Darf man das? Eine berühmte Hollywood-Schauspielerin in einem Roman so porträtieren, dass alle sie erkennen? Und hinterher so tun, als ginge es gar nicht um die berühmte Schauspielerin, sondern um eine beliebige fiktive Figur, die ihr nur ähnelt? Am neuen Roman Das Leben der M von Rachel Cusk hat sich ein Streit über die Grenzen der literarischen Freiheit entzündet. Denn die britische Star-Autorin porträtiert eine Schauspielerin namens »M«, die stark an Natalie Portman erinnert – und in dem Buch gar nicht gut wegkommt. Sie habe kein authentisches Ich, heißt es. Sie spiele überall nur den Weltstar und sei als Person hinter ihrer glänzenden Fassade völlig verschwunden. Das ist ein heftiger Angriff. Aber stimmt er vielleicht?
Clemens J. Setz ist der Spezialist für die Einsamkeit im digitalen Zeitalter. In den 19 Erzählungen seines neuen Erzählbandes Mein Leben als Noiseband gibt es wieder viele Figuren, die reichlich entrückt und ziemlich weird sind. Zum Beispiel der Musiker Paul. Er macht mit Leidenschaft Noise, also Musik, die laut ist und Krach macht und mit der er seine Verzweiflung herausschreit. »Musiklose Musik« nennt Paul das. Sie ermöglicht ihm, dahin abzutauchen, wo sich die Figuren von Clemens J. Setz am sichersten fühlen – in ihre luftdicht verschlossene Innenwelt, in die ihnen niemand folgen kann. Besonders gerne porträtiert der österreichische Autor Menschen, die in sich abgekapselt und wie auf einer Isolierstation existieren. Zum Beispiel das entstellte blinde Opfer eines Brandunfalls, das sich im Netz zeigt und von den Usern wissen will, wie es eigentlich aussieht. Überhaupt ist man hier meistens in den dunkelsten Ecken des Netzes unterwegs – und staunt, wie auch in dem neuen Buch des Büchner-Preisträgers wieder aus den traurigsten und nerdigsten Schicksalen grandiose Literatur entsteht.
Unser Klassiker ist die Erzählung Die Nase des genialen russischen Autors des grotesken Humors Nikolai Gogol.
Bücher:
- Rachel Cusk: Das Leben der M. Aus dem Englischen von Eva Bonné. Suhrkamp Verlag, 175 Seiten, 25 Euro
- Clemens J. Setz: Mein Leben als Noiseband. Suhrkamp Verlag, 383 Seiten, 26 Euro
- Nikolai Gogol: Der Mantel. Die Nase. Aus dem Russischen von Eberhard Reissner. Reclam Verlag, 91 Seiten, 4,80 Euro
