
Ob Parzival, Lancelot, Gawein oder Tristan, der Zauberer Merlin oder Nimue, die Dame vom See – sie alle sind bis heute prominent in Filmen, Serien, Romanen und Computerspielen vertreten. Und sie alle haben ihren Ursprung als Figuren im mittelalterlichen Stoffkreis der Artusepik, jener keltischen Erzähltradition, die in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts durch die höfischen Romane des französischen Autors Chrétien de Troyes etabliert und wenig später im Mittelhochdeutschen etwa durch Wolfram von Eschenbach oder Hartmann von Aue aufgegriffen wurde.
Dass die Geschichten rund um den Artushof immer weiterentwickelt wurden, hat ihren Status über die Jahrhunderte gefestigt. Doch die mittelalterliche Praxis des Wiedererzählens bedingt auch, dass die Figuren ständig anders erdacht, bewertet, sogar anders benannt wurden und in unterschiedlichen Geschichten mal prominent, mal nur am Rande auftauchen. In der Betrachtung der mittelalterlichen Artusromane zeichnet sich so ein komplexes Figurengeflecht, hinter dem sich die arthurische Erzählwelt aufspannt: Die Figuren scheinen gewissermaßen über den Texten zu schweben. Und da ist etwas, das sie bis heute miteinander verbindet.
Die gelehrten Ritter an der Bamberger Tafelrunde
Für die Beziehungen literarischer Figuren, die über Werkgrenzen, Autorennamen und Zeiträume hinweg existieren, hat der Anglist Wolfgang G. Müller Anfang der Neunzigerjahre das Konzept der Interfiguralität geprägt. Die der Gattung innewohnende „Arthurische Interfiguralität“ war Gegenstand und Titel einer Tagung der Deutsch-österreichischen Sektion der Internationalen Artusgesellschaft, die vom 25. bis zum 28. Februar in Bamberg stattgefunden hat. Veranstaltet haben sie die Bamberger Mediävisten Christoph Schanze und Gesine Mierke sowie ihre Gießener Kollegin Cora Dietl, die Präsidentin der Sektion.
Fast könnte man von einer Tafelrunde in Bamberg sprechen, die Tische sind in einem länglichen Oval angeordnet. Viel mehr Assoziationen mit der mittelalterlichen Erzählwelt lässt die stuckverzierte Decke des Tagungsraums im barocken ehemaligen Jesuitenkolleg allerdings nicht zu. Auch einen Bamberger Artusroman gebe es leider nicht, sagt Kai Nonnenmacher, Dekan für Geistes- und Kulturwissenschaften an der Otto-Friedrich-Universität. Davon, dass der Artusroman als Leitgattung des 12. Jahrhunderts auch in Bamberg rezipiert wurde, sei allerdings auszugehen.
Klare Verhältnisse? Ach was, wir sind hier im Mittelalter!
Zeitsprünge sind erlaubt, wenn nicht sogar notwendig, um die durchaus abstrakte Thematik greifbar zu machen. So kommt es, dass Florian Kragl von der Universität Erlangen nicht bei König Artus ansetzt, sondern bei den Romanfiguren Agatha Christies. Im modernen Erzählen ziele das Versetzen einer bekannten Figur in einen anderen Kontext häufig „auf einen kalkulierten ästhetischen Effekt“: Wenn sich etwa der belgische Privatdetektiv Hercule Poirot plötzlich an einem Tisch mit Miss Marple, Sam Spade und anderen Figuren aus dem Whodunit-Genre wiederfindet, wie es der Film „Murder by Death“ aus dem Jahr 1976 imaginiert, dann wirkt das irritierend, aber auch komisch. Anders ist das im seriellen Erzählen, wo die Handlung dadurch stabilisiert wird, dass die gleiche Figur in verschiedenen Werken erscheint: Poirot auf einer Nilkreuzfahrt, Poirot im Orient-Express, und so weiter.
Beide Erzähltechniken fänden sich im Artusroman, sagt Kragl, doch von der modernen „Klarheit der Verhältnisse“ seien die mittelalterlichen Texte weit entfernt. Vier Figuren gehören demnach zum festen Inventar des Artushofes und machen ihn als solchen erkenntlich: König Artus, „der unbewegte Beweger“, Ginover, die vorbildliche Königin mit einem Hang zur Untreue, der makellose und maßgebende Ritter Gawein und schließlich Kei, ein „spöttischer Kontrahent“ nicht nur gegenüber dem jeweiligen Romanhelden, sondern auch gegenüber dem Hof.
Eine Brücke zu den Superhelden der Gegenwart
Helden wie Erec, Iwein, Lanzelet oder Parzival werden namentlich in vielen Artusromanen genannt, tragen laut Kragl aber nicht zwingend zur Handlung bei. In der „Krone“ Heinrichs von dem Türlin etwa taucht Erec nur auf, um vom Erzähler oder Kei bloßgestellt zu werden. Im „Gauriel“ Konrads von Stoffel übernimmt Erec hingegen die Rolle des ersten und besten Artusritters, die sonst Gawein vorbehalten ist. Mit dem Titelhelden im „Erec“ Hartmanns von Aue hat Konrads Erec laut Kragl wenig gemein.
