Zu den Besonderheiten im Lebenslauf von Jürgen Friedl, den seine Freunde Fuzzy nennen, gehört die Tatsache, dass er der jüngste Torwart ist, der je in der Fußball-Bundesliga eingesetzt wurde. Er war gerade erst 17 geworden, als er am 20. März 1976 im Kasten von Eintracht Frankfurt stand, eingewechselt in der 64. Minute für den Keeper Peter Kunter. Vor Friedls Strafraum liefen an diesem Tag Legenden wie Neuberger, Körbel, Nickel, Kraus und Wenzel über den Rasen des Waldstadions. Grabowski und Hölzenbein nicht zu vergessen. Fünf-eins gegen Hannover 96.
Heute ist Jürgen Friedl 50 Jahre älter und das einzige Mitglied seines Motorradklubs, das ein Dreirad fährt. Sie sind nicht elf Freunde, sondern 13. Gehen sie gemeinsamen auf Tour, fahren die Motorräder vorneweg, der Fuzzy mit seinem Harley-Trike macht den Schlussmann. Nicht weil er zu langsam wäre, sondern weil sein wuchtiges Gerät eine gute Abschirmung der Gruppe nach hinten darstellt.

Rollt man geradeaus mit so etwas, den Tank, das Cockpit, das Vorderrad vor sich und den Lenker in der Hand, fühlt es sich an wie Motorradfahren. Dann vergisst man glatt die Hinterachse mit zwei Rädern. In Kurven ist die Sache eine andere. Da fehlt die hilfreiche Schräglage. Deshalb hat das Trikefahren eine echte körperliche Komponente. Den Bogen erzwingen durch Ziehen und Drücken am Lenker, mit dem Rumpf arbeiten, sich aus der Hüfte heraus den Fliehkräften entgegenstemmen. Da sind Muskeln im Einsatz, die beim Motorradfahren normalerweise pausieren.
„In Kurven versuche ich durch meinen Fahrstil, eine Krümmung zur Geraden zu machen.“ Was Jürgen Friedl da zu praktizieren scheint, ist nicht weniger als die Begradigung der Kurve und somit etwas Ähnliches wie die Quadratur des Kreises. Wer diese Kunst nicht beherrscht, muss halt mehr tun. Wer in Gegenden mit vielen Kurven oder Kreisverkehren lebt oder von einer Reise mit ausgedehnten Serpentinenstrecken heimkehrt, ist gut vorbereitet für die Teilnahme an der Landesmeisterschaft im Ringen.
Nicht mit dem Motorradfahren zu vergleichen
Vom Motorrad kommende Trike-Neulinge müssen sich angewöhnen, an Abbiegungen oder Hofausfahrten ausreichend weit auszuholen, weil nun mal dem schmalen Vorbau ein wesentlich breiteres Heck folgt. Zu forsch den Lenker umgelegt, schon poltert man über den Bordstein, räumt eine Mülltonne ab, bleibt an der Straßenlaterne hängen. Allerdings hat es etwas ungemein Entspannendes an sich, vor der Ampel einfach stehen bleiben und die Füße oben lassen zu können, das Fahrzeug nicht ausbalancieren zu müssen, weder beim Wenden noch beim Parken oder im Stau. Und überhaupt macht das Trikefahren auch einfach Spaß, sobald man aufhört, es kontinuierlich mit dem Motorradfahren zu vergleichen, und sich loslöst von der Frage, was andere wohl denken. Der übliche Verdacht: zu alt, zu schwach, Angst vorm Umfallen. Oder: keine Motorradlizenz, nur Autoführerschein. Sowie: Gattin verbietet das Motorradfahren.
Vorläufer der heutigen Harley-Trikes war das Servi-Car. Von 1932 an bis in die Siebzigerjahre hinein baute Harley-Davidson dieses dreirädrige Nutzfahrzeug. Es wurde über Modellgenerationen hinweg von Polizei, Post und sonstigen Behörden genutzt, von Lieferanten, Handwerkern, Werkstätten, aber kaum als Freizeitvehikel. Als solches feierte das Dreirad 2009 sein Comeback in Amerika. Tri Glide UItra hieß der Dreiradtourer, der fünf Jahre später, von 2014 an, auch in Europa verkauft wurde. Weitere Typen folgten. Zum Modelljahr 2026 gab es nun eine umfassende Renovierung der Trike-Familie.

„Riesenunterschied“, konstatiert Jürgen Friedl und meint damit vor allem das renovierte Fahrwerk. Die alte Starrachse wurde durch eine De-Dion-Konstruktion ersetzt. Viel ungefederte Masse, etwa 30 Kilo, wurde von Bord geworfen und damit eine beträchtliche Menge Rumpelhaftigkeit. Zudem erhöhen verlängerte Federwege und eine weichere Stoßdämpferabstimmung den Komfort. Das zeigt sich deutlich, als wir mit Friedls Trike der Vorgängergeneration, einer Tri Glide, Baujahr 2022, und einer Road Glide 3 des Modelljahrs 2026 unterwegs sind und immer mal wieder tauschen.

