Als es Nacht wurde, kam der Sicherheitsdienst. Kochen, essen und duschen im Mathematikgebäude der TU Berlin waren noch okay für die Hausverwaltung. Als die Studierenden dort ihre Schlafsäcke ausbreiteten und sich bettfertig machten, überschritten sie jedoch eine rote Linie. „Übernachten wird mit Wohnen gleichgesetzt, und das ist in einem Hochschulgebäude nicht erlaubt“, sagt Jesko Lippke.
Der Doktorand hat Urban Design an der TU Berlin studiert und sich im vergangenen Wintersemester am fachübergreifenden Forschungsprojekt „Campus as Commons“ beteiligt. Es ist selbstorganisiert und beschäftigt sich mit der Umnutzung von Bestandsgebäuden in gemeinnützigen Wohnraum; dafür steht der englische Begriff „commons“. Die Ausgangsthese: Modulare Einbauten, Wiederverwendung und gemeinschaftliche Organisation bieten Alternativen zu langwierigen Neubauprojekten und Leerstand.
Das wollten Master-Studierende aus den Fachbereichen Architektur, Stadtplanung und Urban Design am Beispiel ihrer eigenen Hochschule demonstrieren. Im Mathematikgebäude der TU verwandelten sie vier Seminarräume im siebten Stock in ein Reallabor für temporäres studentisches Wohnen, trennten Schlafecke vom Wohnbereich, installierten eine Küche auf Zeit und sorgten mit einem großen Tisch für Austausch. „Wir haben den ,proof of concept‘ erbracht, hier kann man wohnen“, sagt Lippke und klingt ein halbes Jahr später dennoch ernüchtert.
„Übertriebene Standards“
„Für uns war es am Ende ein wenig frustrierend“, erklärt der wissenschaftliche Mitarbeiter. Viele Stakeholder hätten das Projekt toll gefunden. „Aber zugleich konnte uns niemand Zugeständnisse machen.“ Lippke wünscht sich, dass übertriebene Standards hinterfragt und Rechtsgrundlagen geändert werden, damit etwa aus leerstehenden Büros auch in Hochschulen Wohnraum werden kann. „Es muss auf der politischen Ebene mehr gepusht werden.“
Dabei hat die Politik durchaus erkannt, dass Nachwuchskräfte in Ausbildung und Studium bezahlbar wohnen müssen. Das zeigt das Sonderprogramm „Junges Wohnen“, für das die Länder zuständig sind und das der Bund mitfinanziert: Durch Modernisierung und Neubaumaßnahmen im sozialen Wohnungsbau sind in drei Jahren mehr als 20.000 Wohnplätze für Studierende und Azubis auf den Weg gebracht worden. „Es gibt einen Aufschwung, auch wenn nicht alle Länder bei der Umsetzung gleich schnell sind“, kommentiert Matthias Anbuhl, Vorstand des Deutschen Studierendenwerks, das Programm.

So hat Sachsen Flexibilität bewiesen und erst Wohnheime saniert, dann neu gebaut und damit gut 2500 moderne Wohnheimplätze ermöglicht. In Bayern waren es mehr als 3700, in Hessen knapp 800, in Bremen null. Das hat mit Förderrichtlinien zu tun, die im kleinsten Bundesland erst auf den Weg gebracht werden mussten, nicht mit fehlendem Bedarf, wie Anbuhl deutlich macht.
Er erkennt eine Lücke: auf der einen Seite ein geringes Plus von 9 Prozent bei den staatlich geförderten Wohnheimplätzen, auf der anderen Seite 48 Prozent mehr Studienplätze. „Man hat die soziale Infrastruktur beim Ausbau der Hochschulen nicht mitgedacht“, sagt Anbuhl. Derzeit kommt nur jeder zehnte Studierende in den Genuss einer Unterkunft in den Studierendenwerken und damit einer durchschnittlichen Warmmiete von 318 Euro. Erforderlich sei eine doppelt so hohe Versorgungsquote, findet Anbuhl – und freut sich, dass die Bundesregierung von 2027 an ihre anteilige Fördersumme auf jährlich eine Milliarde Euro verdoppelt.
