
Der Mann ist die Verkörperung von Mobilität mit hoher Geschwindigkeit: Er führte Ferrari zu sportlichem Ruhm und wirtschaftlichem Erfolg, er steuerte Alitalia, und er schuf Europas einzigen privaten Zugbetreiber in Hochgeschwindigkeit, mit dem er nun der Deutschen Bahn Konkurrenz machen will. Doch im Alter von 78 Jahren braucht Luca Cordero di Montezemolo mehr denn je auch einen Rückzugsort, wo er die Langsamkeit der Natur genießen kann. Diesen findet er auf seinem ausgedehnten Familienlandsitz, der schönen Villa Fungarino in der Nähe seiner Geburtsstadt Bologna, wo sich das Land auf sanften Hügeln zum Apennin anhebt, wo Weinberge die Hänge zieren und Zypressen die sich geschmeidig windenden Straßen einrahmen.
Selbst in dieser idyllischen Landschaft will Montezemolo von Stillstand nichts wissen. „Ich habe hier einen landwirtschaftlichen Betrieb aufgebaut, habe 50 Angusrinder, stelle Olivenöl her und baue Wein sowie Obst an“, berichtet er im Gespräch mit der F.A.Z. Wobei die „Ich“-Form nicht das komplette Bild widerspiegeln dürfte, weil Montezemolo dafür seine Leute hat und weiterhin vielen anderen Tätigkeiten nachgeht. Und auch hier lässt ihn das Verkehrsthema nicht los. „Die Villa liegt auf einem Hügel, unter dem die Eisenbahnlinie Rom mit Mailand verbindet. Und in unmittelbarer Nähe verläuft auch die Straße, die seit sehr, sehr langer Zeit Mailand über Florenz mit Rom verbindet“, erzählt er. Weil der Ort strategisch wichtig ist, kämpften hier die Deutschen im Zweiten Weltkrieg schwere Rückzugsgefechte gegen die amerikanischen Truppen.
30 Züge in einem ersten Schritt
Der Mann hat in seinem Berufsleben wenig ausgelassen. Dennoch will er es nach bald acht Lebensjahrzehnten noch einmal wissen. Sein Versuch, auf dem deutschen Schienenmarkt von 2028 an mit 30 Siemens-Hochgeschwindigkeitszügen Fuß zu fassen, würde sein Lebenswerk krönen – wenn er dafür die behördlichen Genehmigungen in Deutschland überhaupt bekommt und das Projekt zum Erfolg führen kann. In einem ersten Schritt sollen 56 tägliche Verbindungen zwischen München, Köln und Dortmund sowie München, Berlin und Hamburg verkehren.
Montezemolo selbst ist nicht der operative Anführer des Projekts, sondern das Aushängeschild. 60 bis 70 Prozent seiner Arbeitszeit widme er dem Vorhaben. „Es ist kein Projekt, das der Deutschen Bahn schaden würde – im Gegenteil“, sagt er. Denn die Erfahrung in Italien habe gezeigt, dass der Wettbewerb auch den früheren Monopolisten Trenitalia besser und das Bahnfahren mit sinkenden Preisen insgesamt attraktiver machte. Und die deutsche Italo-Tochtergesellschaft würde in Deutschland Tausende von Arbeitsplätzen schaffen, fügt er hinzu.
Der Traum von der Expansion im Norden ist das jüngste, aber nicht das einzige Projekt in Montezemolos Unruhestand. Neben seiner Farm hält er eine bedeutende Beteiligung am gut 200 Jahre alten Zigarrenhersteller Sigaro Toscano, den er als Raucher vor dem Untergang retten will: Zudem ist er ehrenamtlich bei einem jährlichen „Fernsehmarathon“ tätig, um Spenden für den Kampf gegen seltene Krankheiten zu sammeln. Den Parfümhersteller Acqua di Parma, den er als Investor zusammen mit Freunden auf Vordermann brachte, hat er gewinnbringend an den französischen Luxusriesen LVMH verkauft. „Zeit ist das wichtigste aller Luxusgüter“, zitiert er Hans Magnus Enzensberger. Er füllt sie weiterhin mit viel Arbeit aus, obwohl er das finanziell gesehen nicht müsste.
