
Vor einem Jahr schien sich Toto Wolff rechtfertigen zu müssen. Wie er denn so einen Jungspund wie Kimi Antonelli ins Cockpit von Rekordpilot Lewis Hamilton setzen könne? Der Teamchef von Mercedes biss sich auf die Lippen. Auch als der damals 18 Jahre alte Italiener im Frühjahr ob des Trubels um ihn etwa beim Großen Preis von Monaco den Fokus zu verlieren schien, den Silberpfeil auf Abwegen kalt verformte. Kritiker fühlten sich beim Blick auf die Resultate bestätigt: vier Ausfälle, fünfmal ohne Punktgewinn in den Rennen der Saison 2025, während der Teamkollege George Russell mehr als doppelt so viele (319) gewann.
Der Junge ohne Führerschein galt zum Ende des Jahres als weitaus Zweitbester im Rennstall. Wenige Monate später gibt der Italiener auf die Frage nach seiner Eignung für eines der besten Cockpits eine unglaubliche Antwort: dritter Sieg im vierten Rennen der Saison am Sonntag in Miami, Russell dabei um gut 40 Sekunden hinter sich gelassen und die Führung vor dem Engländer in der WM-Wertung auf zwanzig Punkte ausgebaut. Seine Reife ist weiterhin ein Thema, wenn auch mit einer anderen Konnotation: Wann wird Antonelli Weltmeister?
Gemach, gemach. Bei noch 18 ausstehenden Rennen bieten sich neunzehnjährigen Piloten viele Gelegenheiten, die nötige Konstanz auf höchstem Niveau zu verlieren. Schwankungen wären natürlich in diesem Alter. Aber Antonellis Vorstellung in den USA führte der Konkurrenz die Siegermentalität dieses Teenies vor Augen. Er gewann trotz eines – wieder einmal – misslungenen Starts von der Pole Position in einem wenigstens um einen Tick langsameren Auto.
Triumph unter Druck
Deshalb saß Weltmeister Lando Norris Antonelli auf dem Stadtkurs von Miami im Nacken, drückte und drängte mit seinem McLaren über viele Kilometer, mitunter mit nicht mehr als 0,8 Sekunden Rückstand. Ein paar Runden vor dem Ziel gab der Engländer auf. Antonelli hatte sich unter dem großen Druck keinen sichtbaren Fehler erlaubt.
Russell wäre der erste Streichkandidat
All die anderen, denen schon länger das Zeug zum Champion zumindest nachgesagt wird, leisteten sich Schwächen. Charles Leclerc im Ferrari (Achter) zum Beispiel – mit einem Dreher in der letzten Runde. Und Russell (Vierter), weil er in Miami nie das Tempo von Antonelli im identischen Auto erreichte.
Nach vier Rennen ist es zu früh für eine seriöse Prognose. Aber zweifellos wirkt die beeindruckende Beschleunigung Antonellis in so kurzer Zeit auf sein Team, auf das Vertrauen in ihn. Das kann schlecht, aber auch gut sein für Russell. Der Brite wäre gegenwärtig der erste Streichkandidat, falls sich Max Verstappen entschlösse, sein Glück nicht nur bei Langstreckenrennen auf dem Nürburgring in einem Mercedes, sondern auch in einem Silberpfeil des Formel-1-Teams zu suchen.
Allerdings wächst mit jedem Erfolg Antonellis das ureigene Interesse eines auf Ökonomie und Gewinn getrimmten Rennstalls wie Mercedes, vom kostspieligen Einkauf einer ganz besonderen Fahrkunst die Finger zu lassen, sobald es möglich ist. Da der blutjunge Antonelli noch viel Entwicklungspotential in sich trägt und der neueste Mercedes Spielraum für eine Beschleunigung – vor allem beim Start – bietet, liegt diese Kalkulation auf der Hand: Wer den Nachfolger von Hamilton zum Siegertypen entwickelt, braucht nicht zwingend Verstappen.