Hamburg hat sich viel vorgenommen
Um an Geld im Programm „Junges Wohnen“ zu kommen, müssen die Länder ihre Vorhaben kofinanzieren: 30 Prozent Eigenfinanzierung zusätzlich sind Pflicht, im Durchschnitt packen die Länder die gleiche Summe noch mal obendrauf. Einige machten deutlich mehr, sagt ein Pressesprecher im Bundesbauministerin. „Bis hin zu einer Querfinanzierung von tausend Prozent wie in Hamburg.“ Die Hansestadt hat sich viel vorgenommen, sie will durch öffentliches und privates Engagement bis zum nächsten Jahrzehnt 6000 neue Wohnplätze schaffen, die Hälfte für Studierende, die andere für Auszubildende. Zwar besuchen fast fünfmal so viele Menschen in Hamburg eine Hochschule wie einen Ausbildungsbetrieb, doch will der Senat die duale Berufsausbildung stärken, und wer dafür von außerhalb kommt, soll sich die Stadt leisten können.
Allerdings wird das noch dauern: Fertiggestellt und bezogen sind erst gut 200 Azubiwohnplätze, 840 sind noch im Bau. Im Mittelpunkt stehen Um- und Ausbauarbeiten auf Schulgrundstücken. So baut die Stadt gerade auf einem Berufsschulcampus ein eigenes Wohnheim und entwickelt das „Bildungshaus+“, eine Kombination aus Wohnheim und Bildungseinrichtung, die in Serie gehen soll. Das Pilotprojekt soll Azubiwohnen und Kita vereinen: Im Erdgeschoss toben tagsüber hundert Kinder, darüber wohnen und schlafen junge Erwachsene. Doch kann das gut gehen? Zumindest will man beim Neubau für eine unterschiedliche Zuwegung sorgen, Eltern und Kleinkindern benutzen das Schulgrundstück, die Auszubildenden das benachbarte Wohngebiet. Weitere Plätze wird das Studierendenwerk bereitstellen, dafür hat Hamburg die gesetzliche Zweckbindung für Menschen in Berufsausbildung geöffnet.
Azubis und Studierende unter einem Dach, diese Idee findet auch Matthias Anbuhl charmant. Allerdings seien die Bedürfnisse verschieden; das Studium sei auf Großstädte fokussiert, die Ausbildung finde überall statt. Zudem steige der Druck auf die zu wenigen Wohnheimplätze, wenn man Studierendenunterkünfte für andere Zielgruppen öffne.
Ein Wohnheim für Azubis und Studis
Ein familiär geführter Pflegedienst aus Flensburg baut gerade ein Wohnheim mit 46 Plätzen für Auszubildende und Studierende der Pflege, auch mit Bundesmitteln aus dem Sonderprogramm. Bauherr Stefan Boysen geht es um praktische Lösungen gegen den Fachkräftemangel. Der ist an der deutsch-dänischen Grenze groß, die Sogwirkung durch höhere Löhne im Nachbarland ist hoch. Schon vor fünf Jahren hat Boysen angefangen, Azubis aus dem Ausland zu akquirieren. „90 Prozent kommen aus Vietnam.“
Bisher kommen die Zugezogenen in den Pflegeeinrichtungen oder einem Stadthaus unter, das der Unternehmer eigens zur Überbrückung gekauft hat. Nun will er die Unterbringung zentralisieren, auch deutschen Azubis, die nicht mehr zu Hause wohnen wollen, eine bezahlbare Alternative bieten und für Synergien zwischen Theorie und Praxis sorgen. „Davon profitieren nicht nur wir, das Krankenhaus hat auch schon nachgefragt“, sagt Boysen.
Aus einer Wiese hat die Stadt Flensburg in zehn Monaten baureifes Land gemacht und dem Unternehmer in Erbpacht zur Verfügung gestellt. Das sei rekordverdächtig, auch wenn sich die Azubis ein Bautempo nach vietnamesischem Vorbild wünschten, sagt Boysen und lacht. Für ihn hat sich die Investition schon gelohnt. „Wir haben kein Fachkräfteproblem mehr.“
Azubiwerke als Teil der Wirtschaftsförderung
Das könnte ein Modell für andere Betriebe sein, aber nicht unbedingt ein Geschäftsmodell: „Es lohnt sich nur, wenn man viele Auszubildende hat“, erklärt Boysen. Für kleine Betriebe kann sich ein Zusammenschluss lohnen, nach studentischem Vorbild Azubiwerk genannt. In Hamburg ist dafür eine gemeinnützige Stiftung zuständig, in München ein gemeinnütziger Verein, hinter dem vor allem die Stadt steht. Tausend Wohneinheiten sind das Ziel, gebaut von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft auf städtischem Grund, überwiegend Einzelapartments mit Miniküche, eigenem Bad und Gemeinschaftsfläche. Gut die Hälfte ist fertiggestellt und zu einem Drittel an kleine oder mittelständische Betriebe vermietet. „Es ist ein Aspekt der Wirtschaftsförderung“, sagt Anno Dietz, Vorstand des Azubiwerks München.
