Der Güterwagen hat Menschen transportiert. Deshalb steht er jetzt mitten im Hessenpark. Er ist zugleich Ausstellungsstück und Ausstellungsraum: ein sehr großes Exponat und ein sehr kleines Museum. An beidem wird am Mittwoch noch gearbeitet, denn die Schau „Transport ins Ungewisse – Menschliche Fracht“ eröffnet erst am Sonntag.
Frisch gestrichen ist der Güterwagen schon, in Rotbraun von außen und in Eisengrau von innen. Gerade malt ein Mitarbeiter noch Ziffern in Weiß an die Außenwand. Er erinnert damit an die Originalbeschriftung von 1961. Im Kleid dieses Jahres stellt das Freilichtmuseum im Taunus den Wagen aus. In den Zeiten, um die es in der neuen Dauerausstellung im Innern geht, hatte er noch ein Bremserhäuschen. Das ist später abmontiert worden. Aber nicht nur aus Originaltreue hat sich Kurator Torsten Halsey für das Jahr mitten im Wirtschaftswunder als äußeres Museumsgewand des Wagens entschieden. Sondern auch, um zu zeigen: Der G10 ist ein essenzieller Teil auch der bundesrepublikanischen Geschichte.
In Güterwagen in Konzentrationslager gebracht
Die Geschichte, mit der sich die Ausstellung auf den 20 Quadratmetern der Innenfläche befasst, liegt davor. Seit 1910 wurden Wagen des Typs im Deutschen Reich hergestellt. Als im Sommer 1914 der Erste Weltkrieg begann, brachten sie Soldaten an die Westfront. Vor allem die Mannschaftsgrade dürften darin gefahren sein, sagt Historiker Halsey. Die Offiziere reisten eher in Personenwagen. Bis 1927 produzierte die Reichsbahn den G10, der damals aber noch nicht so hieß.
Auch im Zweiten Weltkrieg waren Soldaten darin unterwegs. Vor allem aber geht es dem Hessenpark darum zu zeigen, dass im nationalsozialistischen Deutschland von 1941 an Menschen in diesen Güterwagen in die Konzentrationslager, Vernichtungsstätten und Ghettos gebracht wurden, auch aus Frankfurt, Kassel und Darmstadt. Sie waren zusammengepfercht, konnten die Notdurft allenfalls in einen Eimer verrichten. Mitten unter ihnen starben manche, während der Wagen weiterrollte.

Das sollen Besucher in dem Waggon erfahren. Im doppelten Sinn: Das Museum unterrichtet sie darüber, und es macht die Geschichte erlebbar. Das geschieht in maximaler Reduktion. Der Wagen, in dem jetzt noch Blecheimer mit Farblack, Behältnisse voller Pinsel und eine Trittleiter stehen, wird am Wochenende leer geräumt sein bis auf die Box mit dem Bildschirm zum Berühren, eine kleine Informationstafel auf der einen Längsseite – und zwei Displays mit stetig einlaufenden Textstreifen an den beiden Stirnseiten.
Die Idee dazu sei ihm an einem Bahnhof gekommen, erzählt Halsey, der im Hessenpark als wissenschaftlicher Mitarbeiter arbeitet. Mit Blick auf die Anzeigetafeln für Züge kam er auf den Gedanken, die Ausstellung im Güterwagen genau so zu inszenieren. Die Tafeln passen damit assoziativ zum Ausstellungsobjekt Güterwagen.
Das Exemplar kam 2002 in das Freilichtmuseum, wo es bisher für eine andere Ausstellung genutzt wurde. Davor stand der Wagen im Frankfurter Südbahnhof: Seit die Deutsche Bahn ihn 1983 ausgemustert hatte, nutzten ihn Mitarbeiter als Materiallager und Raum für die Kaffeepause. Wo der konkrete Wagen zur Zeit des Nationalsozialismus im Einsatz war, ob auch in ihm Menschen in Konzentrationslager gebracht wurden, lässt sich nicht mehr herausfinden.
Auch Vertriebene fuhren in den Wagen
Die Aufgabe der Tafeln ist zugleich instruktiv: Auf drei Schriftbändern laufen Zahlen und Fakten über die Funktion der Güterwagen als Transportmittel für menschliche Fracht ein. Die eine Tafel zeigt die Informationen auf Deutsch, die andere auf Englisch. Besucher erfahren, dass nach Schätzungen 18.430.000 Personen aus ideologischen Gründen getötet worden sind. Dass es 121.700 Wagen des Typs gab. Dass 1945 bis 1949 auch Vertriebene aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa in den Wagen gen Westen fuhren. Bis alles durchgelaufen ist und von Neuem beginnt, dauert es wenige Minuten.

Der Touchscreen auf der Box zeigt eine Hessenkarte mit 64 roten Markierungen in Tropfenform, die an GPS-Punkte denken lassen. Jeder weist auf eine Tötungsanstalt, ein KZ-Außenlager, ein Arbeitserziehungslager hin. Beim Berühren öffnet sich jeweils ein Fenster mit wenigen Zeilen.
Die Ausstellung reagiert darauf, dass die Aufmerksamkeitsspanne vieler Besucher heute kurz ist: Schauen, weiterwischen. Gleichzeitig ist sie eine Einladung zum Verweilen und Vertiefen. Wer sich einlassen will, kann den Wagen auf sich wirken lassen. Die Schreckensbilder, die sich seit der Schulzeit in die Köpfe so gut wie aller Besucher eingebrannt haben dürften, zeigen sich dabei automatisch vor dem geistigen Auge. Wer will, kann dann zu Hause weiterforschen, weiterdenken, weiterfühlen.
