
Während der Erntezeit im Sommer bekommen Landwirte wenig Schlaf. Zwölfstündige Arbeitstage auf dem Mähdrescher und Traktor sind keine Ausnahme, sondern die Regel. Effizienz ist geboten und zieht die üblichen industriellen Schlagworte nach sich: Automatisierung, Digitalisierung und Autonomisierung. Landtechnikhersteller Fendt reagiert darauf und entwickelt auf Hochtouren. Bald sollen autonom fahrende Traktoren in Teilbereichen der Landwirtschaft Realität werden. Bisher fahren fahrerlose Traktoren jedoch nur in Nordamerika über die Felder.
Das Allgäuer Unternehmen Fendt gehört zum AGCO-Konzern, seine Geschichte beginnt schon 1930 mit dem ersten Traktormodell namens Dieselross. Heute beschäftigt es allein am Standort Marktoberdorf fast 5000 Mitarbeiter, davon 700 Ingenieure in der Abteilung für Forschung und Entwicklung. Diese beschäftigen sich von alternativen Antriebsmöglichkeiten über bestehende Softwaresysteme für teilautomatisiertes Arbeiten im Ackerbau bis hin zu autonomen Feldrobotern. Konzernschwester PTx hat ein Nachrüstpaket für Traktoren entwickelt, die im Mähdrusch zum Einsatz kommen sollen. Die Idee ist nicht neu, auch Marktbegleiter John Deere entwickelte bereits einen autonom fahrenden Traktor.
Der Landwirt muss nur noch beobachten
Rund 876.000 Menschen arbeiteten 2023 laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamts auf 255.000 Höfen in Deutschland. Die Zahl der Saison- und Familienarbeitskräfte geht zurück, das Statistische Bundesamt bezifferte die Einbußen zuletzt auf sieben Prozent. Was kurzfristig nicht dramatisch aussieht, wird langfristig zum Problem. Wer keinen Nachwuchs findet, muss bei den Feldarbeiten auf dringend notwendige helfende Hände verzichten. Auch wenn das Nervenkostüm eines Landwirts stabil sein muss – Druck von allen Seiten, Weltpolitik, Wetter, Investitionen – und die Motivation hoch ist, alles kann er nicht allein machen. An dieser Stelle setzen Projekte zur Automatisierung und Digitalisierung der Landtechnik an. Um zu verstehen, was der Stand von morgen sein könnte, lohnt der Blick auf das, was heute schon da ist.
Der Industriestandard der Landtechnik entspricht aktuell den Leveln zwei und drei der Automatisierungsstufen nach dem SAE-Standard: Das System arbeitet entweder teilselbständig oder komplett, und der Landwirt überwacht nur noch sein Tun. Das bedeutet, dass er auf dem Feld nicht mehr jederzeit zu 100 Prozent aufmerksam sein muss, eine echte Erleichterung in Stunde zehn eines zwölfstündigen Tages. Traktoren und andere Fahrzeuge arbeiten mit satellitengestützten Spurführungssystemen, die es ihnen ermöglichen, sich zentimetergenau entlang vordefinierter Bahnen zu bewegen. Die Lenkung erfolgt automatisch. Antenne und Empfänger am Fahrzeug empfangen kontinuierlich GPS-Daten.
Vor der eigentlichen Bodenbearbeitung fährt der Landwirt die Grenzen seines Felds ab, die Daten des Grundumrisses werden im System gespeichert. Dann folgen eine oder mehrere Referenzlinien entlang des Feldes und die Einstellung der Breite des Anbaugeräts. Sind die Vorbereitung abgeschlossen, fällt dem Landwirt die Rolle des Beobachters zu. Er überwacht den Prozess, greift ein, wenn nötig, und kontrolliert das Endergebnis.
Je nach Fahrzeugart, Ausstattung und Modell muss er das Vorgewendemanöver am Ende der Spur selbst durchführen, in anderen kann er auch dieses dem Fahrzeug überlassen. Auch die Isobus-basierte Automatisierung gehört dazu, sie ermöglicht die Kommunikation zwischen Traktor und Anbaugeräten. Beispielsweise erfolgt die Ausbringung von Dünger oder Pflanzenschutzmitteln automatisch, Überlappungen und Doppelauftragungen werden vermieden. Dabei unterstützen Applikationskarten, erstellt unter anderem durch Bodenproben und Satellitenkarten, die eine teilflächenspezifische Bewirtschaftung je nach Beschaffenheit des Bodens zum Ziel haben. Demnach erhält ein Teil des Feldes mehr, der andere weniger Düngemittel, genau abgestimmt auf seine Bedürfnisse.
Der Traktor kommt auf Knopfdruck
Das Nachrüstpaket OutRun soll nun die Zusammenarbeit während des Mähdruschs zwischen Mähdrescher und Überladewagen mit einem Knopfdruck aktivieren. Zum Paket für den Traktor gehören neben der Steuereinheit zur besseren Verbindung zum Mähdrescher auch zusätzliche Sensoren zur Hinderniserkennung. Normalerweise sitzt ein Fahrer im Mähdrescher und einer im Traktor, der den Überladewagen zieht.
Sobald der Bunker der Erntemaschine voll ist, bekommt der Traktorfahrer ein Zeichen, fährt parallel zu seinem Kollegen, nimmt das Korn durch das Überladerohr entgegen und fährt das Erntegut an den Feldrand, wo ein weiterer Transporter wartet. Mindestens zwei Menschen sind so den ganzen Tag beschäftigt, eher drei, wenn man den Fahrer des Transporters mitzählt.
Mit dem Kit soll eine Arbeitskraft frei werden und sich um andere Aufgaben kümmern können. Der Traktor wartet am Feldrand mit leerer Kabine. Im Mähdrescher sitzt ein Fahrer, er ruft per Knopfdruck auf dem Tablet den Überladewagen. Dieser setzt sich autonom in Bewegung und findet dank intelligenter Routenplanung den Weg zum Mähdrescher, zu dem er parallel fährt.
Nach dem Abtanken kehrt er zurück zum Feldrand und lädt das Erntegut auf den bereitstehenden Lkw. Fendt-Kunden in Nordamerika, Kanada und Australien benutzen das Nachrüstpaket bereits, Ende 2026 soll eine Erweiterung für die Bodenbearbeitung kommen. Noch sind die rechtlichen Hürden in Europa, das über einen viel kleiner skalierten Ackerbaus verfügt, zu hoch für autonome Traktoren. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.
