Die Information war deutlich: „Achtung. Wir stellen unsere Gruppenführungen auf die Zugspitze durch das Höllental ein“, verkündete die Bergschule Vivalpin am letzten Augusttag in den sozialen Medien. Und weiter war zu lesen: „Wir raten von einer selbstständigen Begehung bei unzureichender Erfahrung oder fehlender alpinistischer Ausbildung dringend ab!“
Christof Schellhammer ist der Geschäftsführer der Bergschule. Was hat zu dieser Entscheidung geführt? „Der Gletscher ist ausgeapert, kein Schnee mehr drauf, nur blankes Eis“, erzählt er am Telefon. Die Spalten würden offen liegen. Zudem müsse man zehn Meter in die Randkluft absteigen. Die Randkluft ist die Stelle, an der die Bergsteiger vom Eis an den Fels wechseln. In der zweiten Staffel der Bergretter-Doku „In höchster Not“ spielen sich an dieser Stelle dramatische Szenen ab, als einige Bergsteiger und Bergretter während eines Gewitters dort ausharren müssen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Weil das Eis des Höllentalferner schneller geschmolzen ist, als die Wegebauer dort Sicherungen hätten einbauen können, ist der Einstieg in den Klettersteig noch nicht abgesichert. „Mit den Anforderungen, die wir stellen, ist das nicht mehr vertretbar. In unserer Ausschreibung werden Trittsicherheit und Kondition verlangt“, erklärt Schellhammer. Von einer Tour, die von einem Bergführer begleitet auch für Anfänger machbar sei, sei der Aufstieg durch das Höllental auf die Zugspitze aber derzeit weit entfernt. Eine Besserung der Situation ist bestenfalls in den nächsten Monaten in Sicht. Schellhammer hofft auf einen schneereichen Winter, damit die Randkluft wieder aufgefüllt wird.
Keine Touren auf Mont Blanc und Matterhorn
Vivalpin ist mit dieser rigiden Entscheidung nicht allein. Auch in Italien setzten Mitte Juli einheimische Bergführer wegen offen liegender Spalten ihre Gipfeltouren von der Südseite auf den Mont Blanc aus, den höchsten Berg der Alpen. Wenig später pausierten die Zermatter Bergführer am Matterhorn. Und schließlich wurden auf Anweisung des Bürgermeisters von Saint-Gervais-les-Bains sogar die zwei Hütten an der französischen Normalroute auf den Mont Blanc geschlossen. Die Gefahr bei der Querung durch das Grand Couloir, in dem seit den 1990er-Jahren mehr als hundert Bergsteiger durch Steinschlag gestorben sind, war zu groß. Erst Ende August öffneten die Tête-Rousse- und die Goûter-Hütte wieder.
Der spanische Speedbergsteiger und Trailrunner Kílian Jornet zeigte sich Mitte August in den sozialen Medien erstaunt über die Situation im Hochgebirge. „Steinschlag nimmt zu, klassische Routen verändern sich oder verschwinden, und die Bedingungen können sich innerhalb weniger Tage von sicher zu gefährlich wandeln. Der Klimawandel verändert nicht nur die Berge, sondern auch, wann und wie Bergsteigen betrieben werden kann.“ Was er meint, wird mittlerweile täglich von beängstigenden Videos in den sozialen Medien bestätigt, die zeigen, wie die Berge zerfallen, Felsen ins Tal donnern und riesige Staubwolken hinterlassen. Erst vor ein paar Tagen entstand so eine Aufnahme oberhalb von Sulden an der Vorderen Schöntaufspitze. Zu Schaden kam zum Glück niemand.
Eis wirkt im Boden wie Zement und hält Erde, Gestein und Sand fest zusammen. Wenn Permafrost schmilzt, taut der dauerhaft gefrorene Boden auf und wird instabil. Die Nullgradgrenze lag in diesem Sommer in den Alpen über mehrere Wochen hinweg konstant über 4000 Meter und stieg an manchen Tagen zeitweise sogar über das Gipfelniveau des Mont Blanc. Durch die extremen Temperaturen schmolzen die Gletscher stark.

