
Der niederländische Fernsehsender AVROTROS, der seit 2014 für die Auswahl der Künstler und die Übertragung des Eurovision Song Contest (ESC) verantwortlich war, hat sich am Montag vom Wettbewerb im nächsten Jahr in Burgas in Bulgarien zurückgezogen. Zugleich teilte der Sender mit, dass er die Verantwortung an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk NPO (Nederlandse Publieke Omroep) zurückgegeben habe. „Die NPO wird entscheiden, wie es mit Blick auf 2027 weitergeht“, teilte AVROTROS dazu mit.
Als Grund für die Entscheidung nannte der Sender, dass die Veranstaltung nicht länger neutral sei, „da eines der teilnehmenden Länder weiterhin in einen groß angelegten militärischen Konflikt verwickelt ist“. Gemeint ist Israel und der Krieg in Gaza. AVROTROS wirken diese geopolitischen Spannungen zu stark in den Song Contest hinein. Sie hätten zu einer großen Spaltung geführt, so der Sender.
Regeländerungen reichen AVROTROS nicht aus
Die kürzlich von der Europäischen Rundfunkunion (EBU) angekündigten Regeländerungen, etwa dass das Siegerland automatisch nicht mehr als Gastgeber infrage kommt, „falls ein bewaffneter Konflikt, eine heikle geopolitische Lage oder eine sonstige Situation die Sicherheit oder Stabilität des betreffenden Staates oder der unmittelbaren Region erheblich beeinträchtigt“, reichen AVROTROS nicht aus. Sie böten nicht genügend Vertrauen, dass der unabhängige und neutrale Charakter des ESC wiederhergestellt werden könne. Eine Teilnahme sei daher auch nicht mit den Werten des Senders vereinbar: Verlässlichkeit, Unabhängigkeit und Menschlichkeit.
Die EBU bedauerte die Entscheidung von AVROTROS, verstehe und respektiere sie aber. „Der Eurovision Song Contest war schon immer ein Ort, um Menschen zusammenzubringen, vielfältige Gemeinschaften zu feiern und zu zeigen, dass eine bessere Welt auch in den schwierigsten Zeiten möglich ist“, heißt es in einer Stellungnahme der Rundfunkunion. Man werde nun den Dialog mit der NPO fortsetzen, in der Hoffnung, dass ein anderer Sender bereit sei, am ESC 2027 teilzunehmen.
Im Mai hatte der NPO-Sender Omroep Max signalisiert, dass er die Verantwortung für den ESC übernehmen würde, wenn er von der Dachorganisation der verschiedenen Sender des Landes finanziell unterstützt werde. Vergangene Woche zog der Sender sein Angebot aber zurück, unter anderem auch, weil die Musik beim ESC nicht zur Zielgruppe von Omroep Max passe. Das Programm richtet sich vor allem an Zuschauer und Zuhörer im fortgeschrittenen Alter.
Die Mehrheit der EBU-Mitglieder ist für die Teilnahme Israels
AVROTROS hatte sich im Dezember zusammen mit den zuständigen Sendern aus Irland, Island, Slowenien und Spanien vom diesjährigen ESC in Wien zurückgezogen. Kurz zuvor hatte die große Mehrheit der EBU-Mitglieder entschieden, Israel nicht vom Wettbewerb auszuschließen. Seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 und dem folgenden militärischen Vorgehen der israelischen Regierung im Gazastreifen wird die Teilnahme Israels von einigen EBU-Mitgliedern scharf kritisiert. Die EBU hält an Israel jedoch fest, da der Sender KAN alle Voraussetzungen für die Teilnahme erfüllt. Unter anderem berichtet er unabhängig und kritisch über die israelische Regierung.
Anfang Juli bestätigte ESC-Direktor Martin Green in einem Interview, dass sich die Mitglieder eindeutig für eine Teilnahme Israels im nächsten Jahr ausgesprochen hätten. „Fast 70 Prozent waren der Ansicht, dass öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten nicht für das Handeln ihrer jeweiligen Regierungen verantwortlich gemacht werden können.“
Green zeigt sich auch weiterhin optimistisch, dass die Zahl der Teilnehmerländer 2027 größer sein wird als in diesem Jahr. In Wien traten Künstler aus 35 Nationen gegeneinander an. Im nächsten Jahr wird unter anderem Kanada erstmals teilnehmen, zudem kehrt Nordmazedonien zum Song Contest zurück. Bisher haben 21 Länder ihre Teilnahme am 71. Eurovision Song Contest in der Schwarzmeerstadt Burgas bestätigt, darunter auch Deutschland, Italien und das Vereinigte Königreich.