Unebenheiten der feineren und mittleren Sorte bearbeitet das neue Trike mit 117 Millimeter Federweg vorn und 127 Millimeter hinten wesentlich effektiver, was sich in weniger ausgeprägtem Rollen und Wanken äußert. Die Dämpfer erschnüffeln besser die Beschaffenheit des Untergrunds, sprechen sensibler an. Grobe Unebenheiten indes vermögen sie nach wie vor nicht wegzuzaubern, die bringen Bewegung ins Gesamtwerk, lassen den Lenker wackeln und liefern die Erklärung, warum Harley-Davidson serienmäßig einen Lenkungsdämpfer verbaut. Alles in allem trotzdem ein großer Fortschritt, und Jürgen Friedl stellt fest: „Mit meinem Trike fahre ich Kanaldeckelslalom. Auf der Road Glide 3 ist das nicht nötig.“
Rückwärts bockt die Road Glide wie ein Bulle
Harleys jüngster Big Twin, der 1923 Kubik große Milwaukee-Eight 117 mit variabler Ventilsteuerung, schiebt souverän. Das Drehmoment erreicht 170 Nm schon bei 3500 U/min, die Höchstleistung von 106 PS steht bei 4600 Umdrehungen an. Das aus diversen Motorradmodellen bekannte Triebwerk lässt sich selbst durch die 567 Kilo der Road Glide 3 nicht in Verlegenheit bringen. In wilderen Momenten wuchtet es den Brocken vehement voran. Mehrere Fahrmodi stehen zur Wahl, wobei sich ein Wechsel von Road oder Rain zu Sport hauptsächlich durch ruppigeres Lastwechselverhalten bemerkbar macht. Unser Durchschnittsverbrauch betrug 6,8 Liter auf 100 Kilometer, was sich ziemlich genau mit der Werksangabe von 6,9 Liter deckte. Feinschliff täte der elektrischen, vom Anlasser betriebenen Rückfahrhilfe gut. Bockend wie ein Rodeobulle tritt die in Aktion.
Davon abgesehen ist die Road Glide 3 gut gezähmt. Assistenzsysteme wie ABS, Bremskraftverteilung, Schlupf- und Schleppmomentregelung agieren kurvenoptimiert, eine Reifendruckkontrolle ist vorhanden, desgleichen ein Tempomat. Ein kristallklarer, von den Harley-Tourenmotorrädern bekannter 12,3-Zoll-Bildschirm hat die klassischen Runduhren aus dem Cockpit vertrieben. Navigation, Audioanlage, Smartphonefach, Spracherkennung und Apple-Carplay zählen zum Infotainmentangebot. Alles sehr zeitgemäß, mit der Ausnahme, dass der Luxusbrummer eine Zentralverriegelung vermissen lässt. Schlüsselgefummel für Zündschloss, Tankdeckel und Kofferraum passt nicht zum Premiumanspruch, zudem fehlen eine Kofferraumbeleuchtung sowie eine Hinterleuchtung der Schaltereinheiten am Lenker. Ein automatisiertes Schaltgetriebe, ein elektronisch gesteuertes Fahrwerk könnte man sich ebenfalls vorstellen an einem Produkt dieser Kragenweite, für das inklusive Nebenkosten gut 40.000 Euro zu zahlen sind.

Während auf dem amerikanischen Heimatmarkt der vordere Teil des Trikes praktisch identisch ausfällt mit dem der zweirädrigen Road Glide, werden zur Anpassung an hiesige Vorschriften Änderungen vorgenommen. Der mittig in der „Sharknose“-Verkleidung sitzende Scheinwerfer wird deaktiviert und verkleidet und stattdessen ein Doppelscheinwerfer mit einem Lampenabstand von 75 Zentimeter installiert. Mit ihrem Hochlenker, der straffen Sitzbank und dem überschaubaren 57-Liter-Gepäckabteil besetzt die Road Glide 3 innerhalb der Trike-Baureihe die Rolle des Powercruisers. Wer mehr Polster und mehr Stauraum benötigt, schaut nach den Schwestermodellen Street Glide 3 Limited und CVO Street Glide 3 Limited, sofern die Listenpreise von knapp 50.000 beziehungsweise gut 60.000 Euro nicht zu sofortiger Ohnmacht führen.
Ist das Trike auf den Highways Nordamerikas längst eine Selbstverständlichkeit, beginnt es sich allmählich auch hierzulande zu etablieren. Zumindest sieht das Matthias Meier so, der Vorsitzende des europäischen Harley-Davidson-Händlerverbands. Er berichtet von leicht steigenden Verkaufszahlen. Zu den Kunden zählten unter anderem „Leute um die 50, die keine Lust haben, den Motorradführerschein zu erwerben, aber Teil der Harley-Gemeinschaft sein möchten“. Als weitere Zielgruppe nennt Meier ältere Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen oder wegen nachlassender Kräfte, wegen zunehmender Unsicherheit beim Rangieren vom Zwei- aufs Dreirad wechselten. „Manchen fällt der Umstieg schwer, weil man sich damit eingesteht, dass man sich das Motorrad nicht mehr zutraut, und es anderen auch zeigt.“ Doch das Trike ermögliche es ihnen, dabeizubleiben, weiter mit Freunden auf Tour zu gehen, Harley-Treffen zu besuchen.
Jürgen Friedl hat den Motorradführerschein nie gemacht, trägt aber Harley-Kluft. „Ich fahre Motorrad mit Stützrädern“, sagt er mit entwaffnender Lockerheit, falls mal jemand meint, sich übers Trikefahren lustig machen zu müssen. Den Eintracht-Adler trägt inzwischen seine Maschine auf den Motordeckeln, linksseitig in Schwarz, rechts in Rot. Was er bei Gelegenheit noch mal in Ruhe erklären muss: wie man aus einer Kurve eine Gerade macht.
