Auf Märkten geht es oft laut und lebendig zu. Es wird gefeilscht und verhandelt, nach besonderen Dingen gewühlt und gekramt, und an Straßenständen stillen Besucher ihren Hunger. Auf Flohmärkten in Japan ist das so, in den Soukhs in Marrakesch und auf den belebten Straßen von Schanghai. Das sind dann auch die Orte, an denen man noch Souvenirs ersteht, für Freunde und Familie, die zu Hause geblieben sind, und für sich selbst. So hat das William Fan gemacht: Er hat von einer langen Reise Erinnerungen mitgebracht, die noch lange bleiben werden.
In der Kollektion „Exchange“ des Berliner Modemachers geht es ums Entdecken, Sammeln, Zusammenstellen, Bewahren. Zu sehen sind luftig geschnittene Hosen, Workwear-Elemente, Mini-Volants an Miniröcken, immer wieder auch seine typischen Tangzhuang-Jacken. Als Auftakt der Berliner Modewoche setzt der Designer damit direkt hoch an. Wobei: Die Designer in der deutschen Modehauptstadt kann man ohnehin nicht vergleichen, so verschieden sind ihre Visionen und Kollektionen für Frühjahr und Sommer 2027, die sie in vier Tagen bis zum Montag präsentiert haben.
Auch Kylie Jenner trägt Laura Gerte
Die Mode von Laura Gerte zum Beispiel ist im Vergleich zum zurückhaltenden William Fan ziemlich sexy. Ihre Entwürfe, die auch von Prominenten wie Kylie Jenner getragen werden, zeigen bei ihrer Schau im Berliner Ensemble viel Haut und zelebrieren Weiblichkeit. Röcke und Kleider aus aneinandergereihten Kordeln sollten aber nicht über die Hintergründe hinwegtäuschen, die sich die junge Designerin für ihre Kollektion „Lost to Virtue“ gemacht hat: Sie wurde inspiriert vom feministischen Manifest der 1882 geborenen Künstlerin Mina Loy. Ein zentrales Thema des Manifests ist die Zerstörung gesellschaftlich vorgegebener Werte, die Frauen an ihrer Selbstverwirklichung hindern. Weiße Kleider mit Rollkragen, die fast ganz die Füße bedecken und nur durch seitliche Cut-outs Haut blitzen lassen, stehen symbolisch für die Restriktionen. Je länger die Schau dauert, desto weniger Stoff ist zu sehen, die Kleider sind oft bauchfrei, Tops bedecken gerade noch so die Brust – symbolisch dafür, dass die alten Werte zerstört und die Frauen befreit werden konnten.

Solche Botschaften sind nicht unüblich auf der Berlin Fashion Week. Bei Benjamin A. Huseby und Serhat Isik sind sie sogar Pflicht. Im Begleittext zu ihrer Schau am Sonntagabend schreiben die Designer des Labels GmbH, in den Zwanzigerjahren habe es in Berlin noch eine lebendige Modewelt gegeben. „Als das Nazi-Regime an die Macht kam, löschten sie Berlins Modeszene aus, auch weil viele Designer, Schneider, Geschäftsinhaber und Kunden Juden waren.“ Ob sie nun enteignet wurden, ins Exil fliehen mussten oder ermordet wurden – die Berliner Mode sei für immer verwundet worden.
Nach Brecht’scher Manier zu kritischem Denken bewegen
Die GmbH-Kollektion lässt sich also von Berliner Modehäusern der Zwischenkriegszeit anregen. Zum Beispiel von Clara Boehm, einer Modeschöpferin, deren Salon Nazis in der Pogromnacht am 9. November 1938 plünderten. Als „nichtarische Damenschneiderin“ verunglimpft, wurde Boehm 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet. „Wir werden oft gefragt, warum GmbH so explizit politisch ist, und werden belehrt, dass Mode unpolitisch sein sollte“, schreiben Huseby und Serhat. „Ein Blick auf die Geschichte sollte ausreichen, um dem zu widersprechen.“ Sie sehen also den Laufsteg als Bühne, die Zuschauer nach Brecht’scher Manier zu kritischem Denken zu bewegen. Ob’s klappt?
Für viele Kollektionen gibt es nicht einmal einen Laufsteg, denn eine Schau ist teuer. Und Geld ist in Berlin nicht im Überfluss vorhanden. Bisher unterstützt der Wirtschaftssenat die Modeszene mit vier Millionen Euro im Jahr. So haben kleine Labels die Chance auf einen großen Auftritt. Aber werden die Gelder weiter fließen, wenn aus der Wahl zum Abgeordnetenhaus im September die Linke als stärkste Kraft hervorgeht? Der Fashion Council Germany wendet sich sicherheitshalber auch an die Bundesregierung. Beim Empfang im Bundeskanzleramt am Freitag hört die Szene jedenfalls so viele warme Worte von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und Gitta Conneman, der Parlamentarischen Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, dass Hoffnung auf neue Fördertöpfe aufblüht. Am Ende erscheint sogar Bundeskanzler Friedrich Merz selbst – und gibt sich überraschend als Freund der Mode zu erkennen. Das Motto des Bundeskanzlers, abgeleitet aus der Entwicklung der Firma Falke aus seinem Wahlkreis vom Sockenhersteller zu einem weltbekannten Modeunternehmen: „Seien Sie auch eine Marke!“

Erfolg ohne Laufsteg
Das Label Richert Beil ist schon eine so starke Marke, dass man auf eine Modenschau verzichten kann. Michele Beil und Jale Richert eröffnen offiziell ihre Räume in Kreuzberg, in einer ehemaligen Apotheke. Das Heilmittel von heute: avantgardistische Mode. Göttliche Unterstützung statt Hilfe vom Senat versprechen die „10 Gebote“ – eine Auktion von Hosen, Schürzen, Röcken. Auch Johannes Boehl Cronau kommt ohne Laufsteg aus. Der Designer lädt einfach in seine Atelierwohnung. Die Mode seines Labels Ioannes können die Gäste gleich anprobieren und kaufen. Die Models räkeln sich auf dem Boden und posieren auf dem Sofa – und auf einer blumengeschmückten Tafel werden Getränke und Speisen serviert.
Und selbst wenn sich ein Designer aus Berlin zurückzieht – vielleicht kommt er ja wieder. So wie Bobby Kolade, der vor acht Jahren nach Uganda ging und nun sein Label Buzigahill im ICC präsentiert. Upcycling in Perfektion! Wenn Berlin, die noch immer unterbewertete Modestadt, eine „unique selling proposition“ bietet, die von Marken heute so sehr verlangt wird – dann ist es die nachhaltige Wiederverwendung aussortierter und entsorgter Stoffe. Im Fall von Bobby Kolade kommen sie direkt aus Afrika zurück nach Europa, schöner als je zuvor.
