
Selten hat ein Geständnis weniger zur Aufklärung eines Verbrechens beigetragen. Rex Heuermann, ein Architekt aus Long Island mit einem Büro in Manhattan, erklärte sich vor drei Wochen zwar schuldig, acht Frauen ermordet und ihre zerstückelten Leichen am Gilgo Beach abgelegt zu haben. Bei der Frage des Bezirksstaatsanwalts Ray Tierney nach der Todesursache der Opfer beschränkte sich der Zweiundsechzigjährige aber auf ein knappes „Erdrosseln“. Auch das Motiv für eine der rätselhaftesten Mordserien der Vereinigten Staaten blieb ebenso im Dunklen wie Heuermanns plötzlicher Entschluss, sich schuldig zu bekennen.
Nach der Verhaftung im Sommer 2023 hatte er fast drei Jahre beteuert, nicht der „Gilgo Beach Killer“ zu sein. Wie sein Verteidiger Michael Brown nach Heuermanns plötzlichem Geständnis sagte, wollte der Angeklagte seiner früheren Ehefrau Asa Ellerup und den beiden gemeinsamen Kindern aber die Qualen eines Mordprozesses ersparen. Auch die Angehörigen der Opfer sollten von Details zu deren letzten Stunden verschont bleiben. „Das Geständnis hatte für Heuermann etwas Erlösendes“, sagte der Jurist.
Über Jahre weitere Leichenfunde nahe Gilgo Beach
Die Beweiskette der Staatsanwaltschaft half wahrscheinlich auch. Laut Anklage verabredete sich Heuermann in den Jahren 1993 bis 2010 mit mindestens acht Prostituierten, quälte und tötete sie, bevor er ihre zerstückelten Leichen am Gilgo Beach ablegte. Dass entlang des Ocean Parkway auf Long Island ein Serientäter unterwegs war, ließ vor 16 Jahren der Fund der sogenannten Gilgo Four erahnen. In einem Feuchtgebiet entdeckten Ermittler damals die Leichen von Amber Costello, Megan Waterman, Melissa Barthelemey und Maureen Brainard-Barnes. Obwohl in den nächsten Jahren weitere Leichenfunde in der Nähe von Gilgo Beach gemeldet wurden, verliefen Ermittlungen bald wieder im Sande. 2022 gründete Tierney, damals frisch gewählter Staatsanwalt des Bezirks Suffolk, eine Task Force.
Der Hinweis eines Zeugen auf einen eher seltenen Chevrolet Avalanche, in den eines der Opfer gestiegen war, führte zu Heuermann. Der Architekt fuhr nicht nur einen Pick-up des Typs. Er wohnte auch in der Siedlung Massapequa Park auf Long Island, wenige Kilometer entfernt von Gilgo Beach. Der Abgleich von genetischem Material, das die Ermittler an dem Rest einer Pizza fanden, die Heuermann gegessen hatte, stimmte mit DNA an einem Stück Jute überein, in das eine der Leichen gewickelt wurde. Im Sommer 2023 wurde Heuermann verhaftet und wegen der Ermordung der „Gilgo Four“ angeklagt. Ein Jahr später folgten Anklagen zu Jessica Taylor, Sandra Costilla und Valerie Mack, wie die anderen Frauen zierlich gebaut, brünett und meist Mitte zwanzig. „Der Täter lebte unter uns und spielte uns einen normalen Vater aus einem Vorort vor. Tatsächlich war er davon besessen, Frauen zu finden und zu töten“, sagte der Bezirksstaatsanwalt Tierney nach Heuermanns wortkargem Schuldbekenntnis.
Auf dem Computer in dem verwahrlosten Bungalow des Architekten auf Long Beach entdeckten die Ermittler sorgfältig ausgearbeitete Pläne für seine Morde, Zeitangaben zur „Playtime“ mit seinen Opfern, vermutlich sexuelle Praktiken und Verstümmelungen, sowie Listen mit Punkten wie „Handschuhe verbrennen“ und „Bilder löschen“. „Das Planen hat ihn erregt. Er versuchte, aus früheren Fehlern zu lernen, um irgendwann in der Lage zu sein, das perfekte Verbrechen zu begehen“, sagte die forensische Psychologin Rachel Tores dem Sender ABC. Wie Heuermanns frühere Ehefrau Ellerup und seine Tochter Victoria in der vor einigen Tagen veröffentlichten Dokumentationsserie „The Gilgo Beach Killer: House of Secrets“ sagten, wurden Mack, Taylor und die später als weiteres Opfer identifizierte Karen Vergata im Keller ihres Zuhauses in Massapequa Park ermordet. Ein weiteres Opfer tötete Heuermann im Ehebett. Wie die Polizei ermittelte, waren Ellerup und ihre Kinder zu den Tatzeiten in den Ferien.
Das Töten dauerte jeweils vier Tage. Laut Heuermanns Therapeutin Alison Winter versuchte er bei einem ersten Treffen, bei dem er für Sex zahlte, das Vertrauen der Frauen zu gewinnen. Bei der zweiten Begegnung sperrte er sie in seinen „kill room“ im Keller, quälte, missbrauchte und zerstückelte sie. Die Fahrt an den Gilgo Beach, wo er die Leichenteile ablegte, versuchte Heuermann von Mord zu Mord mit Hilfe einer Stoppuhr zu perfektionieren. „Das Morden hat ihm Spaß gemacht“, sagte Wilson den Produzenten der Filmdokumentation. 2010, nach dem Fund der „Gilgo Four“, beendete Heuermann die Mordserie abrupt. „Es hat ihm nichts mehr gegeben. Er hatte wohl auch Angst, gefasst zu werden“, meinte die Therapeutin.
Für Mitte Juni ist die Verkündung des Strafmaßes geplant. Laut Bezirksstaatsanwalt Tierney einigte sich Heuermann im Gegenzug für das Schuldbekenntnis mit der Anklage auf drei lebenslange Haftstrafen und weitere 100 Jahre Gefängnis. Ein Stück Kontrolle hat der „Gilgo Beach Killer“ behalten.
