Die Taschenlampe des Smartphones erleuchtet den Weg. Durch den Hintereingang geht es in den dunklen, großen Saal. Dann wird das Licht eingeschaltet. Ein Einkaufswagen mit einer Popcorn-Kiste darauf steht im Gang, eine Tüte voller Wasserflaschen liegt herum, auf einem der Kinosessel lagert ein einfacher Projektor.
Sonst hat sich im Berger Kino, beinahe 40 Jahre eine Institution im Frankfurter Stadtteil Bornheim, kaum etwas verändert, seit dort im März 2020 der Betrieb eingestellt wurde. Auch die schwarz-rote Theke im Foyer, an der jahrzehntelang Eintrittskarten, Chips und Limonade verkauft wurden, gibt es noch. Und das Leuchtschriftschild, das den Weg in die beiden Säle des Kinos zeigt: „Atelier“ und „Berger“. Sogar alte Plakate hängen noch an den Wänden. Eines wirbt für den Kinderfilm „Paddington 2“. Er kam im Herbst 2017 in die deutschen Kinos.
Ihr Ziel ist ein „partizipativer Kinobetrieb“
Lou Deinhart, Balduin Mund und Ruth Wild wollen das alte Berger Kino gemeinsam mit anderen aus seinem Dornröschenschlaf wecken. Die drei gehören zu dem im Sommer 2025 gegründeten Verein Kinokollektivkino, kurz Kikoki, der die leer stehenden Räume mieten will, um dort einen „partizipativen Kinobetrieb“ zu etablieren. Zwischen zehn und 20 Personen seien sie, die an den regelmäßigen Treffen und Planungen der Gruppe teilnähmen, berichten die Kikoki-Mitglieder.
Entstanden ist der Verein nach einer Besetzung des Berger Kinos: Im März 2024 waren Aktivisten in das verwaiste Kino eingestiegen, hatten es für einige Wochen besetzt und dort ein queer-feministisches Kinoprogramm gezeigt. Die illegale Aktion rief Kritik hervor, im Viertel gab es aber auch einige Sympathien für die jungen Besetzer.
Die Sehnsucht nach einem Stadtteilkino sei noch immer groß, das sei damals zu spüren gewesen, sagt Lou Deinhart. Neben ihrem Engagement für Kikoki arbeitet sie für die Frankfurter Kinothek Asta Nielsen. Zuspruch sei während der Besetzung auch aus der Filmszene gekommen. Das Kino, wie sie es nun planen, werde „dringend gebraucht“, sind die Kikoki-Mitglieder überzeugt.

Ihrem Traum sehen sich die drei jetzt einen wichtigen Schritt näher gekommen. Nach der Besetzung beginne für die Gruppe nun die Projektentwicklungsphase. Die Gespräche mit Hermann Steib, dem Eigentümer der Immobilie, liefen gut. Eine Einigung auf einen Mietvertrag halten die Kikoki-Mitglieder für wahrscheinlich.
Der Eigentümer verhandelt derzeit nur mit dem Verein
Auch Steib, der für die Grünen im Ortsbeirat für Bornheim und das Ostend sitzt und als Ortsvorsteher fungiert, sagt im Gespräch mit der F.A.Z., dass man sich nähergekommen sei. Er habe mit den früheren Kino-Besetzern vereinbart, dass er vorerst nur mit ihnen und nicht mit anderen Interessenten verhandeln werde. Eine „kulturelle Nutzung“ für die leer stehenden Räume sei auch seine Priorität.
Um die Pläne für ihren Kinobetrieb weiterzuentwickeln, erhalten die Kikoki-Mitglieder nun auch Geld: Der Fonds Soziokultur fördert die Konzeptphase mit rund 30.000 Euro. Im Austausch, so die Kino-Aktivisten, seien sie mit Vertretern der Kulturszene. Unter anderem mit Christine Kopf, der künstlerischen Direktorin des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt, die in der Initiative „Lichtspiel“ aktiv ist. Auch Gunter Deller, Mitbetreiber des Frankfurter Programmkinos Mal sehn, wolle mit Kikoki kooperieren, genauso wie der Nürnberger Verleih Grandfilm, der vor allem anspruchsvolle Dokumentarfilme in die Kinos bringt. Schon während der Besetzung hatten die Verleiher Filme zur Verfügung gestellt.
Mitstreiter, die ihnen bei der nötigen Sanierung der Immobilie zur Seite stehen wollen, haben die Kino-Aktivisten auch gefunden. Die Architektin Gabu Haindl, die an der Universität Kassel unterrichtet, und das Frankfurter Büro In_design sollen die Renovierung mit planen. Nötig ist eine Erneuerung des Brandschutzes. Barrierefreiheit wollen die Aktivisten auch schaffen.
Nischenprogramm statt Blockbustern

„Ein Kino jenseits von etablierten Modellen, aber auf solidem finanziellen Fundament“, soll ihr Projekt werden, sagt Balduin Mund, der an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung studiert hat und nun als Dokumentarfilmer arbeitet. Es gehe nicht darum, den bestehenden Programmkinos Konkurrenz zu machen. Die Kinosäle möchte die Gruppe auch zivilgesellschaftlichen Initiativen zur Nutzung anbieten. Auch die Frankfurter Filmfestivals suchten Spielstätten. Jugend- und Subkulturen sollen eine wichtige Rolle im Programm spielen, statt Blockbustern soll „Nischiges“ einen Platz finden. Und die Tickets sollen erschwinglich bleiben. Ein solidarisches Preissystem, bei dem manche mehr und andere weniger oder gar nichts zahlen, wollen die Aktivisten etablieren.
Das Wort „partizipativ“ nutzen die Kikoki-Mitglieder häufig. Derzeit sucht das Kollektiv einen Haustechniker für anstehende Aufgaben. Ruth Wild, die an ihrer Dissertation in Mathematik arbeitet, sagt: „Ein partizipatives Kino beginnt nicht erst mit dem Programm. Wir wollen auch schon vorher gemeinschaftlich darüber nachdenken: Wie kann dieser Raum aussehen?“ Dieser Prozess soll am 16. August um 17 Uhr mit einem ersten offenen Treffen vor dem Kino beginnen, um Ideen für nächste Schritte wie kleine Handwerksarbeiten oder Filmprogramme zu sammeln. Dort hat es es in der Zeit nach der Besetzung auch immer wieder Open-Air-Kino gegeben.
Kann sich solch ein Konzept, wie es sich die Mitglieder des Kikoki-Kollektivs vorstellen, auch finanziell tragen? Deinhart, Mund und Wild glauben, dass sich auch für ihr Alternativkino ein „stabiles Gerüst“ finden lässt. Sie wollen dabei auf mehrere Säulen setzen: Kinoförderung, Kartenverkauf, Mitglieds- oder Förderbeiträge, ehrenamtliches Engagement. „Wir wollen kein utopischer Verein sein, der irgendwann pleitegeht“, sagen sie. „Wir sind zuversichtlich, dass das funktioniert.“
