Sommer, Sonne, das ist die Zeit für kühle Drinks auf der Terrasse oder dem Freisitz: ein schöner, knalloranger Aperol Spritz mit Blick auf einen Abendhimmel derselben Farbe oder ein tiefroter Negroni Sbagliato. Wer auf harten Alkohol verzichten will, der greift wahrscheinlich zur Weißweinschorle. Und seit ein paar Jahren auch zum Rosé. Der Wein, der einst so wirkte, als sei er einfach aus Rot- und Weißwein zusammengepanscht (ist er nicht), ist mittlerweile einer der beliebtesten Sommerweine. Und ähnlich wie beim Rot- und Weißwein gibt es auch beim Rosé richtig viel zu wissen, zu beachten und vor allem zu entdecken. Der Journalist und ausgebildete „Assistant Sommelier (IHK)“ Pascal Strehler hat in seinem kompakten Büchlein „Rosé: Das Buch zum Wein“ alles Wissenswerte zusammengefasst. Das Wichtigste: Blass ist lediglich die Farbe. Ansonsten steht Rosé seinen roten und weißen Verwandten in puncto Geschmack und Komplexität in nichts nach.
Der Siegeszug des Rosés als leichter Sommerwein beginnt übrigens in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts, mit einer Errungenschaft der französischen Sozialisten: 1936 verabschiedete die Regierung unter dem Sozialisten Léon Blum ein Gesetz, wonach den französischen Arbeitern 14 Tage bezahlter Urlaub zustehen. Dieser Urlaub führt viele – wie könnte es anders sein – in den schönen Süden des Landes, in die Provence. Viele Arbeiter sehen damals zum ersten Mal in ihrem Leben das Meer. Dort im Süden lernten die Franzosen auch den Rosé kennen und schätzen. Eigentlich ist er ein Nebenprodukt der Rotweinherstellung, doch dank der Urlauber wird er auch zum Sinnbild des guten Lebens, des Sommers, der Sonne und der herrlichen Tage im Süden. Nicht viel anders also als heute.

Knapp hundert Jahre später hat der Rosé einen beispiellosen Siegeszug durch die Weinwelt angetreten. Mittlerweile entfallen rund zehn Prozent der globalen Weinproduktion auf Rosé, Schaumweine – also Sekt, Champagner und Co. – nicht mitgerechnet. Gut ein Drittel davon kommt aus Frankreich. Ein Nischenwein ist er schon lange nicht mehr. Zu Recht, wie Pascal Strehlers Buch zeigt, denn über Rosé gibt es einiges zu erfahren, von Geschichte über Herstellungsmethoden und Anbaugebiete bis hin zu den besten Wein-Gericht-Kombinationen. Strehler hat das alles auf kompakten 120 Seiten zusammengeschrieben, sodass man sich nach der Lektüre vorkommt, als hätte man einen Sommelier-Crashkurs absolviert.
Wie schmeckt Rosé?
Hat man in gewisser Weise auch, denn Strehlers Buch legt nach einem kurzen geschichtlichen Abriss richtig los. Unter der Überschrift „Wie schmeckt Rosé?“ gibt er auf gut fünf Seiten Geschmacksprofile für alle Rebsorten, bevor es dann noch tiefer reingeht und die Stilistiken der verschiedenen Weinanbaugebiete auf der ganzen Welt erklärt werden. Das ist schon Wissen für Fortgeschrittene. Wer einfach nur im Supermarkt ein Fläschchen für den Grillabend kaufen möchte, der wird davon vielleicht überfordert sein, aber wer ein bisschen genauer herausfinden will, was ihm schmeckt, der kann mithilfe von Strehlers erstaunlich detailliertem Rosé-Guide einiges ausschließen. Am hilfreichsten ist wahrscheinlich das „Foodpairing“-Kapitel. Darin erklärt Strehler, welcher Rosé am besten zu welchem Essen passt.

Am Ende der Lektüre dieses Büchleins steht vor allem die Erkenntnis: Rosé ist komplex, aber nicht kompliziert. Die wichtigste Übung ist Achtsamkeit: darauf zu achten, was einem schmeckt und warum man den einen Wein großartig und lecker findet, während man einen anderen lieber in die Blumen kippen möchte. Ist er zu sauer, zu fruchtig oder irgendwie zu leicht? Strehlers Buch liefert nicht nur unfassbar viel Weinwissen, sondern auch eine Sprache für all die unterschiedlichen Ausprägungen, die so ein Rosé haben kann. Allerdings scheint das viele Weinwissen doch auch gelegentlich mit ihm durchzugehen, und nicht jeder Gag im Buch zündet. Sätze wie „Wer wie ich keinen eigenen Weinberg, aber ein Refraktometer besitzt …“ sind wahrscheinlich witzig gemeint, aber haben eher den Charme eines nerdigen Mathematikerwitzes. Möglicherweise hat er beim Schreiben ja auch das ein oder andere Gläschen getrunken?
Die gelegentlichen Stolperer verzeiht man aber gerne, vor allem, weil „Rosé: Das Buch zum Wein“ im Großen und Ganzen unprätentiös daherkommt. Weder wird hier auf quasiwissenschaftlichem Niveau über Bodenchemie und Tanningehalte gefachsimpelt (obwohl solche Aspekte durchaus zur Sprache kommen), noch gibt sich Strehler der ostentativen Coolness der modernen Wein-Bro-Kultur hin, wie sie etwa durch hippe Weinbars, einen nicht nachvollziehbaren Hang zu nach Käse riechenden Naturweinen und Podcasts wie „Terroir und Adiletten“ verkörpert wird. „Rosé: Das Buch zum Wein“ ist ein kompaktes Büchlein mit allem Wichtigem, klar und präzise aufgeschrieben. Ein perfektes Buch für all jene, die auf der Suche nach einem Ausdruck dafür sind, welcher Rosé ihnen schmeckt und welcher nicht.