Ein Dokumentarfilm, der ihm schmeichelt
Freunde und Familie seien der Mittelpunkt seines Lebens, betont Montezemolo. Von drei Frauen hat er fünf Kinder, zudem blieb die eine oder andere weitere Partnerschaft kinderlos. Bei seinen zwei Ältesten hilft er im Hintergrund mit. Sohn Matteo leitet von London aus die Fondsgesellschaft Charme Capital Partners, Tochter Clementina engagiert sich in Flüchtlingsprojekten. Auch an seinem Nachruf arbeitet er schon. Auf Sky ließ Montezemolo den schmeichelhaften „Dokumentarfilm“ „Luca – seeing red“ drehen, der besonders seine Leidenschaft für Ferrari und den Rennsport nachzeichnet.
Dem jungen Studenten aus Rom war dieser Weg nicht in die Wiege gelegt, auch wenn er aus einer adligen Familie stammt. Neben dem Jurastudium fuhr Montezemolo Ende der Sechzigerjahre als Rallyefahrer Amateur-Langstreckenwettbewerbe. „Eines der schönsten Rennen meines Lebens fuhr ich auf dem Nürburgring, es war ein dreitägiger Touringmarathon“, erinnert er sich. Eines Tages meldete er sich in einer beliebten Radiosendung zu Wort, um heftig einem Hörer zu widersprechen, der den Rennsport als gefährlichen Unsinn, als Umweltverschmutzung und als Sport der Reichen angegriffen hatte. Enzo Ferrari hörte die Sendung, lud Montezemolo ein und machte ihn zu seinem Assistenten. Dabei half auch, dass Montezemolo die Rallyes mit seinem Freund Cristiano Rattazzi fuhr, einem Neffen des Ferrari-Haupteigners Gianni Agnelli.
Erfolge mit Niki Lauda und Michael Schumacher
Schon mit 27 Jahren wurde Montezemolo Chef der Ferrari-Rennsportabteilung. Er gewann Niki Lauda für die Formel 1, so wie nach seiner späteren Rückkehr zu Ferrari auch Michael Schumacher. Mit den sportlichen Erfolgen wurde die Marke mit dem sich aufbäumenden Pferd wieder eine Großmacht in der Königsklasse des Rennsports. Zwischendurch hatten die Agnellis aber auch andere Aufgaben für Montezemolo vorgesehen: So kümmerte er sich um das Verlagswesen mit der Zeitung „La Stampa“ im Mittelpunkt. Seine erste Aufgabe als Vorstandsvorsitzender bekam er bei der Getränkemarke Cinzano.
Die Leidenschaft für den Sport erhielt er sich dabei: Montezemolo organisierte in den Achtzigerjahren die italienische Segelteilnahme am America’s Cup. 1990 leitete er das Organisationskomitee für die Fußball-WM in Italien. Die italienische Nationalmannschaft erreichte zwar nicht das Finale, doch dafür brachte Montezemolo am Vorabend erstmals die drei Tenöre José Carreras, Plácido Domingo und Luciano Pavarotti in den römischen Caracallathermen auf die Bühne. Pavarotti wollte erst nicht, erzählt Montezemolo im Film, „aber wir hatten ein sehr gutes Argument, denn er war auf einen Ferrari F40 aus. Ich gab ihm den Wagen nach sehr kurzer Zeit.“
Bei Fiat und Ferrari herausgedrängt
Auf den geborenen Netzwerker wartete dann 2004 die bis dahin schwerste Aufgabe. Kaum war er zum Präsidenten des Industrieverbandes Confindustria gewählt worden, übernahm er auf Bitten der Agnelli-Familie den Fiat-Verwaltungsratsvorsitz. „Beide Aufgaben gleichzeitig – das waren sehr schwere Jahre.“ Vielleicht auch, weil bei Fiat Schritt für Schritt der Vorstandsvorsitzende Sergio Marchione zum starken Mann wurde. Dieser sanierte den Konzern und leitete die Fusion mit Chrysler ein. Als sich das neue Unternehmen formte, wurde Montezemolo aus der Fiat- und dann auch aus der Ferrari-Welt herausgedrängt.
