
Zum ersten Mal seit Beginn der Invasion in die Ukraine nimmt Russland wieder an der Venedig Biennale teil. Im Jahr 2022 erklärte einer der einflussreichsten Kulturfunktionäre des Landes, der Eremitage-Direktor Michail Piotrowski, russische Kulturschaffende seien „Militaristen“ und „Anhänger des Imperiums“, jede russische Ausstellung im Ausland eine Art „Spezialoperation“. Nun ist die russische Staatskultur bis nach Venedig vorgestoßen.
Dass Russland in diesem Jahr vertreten ist, wurde am 4. März bekannt, als die Biennale die Liste der teilnehmenden Länder veröffentlichte und damit sofort einen Skandal auslöste. Bereits tags darauf distanzierte sich Italiens Kulturministerium von der Entscheidung der Biennale-Leitung. Ministerpräsidentin Meloni stellte klar, dass die Regierung gegen die Präsenz Russlands sei. Die EU drohte mit dem Entzug von Fördergeldern, und Kulturminister Giuli kündigte an, der Eröffnung am 9. Mai fernzubleiben. Auch seine Kolleginnen aus Finnland und Lettland sowie der EU-Kommissar für Kultur wollten den Auftakt boykottieren. Aber es wird, wie nun bekannt wurde, gar keine Eröffnungszeremonie geben.
Verbindungen zu Putin
Die Ukraine hat fünf am russischen Pavillon beteiligte Personen sanktioniert, darunter die Kommissarin Anastasia Karneeva. Deren Verbindung mit dem Pavillon reicht bis ins Jahr 2019 zurück. Seine Steuerung wurde neu organisiert, mit dem Ziel, Russlands Einfluss in der zeitgenössischen Kunst auszubauen und Goldene Löwen zu gewinnen. Die operative Kontrolle ging an die Firma Smart Art, die Karneeva gemeinsam mit der Tochter des russischen Außenministers, Jekaterina Winokurowa, gegründet hatte. Karneeva selbst ist Tochter des Vizechefs des staatlichen Rüstungskonzerns Rostec, dessen Chef Sergej Tschemesow zu den engsten Vertrauten Putins gehört.
Zur Kommissarin wurde damals Teresa Iarocci Mavica ernannt, die Leiterin des V-A-C-Fonds des Oligarchen Leonid Michelson, der den russischen Pavillon finanzieren sollte. Das Vorhaben konnte wegen der Covid-Pandemie erst nicht umgesetzt werden, dann folgte die Invasion. Michelson steht wegen seiner Nähe zum Kreml auf Sanktionslisten der USA, Großbritanniens und Kanadas. Mavica trat zurück, Karneeva wurde nun selbst zur Kommissarin.
Unterstützung hinter den Kulissen
Am 27. April veröffentlichte die Zeitung „La Repubblica“ eine Recherche, aus der hervorgeht, dass Karneeva schon seit Herbst 2025 umfangreiche Unterstützung von der Biennale-Leitung sowie von italienischen diplomatischen Stellen erhielt, um Sanktionsbeschränkungen zu umgehen. Das Kulturministerium will davon nichts gewusst haben. Wenn nun Rom auf Abstand zur russischen Präsenz geht, während einige Regierungsmitglieder sie hinter den Kulissen aktiv unterstützen, wirkt das absurd, ist aber nicht überraschend. Schon der Versuch Russlands, aus der kulturellen Isolation auszubrechen, provozierte Zoff innerhalb der italienischen Regierung und der EU.
Dabei wird der Pavillon auch aufgrund der Visumseinschränkungen für die Beteiligten nicht einmal wirklich eröffnet. „La Repubblica“ recherchierte, dass die russischen Künstler, um Sanktionen zu umgehen, nur für die drei Tage der „Vernissage“ in Italien sein werden: Am 6., 7. und 8. Mai. Dann sollen im Pavillon Live-Performances stattfinden, sie werden gefilmt und anschließend an den Außenflächen als Schleifenprojektion gezeigt. Russische Aktivisten und Künstler im Exil haben Gegeninitiativen gestartet und protestieren gegen Russlands „symbolische Rehabilitierung“. Nadya Tolokonnikova von Pussy Riot hat eine Gegenausstellung inhaftierter russischer Künstler organisiert und angekündigt, während der Preview-Tage zu intervenieren.
Die Biennale-Jury hatte erklärt, Länder, deren Staatschefs vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt wurden, nicht zu berücksichtigen. Gemeint waren Russland und Israel, die Preisvergabe an Länder wie Iran, China oder Syrien berührte der Entschluss nicht. Immer wenn Russland mit Israel in einem Atemzug genannt wird, sieht das Russland als einen propagandistischer Erfolg: Der unprovozierte Angriffskrieg wird so mit einer wie auch immer zu bewertenden Verteidigung gleichgesetzt. Die Ko-Kuratorin des ukrainischen Pavillons, Ksenia Malykh, sagte gegenüber der F.A.S.: „Unser Krieg ist gerade nicht der populärste.“ Die Kunst, die gezeigt wird, spiele kaum eine Rolle: In der Ökonomie der Aufmerksamkeit sei Russlands bloße Präsenz das Einzige, das zähle.
Am Donnerstag trat die Jury zurück. Am Ende der Biennale sollen nun zwei Publikums-Löwen an den besten Teilnehmer und den besten Pavillon vergeben werden. Um letzteren, so teilte die Biennale-Stiftung mit, können sich alle bewerben, also auch Russland und Israel.
