Hatte der verschrobene Kauz womöglich recht? War Karl-Göran Persson, der inmitten des Kalten Krieges sein kleines, frei stehendes Haus in der südschwedischen Provinz in jahrelanger eigenhändiger Arbeit in einen Schutzbunker verwandelte, seiner Zeit voraus? Und taugt der von einer schwedischen Zivilschutzbroschüre aus dem Zweiten Weltkrieg angefixte Außenseiter als Vorbild für unsere von immer näher rückenden Kriegen durchgeschüttelte Gegenwart?
Diese Fragen stellen sich dem Zuschauer von John Skoogs Spielfilm „Värn (Redoubt)“, der beim diesjährigen Lichter Filmfest Frankfurt International im Regionalprogramm seine Hessenpremiere feiert. Mit dem auf eine wahre Begebenheit zurückgehenden Langfilm kehrt der gebürtige Schwede Skoog, der von 2007 bis 2012 an der Städelschule studierte, nicht nur an den Ort seiner künstlerischen Ausbildung zurück. Vielmehr nahm das in einem abendfüllenden Film kulminierende Projekt seinen Ausgang in Frankfurt, wie der betont unprätentiös auftretende Skoog berichtet.
Geschichten über eigenartige Begebenheiten seien nämlich die Leitwährung in der Klasse seines damaligen Kunstprofessors Simon Starling gewesen. Und so habe er irgendwann, erinnert sich Skoog, von Karl-Göran Perssons Festung berichtet, die ihm von Erzählungen aus Kindheitstagen ein Begriff gewesen sei. Starling wiederum habe ihn darin bestärkt, das Material künstlerisch zu bearbeiten. Einige Jahre darauf folgte eine Recherchereise nach Südschweden, wo Skoog die Schutzbunkerruine filmte, deren exzentrischer Erbauer 1975 verstarb. Dort sprach er auch mit etlichen Dorfbewohnern, die das Baugeschehen als Kinder erlebt hatten. Ein Journalist versorgte ihn zudem mit ebenfalls dort getätigten Recherchen aus den Siebzigerjahren.
Ein Bunker für den schwedischen König
Bei der Errichtung seiner explizit auch für die Dorfbewohner und für den schwedischen König gedachten Festung ließ sich Persson von der Angst vor einem sowjetischen Überfall leiten. Just als John Skoog zuerst einen ersten kurzen Film „Reduit (Redoubt)“ fertigstellte, entfesselte Russland mit der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim einen bis heute andauernden Angriffskrieg. Skoogs Projekt, das sich zunächst auf die brutalistische Architektur des DIY-Bunkers fokussierte, erhielt unvermittelt politische Aktualität. Der Film wurde mit dem Baloise Kunst-Preis ausgezeichnet, 2015 war „Reduit (Redoubt)“ im Wiener Mumok und im Frankfurter Museum für moderne Kunst zu sehen, in dessen Sammlung er damals einging.

Der jetzt beim Lichter Filmfest laufende, abendfüllende Spielfilm wiederum erzählt Karl-Göran Perssons Geschichte in distanziert-verfremdender Schwarz-Weiß-Optik. Manchmal wirkt „Värn (Redoubt)“ wie das tragikomische Porträt eines Außenseiters, der mit seinem manischen Bauprojekt der Monotonie des Dorflebens entfliehen möchte. Trotz aller Exzentrik ist Karl kein Ausgestoßener, sondern Teil der Dorfgemeinschaft mit ihren wiederkehrenden landwirtschaftlichen Arbeitszyklen, Alltagsbegegnungen und Festen.
Und doch kommt immer wieder eine bedrohliche Stimmung auf. „Der Krieg kommt“, sagt eine Mädchenstimme einmal, um dann aufzulisten, welche Waffen und Werkzeuge vorhanden seien und dass man sich in die Festung zurückziehen werde. Mal deutlich, in der Ferne heulende Sirenen markieren die drohende Katastrophe, die Karl einmal konkret halluziniert. Für die Hauptrolle konnte John Skoog den französischen Schauspieler Denis Lavant gewinnen. Von Skoogs Mutter unterstützt, eignete dieser sich den südschwedischen Dialekt des kauzigen Protagonisten rein akustisch an. So dürfte es den allermeisten Zuschauern schwerfallen, Karls Grummeln zu dechiffrieren. Auch sein markantes Gesicht lässt Lavant als perfekte Besetzung für diese Rolle erscheinen.
Für den Filmdreh baute Skoog mit seinem Team Karl-Göran Perssons Schutzbunker vollständig in Originalgröße nach. „Wir haben nichts im Studio gedreht“, sagt der 1985 geborene Künstler und Filmemacher. Derzeit steht das Ungetüm im Moderna Museet in Malmö, das John Skoog eine bis Mitte Mai laufende Einzelausstellung widmet. „Värn (Redoubt)“ ist zudem Ende Februar in den schwedischen Kinos angelaufen – und soll laut Skoog bald auch in deutschen Filmtheatern zu sehen sein.
Seine Verbindung zur Rhein-Main-Region hat der in Kopenhagen lebende John Skoog nie gekappt. 2016 begann er an der Kunsthochschule Mainz zu lehren, seit nunmehr fünf Jahren ist er dort Professor für zeitbasierte Medien. Das in Deutschland praktizierte Modell der Künstlerausbildung lobt Skoog ausdrücklich: Die „Mischung aus Freiheit und Framework“ eröffne den Studenten große Freiräume in der eigenen künstlerischen Entwicklung, biete ihnen aber auch einen geregelten Rahmen. Gerade im internationalen Vergleich sei das einzigartig, so Skoog. Als Professor bietet er nicht nur Klassenbesprechungen, individuelle Atelierbesuche und Exkursionen an, sondern auch gemeinsame Kunstprojekte, in denen beide Seiten voneinander lernen können. Auch die überschaubare Klassengröße, die einen direkten Austausch zwischen Lehrenden und Studenten ermöglicht, schätzt Skoog.
Bleibt nur noch die Frage, ob Karl-Göran Persson mit seinem privaten Bunkerbau recht hatte. Mit seiner Paranoia sei Karl ein Spiegel des Kalten Krieges und auch der Gegenwart, findet John Skoog: „Wenn er verrückt ist, dann sind es auch verrückte Zeiten.“ Persson baute 30 Jahre lang an seiner Festung, Skoog wiederum hat sich über 15 Jahre mit ihm künstlerisch beschäftigt. Mit „Värn (Redoubt)“ komme dieses Projekt zu seinem Abschluss, sagt der Künstler: „Es ist an der Zeit, sich anderen Themen zu widmen.“
Das Lichter Filmfest Frankfurt International findet von 28. April bis 3. Mai statt. „Redoubt“ ist am 29. April um 18.30 im Festivalzentrum, den einstigen E-Kinos an der Frankfurter Hauptwache, zu sehen. Im Anschluss gibt es ein Filmgespräch mit John Skoog.
