Der „Schwanengesang“ von Charles Spencer auf seine Schwester beginnt gleich mit einem vermeintlichen Totschlagargument: „Meine Mutter sagte immer, ich habe Diana besser gekannt als irgendjemand sonst auf der Welt.“ Charles war drei, Diana sechs, als ihre Mutter eine Affäre begann, wenig später ließ sie sich vom Vater ihrer gemeinsamen Kinder scheiden, die bei John Spencer blieben, seit 1975 der achte Graf Spencer. Unzweifelhaft stand der jüngere Bruder seiner berühmten Schwester nahe. Und genau das soll das Buch belegen, das am Dienstag mit Blick auf den 30. Todestag von Prinzessin Diana im nächsten Jahr erschienen ist.
Gleich zu Anfang erläutert der neunte Graf Spencer, warum er es überhaupt geschrieben hat: Weil es wieder so viele Anfragen an ihn gab, an Dokumentationen über Diana mitzuarbeiten, was er weiterhin ablehne. Stattdessen gibt er seit Tagen Interviews, um sein Buch zu bewerben.
Charles Spencer spricht hauptsächlich in seinem eigenen Namen
Zudem wisse er ja auch nicht, wie viel Zeit ihm noch bleibe, seine Sicht auf das Leben seiner Schwester darzulegen, schreibt der 62 Jahre alte Charles Spencer. Seine Memoiren sind schon vor zwei Jahren erschienen. In der neuen Biographie mit dem Titel „Swan Song. Diana, meine Schwester“ will Spencer in Dianas Namen sprechen – und spricht dann doch hauptsächlich in seinem eigenen.
Im Zentrum des Buchs steht der Tod Dianas und wer daran angeblich Schuld hat. Der Bruder will schon immer überzeugt gewesen sein, „dass die Presse sie eines Tages umbringen würde“. Oder wie er es damals in seiner Trauerrede formulierte, die gleichermaßen gegen den Königshof und die Medien gerichtet war: „Man sollte nicht vergessen, dass von aller Ironie, die Dianas Leben durchzieht, die vielleicht größte jene war: Ein Mädchen, dem man den Namen der antiken Göttin der Jagd gegeben hatte, wurde am Ende die meist gejagte Person des modernen Zeitalters.“
Die moderne Lady Di wuchs schon als Kind privilegiert auf
Schon einmal sollte eine Lady Diana Spencer einen Prinzen von Wales heiraten, das war im Jahr 1731. Die moderne Lady Di wuchs als Kind privilegiert auf einem herrschaftlichen Landsitz auf, mit Butler und Gärtner, mit Kinder- und Hausmädchen sowie mit eigenen Hauslehrern. Diana aber litt an einer nicht diagnostizierten Lernstörung, zudem an ADHS. Da ist sich ihr Bruder sicher. Auf dem Internat versagte sie dann vollends, fiel durch alle Fächer in der Mittleren Reife durch. Ihre verhasste Stiefmutter Raine, die zweite Frau ihres Vaters John, soll 1989 zu ihr gesagt haben, dass sie den Prinzen von Wales immer bedauert habe, „dass er jemand so Dummes geheiratet hat wie dich“.

Die Verbindung der Spencers zum Königshaus war eng: Elisabeth II. persönlich gratulierte zur Geburt Dianas, die Großmutter der Kleinen war Hofdame und Freundin der Königinmutter, die wiederum Patentante von Dianas ältester Schwester Sarah war. Die zweitälteste Schwester Jane hat den Herzog von Kent zum Patenonkel, Charles Spencers Patentante wiederum war Elisabeth II. höchstselbst. Das wiederum dürfte auch „dem lange gehüteten Familiengeheimnis“ geschuldet gewesen sein, dass es zwischen John Spencer und der späteren Königin in jungen Jahren eine romantische Beziehung gegeben haben soll. Der Kreis habe sich dann geschlossen, schreibt Charles Spencer, als die Tochter des nicht zum Zuge gekommenen Stallmeisters der Königin deren Sohn geheiratet habe.
