Im Basketball, da ist sich Marco Baldi sicher, wird gerade Geschichte geschrieben. „Das, was sich jetzt anbahnt“, sagt er, „wird ein Quantensprung. Und zwar sowohl für die Basketballlandschaft als auch für die Sportlandschaft.“
Baldi geht in seine 37. Saison als Macher bei Alba Berlin, und nicht nur weil er das so anmoderiert, kann man sagen: Es wird eine seiner wichtigsten. Weniger wegen der Bundesligasaison, die für Meister Alba an diesem Freitag mit dem Eröffnungsspiel gegen die Niners aus Chemnitz beginnt, auch wenn das mit der Meisterschaft schon ein ziemlich großes Ding war.
Sondern wegen dieses ganz großen Dings, bei dem Alba so gern dabei wäre. Und für das Baldi aus seinen fast vier Jahrzehnten im Klub zwei Vergleichsgrößen heranzieht: das Bosman-Urteil aus dem Fußball, welches das europäische Transfersystem sprengte, und die Einführung der Euroleague, die das europäische Ligensystem im Basketball sprengte.
„Wie soll das bitte gehen?“
Die NBA Europe, davon ist Baldi überzeugt, werde gemeinsam mit dem Weltverband FIBA wieder zusammenbringen, was zusammengehört. Und dass Alba an dieser Geschichte mitschreiben will, hat er schon oft genug betont.
Aber es gibt zwei Fragen, die auch an diesem Tag in der vergangenen Woche im Raum stehen, als Baldi bei einer Pressekonferenz auf die neue Saison vorausblickt: Wer genau? Und auch: Wann? Auf beides hat er keine eindeutigen Antworten. Immer noch nicht.

Zwölf feste Teilnehmer soll die Liga haben, dazu vier, die sich auf sportlichem Weg qualifizieren, so viel ist bekannt. Deutschland gilt als hochattraktiver Markt, Berlin als nahe liegender Standort. Losgehen soll es im Herbst 2027, so hat es die nordamerikanische Profiliga NBA mit ihrem Commissioner Adam Silver angekündigt.
Doch so ganz sicher wirkt Baldi da nicht mehr. Nur noch ein Jahr, bis zum Start, ohne dass weitere Details bekannt sind, ohne dass konkret absehbar wäre, wer dabei ist. „Da fragt man sich zunehmend: Wie soll das bitte gehen?“
Anfang Oktober könnten die Weichen gestellt werden
Baldi spricht von einem „echt komplizierten Prozess“. Was nicht zuletzt daran hängt, ob und wie es zu einem Deal mit der Euroleague kommt. Anfang der Woche stand das Thema beim Board of Governors Meeting der NBA, dem Treffen der Klubbesitzer, auf der Tagesordnung. Aber hinterher übte sich Commissioner Silver weiter in der Kunst der Andeutung. Ja, es gebe Gespräche mit der Euroleague. Aber nein, ein konkretes Angebot bestätigte er nicht.
Das jedoch könnte sich bald ändern. Am 5. Oktober treffen sich die Klubs der Euroleague in der Nähe von Mailand, und es könnte sein, dass an diesem Datum die Weichen für den Basketball in Europa gestellt werden. Am Starttermin im Herbst 2027 hält NBA-Chef Silver weiter fest.

Was das dann für Alba bedeuten könnte, darüber spricht man in Berlin ähnlich dosiert wie bei der NBA über das Projekt insgesamt. Klar ist, dass der Klub dann Kapital benötigen würde, als Eintrittsgeld. Aber wie viel und auf welchem Weg? Da gebe es verschiedene Szenarien, sagt Axel Schweitzer, der Aufsichtsratschef. Aber es sei zu früh, um auf Details einzugehen.
Ein Seitenhieb gegen den Ligakrösus FC Bayern
Was man aber sagen kann: Dass Alba ansonsten nicht darauf wartet, bis Geschichte geschrieben wird, sondern lieber selbst zum Stift greift. So soll bis 2032 der Campus des Klubs samt neuer Halle in Adlershof entstehen, NBA-tauglich, aber auch unabhängig davon. Seit zehn Monaten läuft die Planung, mit der Stadt gibt es eine Vereinbarung. „Wenn wir irgendwann auf hundert Jahre Alba zurückschauen, wird dieser Campus einer der zentralen Meilensteine gewesen sein“, sagt Schweitzer.
Im Hier und Jetzt spürt man in Berlin immer noch den Vibe eines mitreißenden Kapitels: des zwölften Meistertitels, den der Klub im fünften Finalspiel gegen den FC Bayern in München gewann, nach 20 Punkten Rückstand. „Wir haben gesehen, dass Geld offensichtlich keine Körbe wirft“, sagte Klubchef Schweitzer ebenso nüchtern wie süffisant: Die Bayern hätten für ihren Kader so viel ausgegeben wie alle anderen sieben Playoff-Klubs zusammen.
In dieser Saison wird das nicht so viel anders sein: Rund viermal so hoch ist der bayerische Etat im Vergleich mit den Berlinern. Schon in einer Woche, am 26. September, sieht man sich in München wieder. Mit Blick auf die weitere Saison warnte Baldi schon einmal davor, zu glauben, dass solche Wunder immer wieder kommen. Ziel sei es, möglichst bis zum Ende dabei zu sein.
Die Voraussetzungen allerdings sind besser als vor der vergangenen. Da steckte Alba in einem freiwilligen Rückbau. Auch mit Blick auf die erhoffte NBA-Teilnahme hatte der Klub sich aus dem „Wahnsinn“ (Baldi) der hochdefizitären Euroleague zurückgezogen. Der Kader war lange das, was Berlin im Ganzen ist: eine große Baustelle.
Jack Kayil bleibt in Berlin – aber wie lange noch?
Vor dieser Saison herrscht Stabilität, Baldi spricht sogar von einem „Wunschkader“, allenfalls ein Center soll vielleicht noch kommen. Die Stützen sind weiter dabei, auch der Final-MVP Justin Bean – und Jack Kayil.
Der gebürtige Berliner, ein junges, aber prägendes Gesicht des Überraschungstriumphs, wollte eigentlich sein Glück in der NBA suchen, er wurde beim Draft in der zweiten Runde von den Houston Rockets ausgewählt und dann direkt an die New York Knicks weitergereicht. Als sich abzeichnete, dass es beim NBA-Champion nicht für einen Kaderplatz reichen würde, öffnete sich das Fenster nach Berlin noch einmal, der Zwanzigjährige unterschrieb einen Fünfjahresvertrag.
Dass er wirklich so lange bleibt, glaubt allerdings kaum jemand. „Er verschiebt sich nur um ein, zwei, drei Jahre“, sagte Kayil selbst über seinen Traum von der NBA, der richtigen. Ein Schritt zurück und dann vielleicht ein Sprung nach vorn: das könnte über der einen wie der anderen Geschichte stehen.
