
„Marie, wo bist du?“, hallt es markant wuchtig durch die komplett ausverkaufte Frankfurter Festhalle. Einerseits liegt das am ausgeprägten Bariton von Vokalist Henning May. Andererseits stimmt zum Konzertauftakt von AnnenMayKantereit auch schon ausnahmslos die gesamte Besucherschar mit Leidenschaft ein. Ein wahrer Traumauftakt, wie aus einem Märchenbuch für Rockkultur. Wobei AnnenMayKantereit erst so richtig in der zweiten Hälfte in Fahrt geraten und zu rocken und grooven beginnen. Von da an erfahren Henning May, Sologitarrist Christopher Annen, Schlagzeuger Severin Kantereit sowie Tourbassistin Sophie Chassée auch noch Unterstützung durch vier Blechbläser an Posaune, Saxophon und gleich zwei Trompeten.
Stilistisch bauen AnnenMayKantereit nach wie vor auf denselben Genremix wie zu Gründerzeiten. Aus Geldmangel hatte sich das während der Schulzeit am Schiller-Gymnasium in Köln-Sülz 2011 gegründete Urtrio, zu dem nach einer Jamsession auf der Uniwiese in Köln der Bassist Lars Lötgering stieß, anfänglich auf ein Dasein als Straßenmusikanten konzentriert. Prinzipiell stark folkloristisch angehaucht, kennzeichnen die Songs dennoch signifikant eingängige Popelemente. Manchmal umflort gar ein Hauch Burg-Waldeck-Festival die öfter mal melancholisch tiefsinnig geratenen Oden. Insgesamt ein clever arrangiertes Mitmachprogramm. Die textsicheren Fans laden auch die nächsten Nummern zum Mitsingen ein: „Nur wegen dir“, „Wohin du gehst“, „Lass es kreisen“ und „Vielleicht Vielleicht“ besitzen wie viele weitere Songs von AnnenMayKantereit diese inhaltliche Gratwanderung aus privater Geschichte und Jeder-kennt-diese-Gefühlsregungen-ohnehin-Erkenntnis.
Immer dominiert Henning Mays raues Timbre und lockt maßgeblich, mit einzustimmen. Immer wieder gibt es Vergleiche von Mays Stimme und jener des 1996 verstorbenen Rockpoeten und Schauspielers Rio Reiser. Auch Henning Mays künstlerische Stärken liegen wie bei Reiser in seiner instrumentalen Finesse. Im Laufe von knapp zwei Dutzend Songs ergänzt er Akustikgitarre und Ukulele mit Klavier und Akkordeon. Mays Passion für das Instrumentale erlebt demonstrative Hingabe, wenn er beim Gitarrenspiel selbstvergessen minutenlang mit dem Rücken zum Publikum vor dem Schlagzeug kniet. Eine fast schon sakrale Geste.
Das Lebensgefühl junger Menschen
Zumal AnnenMayKantereit im Kleidungsstil wie in der halbrunden Bühnenkulisse spartanische Schlichtheit walten lassen. Um neues, noch unveröffentlichtes Material auszutesten, befindet sich links der regulären Bühne eine weitere kleinere Podiumsausgabe. Gleich mehrmals servieren AnnenMayKantereit mit „Wenn du nicht mehr weißt, wo du hin willst, komm zu mir“, „Und manchmal hinterfrag ich meinen Status quo“, Dunkelgrün“ und „Morgen ist wieder alles vorbei“ noch unbekannte, stilistisch nahtlos sich einpassende Songs. Beim einzigen Ausreißer, der auf Englisch gesungen wird, „Valerie“, eine Coverversion von The Zutons, schaltet sich das Kopfkino ein: Was wäre, wenn AnnenMayKantereit mal ein ganzes Album auf Englisch liefern und damit eine internationale Karriere lostreten würden?
Doch letztlich leisten vor allem die deutschen Texte Überzeugungsarbeit. In den gefühlvollen Worten von „Ozean“, „21, 22, 23“, „Du bist anders“, „Als ich ein Kind war“, „3 Tage am Meer“ und „Ich geh heut nicht mehr tanzen“ spiegelt sich perfekt das Lebensgefühl junger Menschen wider. Mehrere Minuten mit stürmischem Applaus vergehen, bevor AnnenMayKantereit für eine längere Zugabe mit „Barfuß am Klavier“, „Legende“ und „Ausgehen“ ins Rampenlicht zurückkehren. Und das längst zum Kulthit avancierte „Tommi“ fehlt auch nicht.