Diana wurde ausgewählt, weil sie aus einem Haus mit dem passenden Hintergrund und zudem so jung war, dass sie keine amourösen Erfahrungen hatte. Sie habe unbedingt aus Liebe heiraten wollen, um einer Scheidung zu entgehen. Doch schon vor der Verlobung war klar, dass Charles sie nicht liebte, was sich in Essstörungen schon während der Verlobungszeit zeigte und was er ihr auch am Tag vor der Hochzeit bestätigte. Auf dem Weg zum Traualtar habe sie Ausschau nach Camilla Parker Bowles gehalten, von der sie wusste, „dass sie natürlich da war“. Später erinnerte sich Diana an den 29. Juli 1981, ihren Hochzeitstag, als „den traurigsten Tag ihres Lebens“.
Die Boulevardpresse nannte ihn „vergnügungssüchtiger Nichtsnutz“
Charles Spencer selbst war fortan als Bruder der Prinzessin von Wales auch eine Zielscheibe der Boulevardpresse, die in ihm einen „vergnügungssüchtigen Nichtsnutz“ sah. Einer seiner Spitznamen lautete „Champagner-Charlie“. Mehrmals pro Monat sei er diffamiert worden. Dabei ist der dreimal geschiedene Charles Spencer selbst Journalist und arbeitete unter anderem einige Jahre für den amerikanischen Fernsehsender NBC in London. In dieser Zeit fiel er auch auf Martin Bashir von der BBC herein, der ihm lauter Lügengeschichten erzählte, um an Diana heranzukommen.
Sie führte schließlich 1995 das Exklusivinterview mit Bashir, das in dem Satz gipfelte: „Nun, wir waren zu dritt in dieser Ehe.“ Wenige Wochen später wurde die von der entsetzten Königin geforderte Scheidung des Prinzen und der Prinzessin von Wales bekannt gegeben. Die Scheidung erfolgte am 28. August 1996, Diana verlor ihren Titel „Ihre Königliche Hoheit“, was sie sehr ärgerte, wie ihr Bruder schreibt. Ein Jahr später war die Prinzessin tot. Den Schutz des Palastes und der Polizei hatte sie schon zuvor eingebüßt.
Im Fax an die Mutter schrieb Charles Spencer damals: „Es ist furchtbar – die Presse hat sie ermordet.“ Dabei nutzte Diana selbst „die Presse“, wenn es ihr zupass kam. Das bestätigt auch ihr Bruder Charles, der schreibt, dass sie schon früh eigene Kontakte zu Personen in der Presse hergestellt habe, um ihre Worte auch vorbei am offiziellen Pressebüro des Palastes in die Welt hinauszutragen. „Sie bevorzugte die ‚Daily Mail‘ als ihr inoffizielles Medium, um Nachrichten zu verbreiten – ich vermute, weil das die Zeitung war, die sie selbst las.“

Diana starb am 31. August 1997 bei einem Autounfall in einem Pariser Autotunnel, vermeintlich wurde sie dabei von Paparazzi auf Motorrädern in den Tod gehetzt. Den Fahrer Henri Paul und ihren damaligen Geliebten Dodi Al-Fayed nennt Spencer „bloß Kollateralschäden“. Dass Paul aber die Promillegrenze um das Dreifache überschritten hatte, wusste Spencer schon vor Dianas Beerdigung. Die Nachricht übermittelte ihm sein Schwager, Janes Mann Robert Fellowes, der zugleich Privatsekretär von Elisabeth II. war.