Weit geöffnete Spalten auf den Gletschern, Felsstürze, Muren und Steinschlag – in diesem Sommer zeigten die Berge deutlich öfter ihre gefährliche Seite als in den Jahren zuvor. Es trifft nicht nur das Hochgebirge. Auch Wanderer an niedrigeren Bergen bekamen einen Vorgeschmack von dem, was aufgrund der klimatischen Veränderungen in Zukunft viel öfter eintreten könnte. Der Zustieg zur Marteller-Hütte im Ortler-Gebiet in Südtirol war kurzzeitig nicht möglich, weil eine Brücke durch einen Starkregen weggespült wurde. Die Wanderwege an der Vorderen Schöntaufspitze wurden wegen Felssturzgefahr gesperrt. Am vergangenen Wochenende donnerte das Gestein in die Tiefe. Und S-charl bei Scuol im Unterengadin war wegen einer Mure zunächst gar nicht und dann einige Zeit nur eingeschränkt zu erreichen.
Alte Tourenbeschreibungen oder Erfahrungswerte früherer Jahre sind längst obsolet. Karten, die die Eltern noch benutzt haben, kann man getrost zu Hause lassen. Selbst wenige Jahre alte Informationen in Tourenportalen können schon veraltet sein. Aktuelle Informationen zu den Routen entnimmt man am besten den sozialen Medien. Im Engadin wurde am Piz Palü wegen Steinschlaggefahr die Route verlegt. Gleiches gilt auch für den Normalweg am Ortler in Südtirol.
Auch frühere Erfahrungswerte können nicht mehr uneingeschränkt auf die heutige Situation übertragen werden. Früher galten Juli und August als ideale Zeit für Hochtouren in den Westalpen. Der DAV Summit Club, die Reiseorganisation des Deutschen Alpenvereins, sagte Ende Juli die Hochtouren-Durchquerung im Berner Oberland ab. Aus Sicherheitsgründen.
Bergführer wie Christof Schellhammer und auch Denis Gruber, Präsident des Bergführervereins Zermatt, raten dazu, Touren vorzuverlegen und sie im Mai und Juni zu unternehmen. Gruber sagt: „Heute braucht man nicht nur einen Plan B, sondern auch einen Plan C.“
Wassermangel auf den Berghütten
Das gilt nicht nur für die Wahl des Tourenziels. Das gilt auch für den Weg dorthin. An der Zugspitze gibt es beispielsweise auch noch einen Weg durch das Reintal, von Ehrwald aus über das Gatterl oder vorbei an der Wiener Neustädter-Hütte über den Stopselzieher-Steig. Und die Wahl der Stützpunkte. Schon in den Vorjahren mangelte es auch in den tiefer gelegenen Hütten immer früher an Wasser. Nun vermeldete der Deutsche Alpenverein bereits Anfang August auf fast allen Hütten Wassermangel. Mancherorts geht die Saison bis Mitte Oktober. Auf die Blaueishütte am Hochkalter in den Berchtesgadener Alpen brachte ein Helikopter das dringend benötigte Wasser. Das Watzmannhaus versorgte seine Gäste in den Toiletten mit Desinfektionsmittel, die Wasserhähne waren abgedreht. Auf der Homepage der Blaueishütte hieß es: „Aufgrund des niederschlagsarmen Sommers kann es zu Einschränkungen hinsichtlich der Dusch- und Waschmöglichkeiten kommen. Wir bitten um Verständnis.“ Und die Wirte der Tölzer Hütte im Karwendel-Gebirge mussten den Übernachtungsgästen an einem Tag sogar absagen, weil die Quelle zu wenig Wasser führte.
In dem Buch „Die letzte Hütte der Alpen“ beschwören Klimaschutzberater Bertram Kloss und Matthias Ballweg, Vorsitzender der Sektion Oberland des Deutschen Alpenvereins, den „Luxus in der Einfachheit“. Gewohnheiten und Traditionen würden in Zukunft immer weniger zählen. „Das wichtigste Element im Gepäck ist heute die Anpassungsfähigkeit. (…) Wir müssen Generalisten werden, die Chancen nutzen, wenn sie sich bieten, statt Bedingungen zu erzwingen, die es nicht mehr gibt“, schreiben Ballweg und Kloss.
Flexibilität und Spontaneität werden für Wanderer und Bergsteiger, die stets Wetter und Verhältnisse im Blick haben sollten, mit den fortschreitenden klimatischen Veränderungen noch wichtiger.