Was die Miethöhe betrifft, ist die bayerische Landeshauptstadt nach wie vor Spitzenreiter. Das trifft Menschen mit befristeten Arbeitsverträgen, die keine Bleibe finden, genauso wie Betriebe, die keine Nachwuchskräfte finden. Eine Kaltmiete von 330 Euro ist da ein Pfund, mit dem die Zahnarztpraxis oder der Handwerksbetrieb wuchern kann – und eine vergleichsmäßig günstige Werbemaßnahme, meint Dietz.
Die Miete für die Azubis ist festgelegt und für alle gleich; die Unternehmen müssen jedoch einen Ausgleich zur Marktmiete zahlen, rund 200 Euro monatlich. Es gibt mehr Bewerbungen als Plätze, das Los entscheidet, kein Betrieb darf mehr als fünf Wohneinheiten anmieten und nicht länger als sechs Jahre. „Es wirkt“, sagt Dietz und zitiert eine Umfrage unter den Bewohnern. „80 Prozent kommen von außerhalb, und fast 30 Prozent geben an, dass sie die Ausbildung in München nicht ohne dieses Angebot angefangen hätten.“
Leerstand in Hotel, Büros und Hochschulen
Das Modell hat in anderen Bundesländern Nachahmer gefunden. Das Bundesbauministerium will darauf im Oktober mit einem Bundesberatungsnetzwerk reagieren und wird Details erst zum Start bekanntgeben. Auch Zahlen zum Förderprogramm „Gewerbe zu Wohnen“ vom Juli hält es noch zurück. Nur so viel: „Das Programm läuft gut an“, sagt der Ministeriumssprecher. Das verwundert nicht: Seit sich das Homeoffice verbreitet hat, gibt es viel Leerstand in Hotels, Büros – und auch in Hochschulen. Und zugleich kreative Ideen, wie mit Umnutzungen, Aufstockungen und Anbauten auf versiegelten Flächen Wohnraum geschaffen werden kann. Beispiele sind das Studierendenwerk Münster, das einen ehemaligen Großparkplatz mit einer studentischen Wohnanlage bebaut, und das Studierendenwerk Vorderpfalz: Im Rahmen einer Public-Private-Partnership hat es eine Filiale des Discounters Aldi Süd um ein Wohnheim mit rund 200 Plätzen aufgestockt.
In Berlin stehen zwei Millionen Quadratmeter Bürofläche leer. Architekten haben Ideen, was man damit anfangen könnte: „Wir würden gern eine landeseigene leerstehende Immobilie für 20 Jahre mit minimalinvasiven Maßnahmen umbauen“, sagt Eike Roswag-Klinge. Der Professor an der TU Berlin und Präsident der Architektenkammer Berlin findet es wichtig, leerstehende Fläche für Wohnraum zu nutzen, warnt aber gleichzeitig vor Investoren, die dann hohe Preise verlangten. „Hier muss die Politik dringend nachsteuern, klare Rahmenbedingungen setzen und zum Beispiel auch einen Mietendeckel festlegen.“
Roswag-Klinge ist seit April Vizepräsident für Nachhaltigkeit und Campusentwicklung der TU; und damit einer der Stakeholder, von denen sich die Studierenden von „Campus as Commons“ mehr Unterstützung erhofft hätten. „Solche Projekte, in denen Studierende selbst aktiv werden, finden wir total wichtig“, versichert der Professor. Das gelte durchaus auch auf dem eigenen Campus, obwohl es dort keinen echten Leerstand gebe. „Im Gegenteil mieten wir aktuell sehr viel Flächen an, die wir gern wieder abgeben wollen, um die Kosten zu senken“, sagt Roswag-Klinge. Der Leerstand im Mathematikgebäude, auf den die Studierenden aufmerksam machten, ist auf einen Wasserschaden zurückzuführen. Der entsprechende Trakt sei nach wie vor unbenutzbar, sagt Doktorand Jesko Lippke. Auf dem Weg ins Büro kommt er an einem Hotel vorbei, das seit Jahren leer steht und nun abgerissen werden soll. Womöglich wäre es ein Leichtes gewesen, daraus ein studentisches Wohnprojekt zu machen.