Bis heute bestehen die Spannungen mit seinen Nachfolgern fort, allen voran mit dem Agnelli-Erben John Elkann. Montezemolo bedauert es, dass nach seinen Informationen im Ferrari-Museum in Maranello kein Bild mehr von ihm hänge. „Wegen der Vergangenheit eifersüchtig zu sein, ist keine schöne Sache“, sagt er. Wenn Ferrari am 25. Mai in Rom sein erstes vollelektrisches Modell vorstellt, wird Montezemolo fehlen. Er hält nicht viel von dem Konzept: „Zum Mythos Ferrari gehört auch die Musik des Motors. Eine bedeutende Marke muss nach vorne blicken, doch in ihrer Geschichte auch einen roten Faden bewahren.“
Die VW-Tochtergesellschaft Lamborghini dagegen lobt der Manager in höchsten Tönen, sie habe italienische Tradition und gutes Design fortgeführt. In Bezug auf die ganze europäische Autobranche sieht er es als „einen großen Fehler, die Hersteller zu zwingen, in kurzer Zeit von den Verbrennern auf die Elektromobilität umzustellen“. Elektroautos hält er nur für kleine Wagen in den Stadtzentren geeignet. Hybridmotoren und innovative Kraftstoffe seien der bessere Weg.
Viele Projekte betreibt er mit engen Freunden
In den 2000er-Jahren kam dem Autonarr zusammen mit Freunden dann die Idee, dem staatlichen Bahnbetreiber einen privaten Konkurrenten entgegenzusetzen. Wie so oft heckte Montezemolo den Plan mit persönlichen Vertrauten aus, darunter Diego Della Valle, dem Gründer des Modeunternehmens Tod’s, sowie dem langjährigen Chef des Bremsenherstellers Brembo, Alberto Bombassei. Doch es dauerte etliche Jahre, bis sie das erste Ticket verkaufen konnten. „Ich hatte damals einige schlaflose Nächte, weil mein gesamtes Privatvermögen in diesem Projekt steckte.“
Die erste Bahnfahrt im Jahr 2012 rechnet er zu den emotionalen Höhepunkten seiner Karriere – „so wie damals, als wir mit Niki Lauda in Monza und mit Michael Schumacher in Japan die erste Formel-1-Weltmeisterschaft gewonnen haben“. Heute fahre er möglichst oft Zug – auch um das Italo-Angebot zu testen –, doch für Wochenendausflüge bevorzuge er dann doch einen seiner Ferraris.
Sein Zugbetreiber Italo ist über Kritik indes nicht erhaben. So gibt es etwa keine Waggons mit Bar oder Restaurant, sondern für die zweite Klasse nur Getränke- und Essensautomaten, die bis vor einiger Zeit nur Bargeld annahmen. Dennoch hat sich Italo im Laufe der Jahre auf den wichtigsten Hochgeschwindigkeitsstrecken Italiens einen Marktanteil von rund einem Drittel erkämpft. Einem Staatsunternehmen Konkurrenz zu machen, dafür kann sich Montezemolo begeistern – für den Staat oder politisch beeinflusste Unternehmen zu arbeiten dagegen nicht. Seine Zeit als Alitalia-Präsident sieht er heute als Fehler: zu viele sachfremde Interventionen, zu viel Gewerkschaftsmacht, daher zu wenig eigene Macht.
Nun also vielleicht Deutschland. Seine Nähe zu dem Land unterstreicht Montezemolo immer wieder. Sie fing damit an, dass er als Kleinkind „ein Fräulein“ hatte, das ihm die deutsche Sprache beibrachte, die er zu seinem Bedauern später aber vergaß. Zudem sind ihm aus seiner Kindheit die Märklin-Züge in Erinnerung geblieben. Heute soll es nicht bei Spielzeug bleiben. Wenn ihn denn die deutschen Behörden lassen.
