
Wie stark sich die Arbeit von Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern verändert, zeigt auch der Blick auf die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft BDO. Das Unternehmen hat den Umsatz zum vierten Mal in Folge um einen zweistelligen Prozentsatz gesteigert und im zurückliegenden Geschäftsjahr zum ersten Mal die Marke von einer halben Milliarde Euro überschritten. Als wichtigen Antrieb dieser Entwicklung sehen die beiden BDO-Vorstandsvorsitzenden, Andrea Bruckner und Parwäz Rafiqpoor, die Digitalisierung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI).
„Wir setzen KI nicht um der KI Willen ein“, sagte Bruckner während eines Pressegesprächs in Frankfurt. Es gehe darum, die Qualität und Effizienz der Prüfung zu steigern. Das gilt laut Rafiqpoor auch für das Beratungsgeschäft. „Klebezettel gibt es bei uns nicht mehr“, sagte der Rechtsanwalt. In der Steuerberatung beobachtet er einen rapiden Wandel hin zu Software und Prozessberatung. Der analytische Blick der Berater bleibe gefragt, gleichzeitig erwarteten Kunden aber, ihre laufende Steuerberatung überwiegend digital erledigt zu bekommen. Niemand wolle mehr mit Waschkörben voller Papierbelege hantieren.
Sinkt der Bedarf an Personal mit dem zunehmenden Einsatz digitaler Technologien? Das sieht BDO ganz anders. „Wir haben nach wie vor Fachkräftemangel“, sagte Rafiqpoor. Viele Wirtschaftsprüfer und Steuerberater in Deutschland stehen kurz vor dem Ruhestand, und Nachwuchs ist wegen des harten Berufsexamens schwer zu gewinnen. Das geht allen Anbietern so.
Bedarf an technologiebezogener Beratung steigt
Der Einsatz von KI zielt laut Rafiqpoor daher nicht darauf ab, Mitarbeiter zu reduzieren. Vielmehr gehe es darum, die Mitarbeiter für höherwertige Aufgaben einzusetzen. Das sei nötig, weil die Anforderungen an die Prüfer und Berater steigen, etwa durch komplexere Regeln und sich verändernde Geschäftsmodelle der Mandanten.
Allerdings räumten Rafiqpoor und Bruckner auch ein, dass der Personalaufbau von BDO an Tempo verloren hat. Die Zahl der Mitarbeiter in Deutschland stieg im vergangenen Geschäftsjahr um etwas mehr als drei Prozent auf 3350 und legte weit schwächer zu als der im gleichen Zeitraum um mehr als zehn Prozent auf 508 Millionen Euro gestiegene Umsatz.
Das KI-getriebene Wachstum rührt nicht nur von effizienteren und wirkungsvolleren internen Prüf- und Beratungsprozessen her. Auch der Bedarf der Mandanten an technologiebezogener Beratung steigt, weil die neuen digitalen Technologien in nahezu allen Branchen rasch an Bedeutung gewinnen. „Keiner kann meinen, es geht an ihm vorüber“, sagte die Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin Bruckner mit Blick auf den durch technologischen Wandel und politische Umbrüche steigenden Handlungsdruck auf Unternehmen.
Auch für Prüfungs- und Beratungsgesellschaften wie BDO wächst der Druck. Es reiche nicht, in KI und Digitalisierung zu investieren. Mindestens genauso wichtig sei es, in die Ausbildung der Mitarbeiter zu investieren, damit diese die neuen Werkzeuge einsetzen können. „Die letztendlichen Entscheidungen und Prüfungsurteile bleiben beim Menschen“, sagte Bruckner. In der Wirtschaftsprüfung entlaste die Technologie die Teams von repetitiven Aufgaben, sodass die Mitarbeiter sich stärker auf prüfungsrelevante Sachverhalte konzentrieren könnten.
Als Beispiel für den Einsatz von Technologie in der Steuerberatung nannte Rafiqpoor den Transfer von Daten von den Mandanten zum Berater. Das nehme vor allem in der Umsatzsteuer große Dimensionen an. Die Branche benötige daher weiter qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. BDO will daher weiter intensiv einstellen, müsse als Arbeitgeber aber auch sehen, die richtigen Mitarbeiter zu finden. Besonders gefragt seien daher Wirtschaftsprüfer und Steuerberater mit Technologiekompetenz.