Spencer aber glaubte ihm nicht. Er ging (und geht?) davon aus, dass die Blutprobe des toten Chauffeurs manipuliert wurde, von einem „ganz oben in der Medienwelt“, „damit die mit Kameras bewaffneten Verbrecher nicht als die Alleinschuldigen dastanden“, wie er über seine damaligen Empfindungen schreibt. Kein Wort verliert er darüber, dass Henri Paul mindestens 118 Stundenkilometer schnell fuhr. Es heißt sogar, es könnten fast 160 Kilometer in der Stunde an einer Stelle gewesen sein, wo nur 50 erlaubt waren.
Witwer Charles klang nach dem Unfalltod Dianas „geradezu gelöst“
Als Witwer Charles mit seinem Schwager Charles nach dem Unfalltod Dianas erstmals sprach, habe dieser „geradezu gelöst“ geklungen, „wie ein Lottogewinner, ging mir damals durch den Kopf“. Der erste Gedanken des Prinzen, so heißt es in dem Buch, galt wohl eher der sich nun eröffnenden Möglichkeit, endlich die Frau zu heiraten, die er liebte, als dem Verlust der Frau, die er nicht liebte.
Die Familie Spencer wünschte sich eine kleine, private Beerdigung, doch darüber hatte sie nicht zu befinden. Über fast alle Details entschied das Königshaus, und so gerieten der künftige König Charles III., den Spencer in diesem Zusammenhang einen „tobenden Tölpel“ nennt, und sein Schwager bei einem Telefonat aneinander. Charles wollte, dass seine 15 und zwölf Jahre alten Söhne William und Harry hinter dem Sarg mit der toten Mutter herlaufen, was Spencer im Namen Dianas rigoros ablehnte. Worauf Charles über seine tote geschiedene Frau gesagt haben soll, sie sei eh bald vergessen.
Zumindest der Königin gegenüber zeigt er sich versöhnlich
Schließlich hieß es, die Söhne wollten im Trauerzug laufen, unter der Bedingung, dass sich Prinz Philip, ihr Großvater, ihnen anschließe. Elisabeths Mann soll dann auch den Sohn in die Schranken gewiesen haben, als dieser am Tag der Beerdigung in der Mitte neben seinen Söhnen gehen wollte. Prinz Philip ließ das nicht zu, wie es im Buch heißt. Spencer vertrete schließlich seine Schwester und deren Familie, deswegen werde er in der Mitte laufen, die beiden jungen Prinzen an seiner Seite, Prinz Philip und Prinz Charles würden an den Außenseiten gehen. Und das, so Philip, im Gleichschritt, den Blick gesenkt und die ganze Zeit geradeaus gerichtet.
In der Kirche hielt Spencer dann seine Trauerrede, die zugleich Höhepunkt seines Buchs ist. Danach bot die Königin umgehend über ihren Privatsekretär Robert Fellowes der Familie Spencer an, Diana ihren Titel „Ihre Königliche Hoheit“ zurückzugeben. Charles Spencer lehnte ab: „Wozu, Robert? Jetzt? Ich meine – Diana ist tot.“ Später sagte die Königin, Charles Spencer habe jedes Recht gehabt, in seiner Trauerrede zu sagen, was immer er für angemessen gehalten habe. Zumindest ihr gegenüber zeigt sich Charles Spencer versöhnlich.
Am Ende setzte sich Dianas Familie nur in einem Detail durch: Die Prinzessin wurde nicht auf dem königlichen Friedhof in Frogmore in der Nähe von Schloss Windsor beigesetzt, sondern auf einer Insel des Spencerschen Anwesens Althorp House in der englischen Grafschaft Northamptonshire. Es ist ein Landgut, das die Familie seit 1508 besitzt und von dem Diana sagte, Highgrove, der Landsitz vom damaligen Prinzen Charles, sei nichts dagegen. Charles Spencer begründet die Entscheidung damit, dass er das Grab aus Sicherheitsgründen etwa für Paparazzi unzugänglich machen wollte. Und das ist es, nur das Herrenhaus samt Garten kann besucht werden – für umgerechnet 32 Euro pro Eintrittskarte.