Den Figuren im Artusroman wohne eine Flexibilität inne, sagt er, eine Art „transtextuelles Wabern“, mit dem sie sich über die Grenzen der Erzählungen hinwegbewegten. Dabei helfe die geteilte Erzählwelt des Artushofs. Diese Figurenbeschaffenheit ist also in gewisser Weise spezifisch arthurisch – eine Brücke zur Gegenwart schlägt Kragl dennoch: Auch die Superhelden des Marvel-Universums seien „narrative Figuren, die sich ein großes Stück weit verselbständigt haben“.
Der Musterritter und seine Schattenseiten
Als „eine der flexibelsten Figuren der Artusepik“ bezeichnet Laura Schiller von der Universität Marburg den Ritter Gawein. Das beginne mit seinem Namen: Die Überlieferung kennt auch Varianten wie Gauvain, Walewein, Balban oder Walawwaynus. Immer sei er mit König Artus verwandt, nicht immer sei er ein feiner Kerl. Dennoch sei davon auszugehen, sagt Schiller, dass das artuskundige mittelalterliche Publikum wusste, wer mit diesen Namen gemeint ist. Angesichts der zahlreichen Erwähnungen der Figur mag das weniger erstaunen, angesichts ihres großen Variantenreichtums schon. Welche Gemeinsamkeiten sich trotz der unterschiedlichen Entwürfe finden, arbeitet Schiller anhand von mittelhochdeutschen, altfranzösischen und mittelenglischen Textbeispielen heraus.
Da ist der mustergültige Gawein im „Iwein“ Hartmanns von Aue, der vom Erzähler als idealtypischer Ritter angeführt wird und an den selbst der Titelheld kaum heranzureichen vermag. Im altfranzösischen „Tristan en prose“ hingegen tritt Gauvain als Antagonist auf – hier bedroht er nicht nur das ritterliche Ideal, sondern trägt zu dessen Dekonstruktion bei. Und doch gibt es eine Stelle, die darauf hindeutet, dass das nicht immer so war: Tristan beklagt den tiefen Fall des Gauvain, der früher ein hohes Ansehen genossen habe. Irgendwo dazwischen bewegt sich der mittelenglische „Sir Gawain and the Green Knight“, der Gawain ins Zentrum der Handlung rückt und ihn als fehlerhaften, aber strebsamen Ritter darstellt.
Es geht um die Konstellationen, nicht um die einzelnen Helden
In der Gesamtschau zahlreicher Gawein-Darstellungen kommt Schiller zu dem Schluss, dass dieser zwar überwiegend tugendhaft dargestellt wird, dessen Wiedererkennbarkeit jedoch auch in seiner Erzählfunktion begründet liegt: So wird Gawein häufig als Projektionsfläche und Gegenentwurf zu anderen Ritterfiguren konstruiert, an dem sich höfische Ideale bemessen lassen. Als integraler Teil des Artushofes gilt er außerdem als dessen Repräsentant. So drückt sich auch im Verhältnis zu anderen Figuren aus, was Gawein über die Textgrenzen hinweg im Kern ausmacht – selbst wenn die charakterliche Ausgestaltung in der Überlieferung schwankt.
Schillers Überlegungen greifen einen Aspekt auf, den Thalia Vollstedt von der Universität Tübingen zuvor am Beispiel der Gawein-Figur herausgearbeitet hatte: Die Artusliteratur erzählt ihre Figuren anhand von Konstellationen. In Bamberg entwickelt Vollstedt diesen Gedanken mit Blick auf Frauenfiguren weiter. „Artusromane sind Erzählungen über die Belange von Rittern“, sagt sie. An ihnen lasse sich geradezu exemplarisch beobachten, wie die ausschließlich männlichen Erzähler ihre Frauenfiguren auf deren Beziehung zu männlichen Figuren reduzierten – etwa als Mutter, Schwester oder Geliebte. Während Gaweins Rolle als Neffe von König Artus ihn als handelnde Figur präge, existiere seine Mutter in der Geschichte vor allem als verwandtschaftliches Bindeglied der beiden.
Am Beispiel der Morgan le Fay zeichnet Vollstedt die überlieferungsgeschichtliche Entwicklung einer weiblichen Figur nach, die als magisch begabte Schwester des Königs allmählich zur rachsüchtigen Widersacherin stilisiert wird, eine Rolle, die ihr immerhin mehr Autonomie zuschreibt als konventionellen höfischen Frauenfiguren. Entsprechend betont Vollstedt das Potential, Morgan le Fay in der Artusrezeption der Gegenwart mehr Präsenz und Unabhängigkeit einzuräumen. Reizvoll die Frage, ob sie auch ohne direkte Anbindung an den Artushof bestehen könnte.
