Im vergangenen Jahr wurde in Großbritannien ein historisches Jubiläum von Bedeutung gefeiert: Vor 200 Jahren, im September 1825, begann in Nordostengland das Zeitalter der öffentlichen Eisenbahn mit Dampflokomotiven. Nicht nur der Ärger über die Bahn in Deutschland lässt manchen fragen: Ist eine Technologie aus dem 19. Jahrhundert noch die richtige im 21. Jahrhundert?
Auf der Bahntechnikmesse Innotrans in Berlin will man seit Dienstag daran keine Zweifel aufkommen lassen. Mehr als 3170 Aussteller präsentieren auf dem komplett ausgebuchten Messegelände 180 Weltpremieren. Bis Freitag stehen rund um den Funkturm Künstliche Intelligenz und Robotik im Blickpunkt. Die Weltpremieren zeigten eindrucksvoll, mit welchem Tempo die Bahnbranche Innovationen vorantreibe, sagt Messedirektorin Kerstin Schulz.
Besonders spannend sei, dass KI zunehmend in ganz konkreten Anwendungen ankomme, „von der Inspektion über den energieeffizienten Betrieb bis zum Fahrgasterlebnis“. So stellt das australische Unternehmen Downer ein automatisiertes Zugprüfsystem mit Drohnen, Lidar-, Laser- und optischen Sensoren vor. Der deutsche Anbieter Knorr-Bremse zeigt ein Fahrerassistenzsystem, das Live-Verkehrsdaten vorausfahrender Züge integriert. Es soll Tests zufolge mehr als zehn Prozent Energieeinsparung ermöglichen.
113 Fahrzeuge aus 17 Ländern
Auf dem Frei- und Gleisgelände der Messe bestreiten glänzende Züge und Waggons einen Schönheits- und High-Tech-Wettbewerb. Insgesamt sind dort 113 Fahrzeuge aus 17 Ländern zu sehen. Dahinter steckt eine komplexe Logistik. Fahrzeuge aus China und Südkorea wurden zunächst mit dem Hochseeschiff nach Europa und dann mit dem Binnenschiff weiter nach Berlin transportiert. Andere kommen auf der Schiene oder über die Straße zur größten Bahntechnikausstellung der Welt, die im Zweijahrestakt stattfindet.

Die meisten Modelle – insgesamt acht – zeigt der slowakische Güterwagenhersteller Tatravagónka. Der Schweizer Hersteller Stadler Rail hat sieben Fahrzeuge nach Berlin verfrachtet, darunter eine Schmalspurbahn mit Wasserstoffantrieb sowie einen akkubetriebenen Regionalzug. Auch Hersteller wie Siemens Mobility oder CAF stellen Fahrzeuge mit alternativen Antriebstechnologien vor. Der chinesische Branchengigant CRRC hat eine Hybridlokomotive am Start, die Wasserstoff-Brennstoffzellen mit Traktionsbatterien kombiniert. Siemens’ französischer Hauptkonkurrent Alstom präsentiert zwei Traxx-Lokomotiven mit innovativer Bordsignaltechnik. Und natürlich faszinieren Hochgeschwindigszüge auch auf der Innotrans – unter anderem von Hitachi (ETR1000 Frecciarossa) und Hyundai Rotem (EMU 320), die Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 300 Kilometern in der Stunde erreichen.
Bei allem Optimismus, den die Messe ausstrahlen will: Die Branche hat durchaus noch Nachholbedarf, wie das Beratungsunternehmen BCG herausgefunden hat. In der neuen Studie „AI and the New Economics of Rail“ wurde ermittelt, wie KI die globale Bahnindustrie verändern kann. Sie basiert auf einer Befragung von mehr als 70 Führungskräften aus Fernverkehr, Metro- und Stadtverkehr, Güterverkehr sowie Infrastrukturmanagement. Das wirtschaftliche Potential durch Künstliche Intelligenz sei enorm, aber bislang kaum ansatzweise gehoben, lautet eine zentrale Erkenntnis der Untersuchung.
„Hintendran mit dem Thema KI“
„Die Bahnbranche ist eher hintendran mit dem Thema KI. Das hat auch damit zu tun, dass Bahn ein unglaublich stark regulierter, ein überregulierter Sektor ist“, sagt BCG-Partner und Mitautor Peter Ullrich im Gespräch mit der F.A.Z. Viele KI-Themen seien nicht ohne Weiteres anwendbar, wenn es um Themen wie die operative Steuerung oder die Sicherheit des Bahnbetriebs gehe. „Aus meiner Sicht gibt es in Europa keine einzige Bahn, also auch nicht die typischerweise hochgelobten Bahnen, die das Potential da wirklich schon komplett ausnutzen.“

Als globales Potential haben die Studienautoren jeweils Milliardenbeträge ausgemacht. Rund um die Welt könnten im Bahnsektor jährlich 35 bis 80 Milliarden Dollar an Kosten eingespart sowie 20 bis 50 Milliarden Dollar zusätzliche Umsätze erzielt werden. Genannt werden Anwendungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette wie vorausschauende Instandhaltung, optimierte Fahrpläne, automatisiertes Verkehrsmanagement, bessere Personalplanung und dynamische Preisgestaltung.
Der KI-Nutzen kommt laut Ullrich aber auch direkt den Kunden zugute. Ein wichtiges Feld sei das gesamte Thema Reisendeninformation – „wenn es darum geht, die Kunden real-time darüber zu informieren, wenn was schiefgeht“. Das sei derzeit noch „ein echter Schmerzpunkt“: „20 Minuten Verspätung lassen sich ja vielleicht verkraften, aber wenn die Leute am Gleis stehen und lesen, der Zug war schon vor zehn Minuten da, dann sorgt das für viel Ärger.“
Unterdessen erwartet die Industrie selbst ein deutliches Marktwachstum im internationalen Maßstab in den nächsten Jahren. Es sei mit einem jährlichen Plus von 3,2 Prozent bis zum Jahr 2031 zu rechnen, teilte der europäische Herstellerverband Unife am Dienstag zur Innotrans-Eröffnung mit. Diese Prognose verdeutliche den „besonderen Moment“, den die Eisenbahnindustrie derzeit durchlebe, sagte der Verbandspräsident, Alstom-Chef Martin Sion.
Laut Unife bleibt der asiatisch-pazifische Raum der wichtigste Markt für Züge. Insbesondere für Indien wird ein starkes Wachstum prognostiziert. Zweitgrößter Markt ist Westeuropa. Die größten Wachstumsraten sind in Afrika und im Nahen Osten zu erwarten. Dort sind große Bahnprojekte in Planung, darunter in Ägypten, Marokko und Saudi-Arabien.
