada“ kein guter Film wegen seines Plots ist – der führt auf ein relativ fades Ende zu: Andy entscheidet sich gegen die Karriere, nachdem sie kurzzeitig louboutinrotes Blut geleckt hatte, ihr reines Herz aber bewahren will – und auch nicht wegen jener etwas blassen Heldin, obgleich Anne Hathaway die ständigem Bodyshaming ausgesetzte Andy hinreißend spielt. Ihre Chefin etwa bezeichnet die gertenschlanke Frau als „dickes Mädchen“.
Allein um Zeuge dieser so boshaft guten Darstellung zu werden
Der Grund, warum weltweit große Teile der Generation X und der Millennials dem zweiten Teil entgegenfiebern (er läuft in Deutschland vom kommenden Donnerstag an in den Kinos), ist das hervorragende Dreigestirn, das Andy auf ihrer Âventiure zum Fashionvamp auf fieseste Weise meist fordert, aber auch fördert: Emily Blunt spielt Miranda Priestlys erste Assistentin Emily Charlton so herrlich bissig und dauergestresst, dass man hofft, selbst nie mit ihr in einem Büro zu sitzen. Ihre erste überhebliche Bemerkung, als Andy zum Vorstellungsgespräch erscheint: „Die Personalabteilung hat ja einen sehr schrägen Humor.“ Die schroffe Art dieser Antagonistin soll die sehr liebenswerte und sensible Seite einer Frau übertünchen, die verzweifelt um die Anerkennung ihrer Chefin kämpft.
Anders als Nigel Kipling (Stanley Tucci), die rechte Hand von Priestly und ein wandelndes Modelexikon, der sich des Respekts der „Drachenlady“ sicher ist. Fällt Andy zu Beginn seinen trockenen und spitzen Bemerkungen zum Opfer („Wer ist denn diese triste Person? Machen wir eine Vorher-nachher-Story, von der ich nichts weiß?“), wandelt er sich zu ihrem warmherzigen Mentor.
Doch der Star ist Miranda Priestly selbst, von Meryl Streep so eiskalt und bitterböse gespielt, dass es ihr eine Oscarnominierung einbrachte. Elegant und grausam wie eine Siamkatze, quält sie Mitarbeiterinnen, als wären diese Kanarienvögel. Ihr mit vernichtender Beiläufigkeit vorgetragenes „That’s all“ (Das war’s) reicht aus, um ein Gespräch zu beenden, bevor ihr Gegenüber überhaupt seinen Satz beenden konnte. Allein um Zeuge dieser so boshaft guten Darstellung zu werden, lohnt sich „Der Teufel trägt Prada“. Doch ein bitterer Beigeschmack bleibt, zwanzig Jahre später: Sicher, auch 2006 konnte man den Film als anklagende Satire auf die Körperfeindlichkeit in der Modeindustrie verstehen – aber eben auch als leichte Komödie, die eine Branche verharmlost und normalisiert, die den Wert einer Frau anhand ihrer Konfektionsgröße bemisst.
