
Auf der dreieckigen Grünfläche am Verkehrsknotenpunkt Am Steintor in Halle steht seit 2018 ein Kunstwerk: die Stahlplastik „Der kleine Schauer“ von Michael Krenz. Vor ihr haben sich am Sonntagabend kurz nach 18.30 Uhr etwa hundert Menschen versammelt, die ungeachtet der strahlenden Spätsommertags alle so aussehen, als wären sie vom Regen in die Traufe gekommen. Eine halbe Stunde vorher haben sie hier eine Nachricht vernommen, die zwar alle befürchtet hatten, aber niemand wahrhaben wollte: Die AfD wird nicht nur mit Abstand stärkste Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt (das war schon vorher klar); sie hat auch beste Aussichten, die Regierung zu bilden.
Am Steintor haben junge Aktivisten (die geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Martin-Luther-Universität liegen gleich nebenan) in vorauseilendem Widerstand gegen das erwartete Wahlergebnis ein Gesprächsforum anberaumt, das pünktlich zum Abschluss der Stimmabgabe um 18 Uhr beginnen und erst drei Tage später enden soll. Sein Name: „Solidarischer Ort für alle“, kurz SOFA. Aber Gemütlichkeit ist nicht das Ziel; vielmehr sind die Besucher dazu aufgerufen, ihre bequemen Ruhezonen zu verlassen und sich zu engagieren. „Wir sind wütend über den Rechtsruck von AfD, CDU und Co. Und wir sind wütend über ein Leben, das wir uns schon jetzt kaum noch leisten können.“
SOFA kündigt deswegen kostenloses Essen, Musik und Austausch aller Art an. Die Besucher am Sonntag sind mehrheitlich genauso jung wie die Organisatoren, und doch ist ihr Widerstand gezähmt. Ein zehnköpfiger Chor probt vor der Eröffnung des Camps klassisch revolutionäres Liedgut wie „Bella Ciao“, aber auch „An der Saale hellem Strande“, als würde die Kulturpolitik schon von der heimatbewussten AfD bestimmt. Zwei traditionell schwarzgewandete Autonome werden begrüßt mit: „Na, schon Trauerkleidung angelegt?“ Es kommen zwar auch Besucher, die optimistisch Sektflaschen unter dem Arm dabeihaben. Nach 18 Uhr wird indes keine mehr entkorkt.
In einem kunterbunt gestreiften kleinen Zirkuszelt läuft die Wahlkampfberichterstattung der ARD und angekündigt ist gemeinsamer Austausch über die Ergebnisse, doch die Zuschauer sind schockstarr. Kein Wort ist zu vernehmen. Am Zelt für die Kinderbetreuung, so war im Planungsvorgespräch verkündet worden, solle keines der vorbereiteten „Nein!“-Plakate aufgehängt werden – man will nicht unschuldige Jugend verstören. Allerdings ist dann später auch anderswo kein „Nein!“-Plakat zu sehen. Es hat den Organisatoren nicht nur die Sprache, sondern auch die Schrift verschlagen.
Der MDR hatte am Nachmittag SOFA noch als einen möglichen Unruheherd im Falle des AfD-Siegs ausgemacht, doch nun herrscht hier Friedhofsruhe. Es ist, als schickten sich die Besucher sofort ins neue politische Schicksal, und als dann um halb sieben am „Kleinen Schauer“ zwei der Organisatoren den Campbetrieb vor der erwähnten versammelten Hundertschaft doch noch offiziell eröffnen, wird von ihnen nur noch mehr Stille beschworen, um die Anwohner nicht zu verärgern: „Um 22 Uhr müssen wir die Lautsprecher ausschalten, und danach könnt ihr chillen.“ So klingt der Offenbarungseid des Protests.
