Anderthalb Stunden brauchen wir für den Aufstieg von der Similaunhütte zu der Stelle, wo man vor genau 35 Jahren den Ötzi fand. Der Hüttenwirt Markus Pirpamer soll für die Strecke damals nur vierzig Minuten gebraucht haben, dabei war der Pfad über den spektakulären Felsgrat da noch nicht so ausführlich mit Stahlseilen und Metalltritten gesichert wie heute.
Aber Pirpamer kannte den Weg wie seine Westentasche. Seine Familie ist seit dem Mittelalter in dem Bergdorf Vent im äußersten Ötztal ansässig, sein Vater Alois war ein legendärer Bergführer. Außerdem hatte Markus Pirpamer es eilig. Denn der Nachmittag jenes 19. Septembers 1991 war bereits fortgeschritten, als ein Ehepaar aus Nürnberg in seiner Küche auftauchte und ihm erzählte, oben auf dem Tisenjoch rage ein Toter aus dem Eis.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Der Mann war ermordet worden, wie man heute weiß. Der Täter war dem Opfer möglicherweise bekannt, denn eine steinerne Pfeilspitze in der Schulter des Toten ist derselben archäologischen Kultur zuzuordnen wie die kupferne Klinge des Beiles, das man bei ihm fand. Die Tat ereignete sich nämlich bereits in der ausgehenden Jungsteinzeit. Das macht Ötzi zu einer permanenten prähistorischen Sensation. In den vergangenen zwölf Monaten sind wieder sechs neue Fachveröffentlichungen über seinen Fall erschienen.
Vom Weg abgekommen, Leiche gefunden
Wir wollen heute zum Tatort. Aber während wir ihm näher kommen, gerät der Fall Ötzi erst einmal aus dem Blick. Das herrliche Gestein – ein Gneis, genauer: Paragneis –, die Mühe des Aufstiegs, die Kühle des Morgens. Das alles schiebt sich vor all die Bilder aus Medien und Fachartikeln oder das Diorama mit der Fundsituation im Maßstab eins zu eins, das seit Neustem im „Ötzi-Dorf“, einem archäologischen Park in Umhausen, gezeigt wird. Erst zwei Tage zuvor hatten wir es besichtigt. Dann waren wir nach Vent gefahren, von wo ein sanft ansteigender Wanderweg zwischen Almwiesen und Gletscherresten bis zur Similaunhütte führt.

Der Pfad von der Hütte zum Fundort ist deutlich rauer. Er erfordert eine gewisse Trittsicherheit, zugleich drängt sich ein ungeheures Panorama in den Vordergrund. Die 3019 Meter hoch gelegene Similaunhütte und das Tisenjoch auf 3210 Metern liegen genau auf dem Alpenhauptkamm und der Grenze zwischen Tirol und Südtirol. Im Süden beherrscht mit großer Majestät die Ortlergruppe den Horizont, und im Nordosten kann man zuweilen bis zu den Stubaier Alpen sehen. Mehr Hochgebirge geht nicht.
Dessentwegen waren im September 1991 auch Erika und Helmut Simon aus Nürnberg hierhergekommen, damals 50 und 53 Jahre alt und passionierte Bergwanderer. Bei ähnlich gutem Spätsommerwetter wie heute hatten sie die Finailspitze bestiegen und waren auf dem Rückweg zur Similaunhütte vom Weg abgekommen. So erreichten sie das Tisenjoch etwa 30 Meter abseits des markierten Pfades und kamen so zu einer länglichen Mulde, angefüllt mit tauendem Eis. An einer Stelle hatte es die Oberseite eines Steins freigegeben und darauf den nackten Rücken und den kahlen Hinterkopf eines Menschen.
Markus Pirpamer ging zunächst von einem verunglückten Bergsteiger aus. Es wäre nicht der erste gewesen in jenem Sommer. Im August 1991 hatten schwindende Eismassen in den Stubaieren die Überreste von fünf Menschen freigegeben. Einer war zehn Jahre zuvor in eine Gletscherspalte gefallen, die anderen 1953 und 1934. Nun eben einer am Tisenjoch, dachten Polizei und Bergrettung. Erst Tage später, Ötzi lag schon auf einem Edelstahltisch im Institut für Gerichtliche Medizin in Innsbruck, stellte ein Archäologe anhand der bei der Leiche gefundenen Artefakte fest, dass die Justiz hier nicht mehr zuständig ist. C-14-Datierungen grenzen den Todeszeitpunkt heute auf die Jahre zwischen 3371 und 3101 vor Christus ein.

Die Tiefe der Zeit holt uns wieder ein, als der Klettersteig endet und jenseits einer Senke die „Pyramide“ sichtbar wird. Es ist eher ein Obelisk aus aufgeschichtetem Glimmerschiefer, Tafeln in vier Sprachen erinnern an den Fund des Mannes aus dem Eis. An der Südwestseite der Pyramide fällt das Gelände steil ab. „Die steht hier, damit man sie vom Tisental aus sehen kann, von der italienischen Seite“, erklärt unser Bergführer Robert Ciatti, ein stets gut gelaunter, drahtiger, tief gebräunter Südtiroler, der aber Wert darauf legt, nicht mit „Roberto“ angesprochen zu werden.
Die Stelle, an der die Simons die Leiche fanden, ist nicht als solche kenntlich gemacht. Die Mulde ist etwa siebzig Meter von der Pyramide entfernt. Sie ist etwa sieben Meter lang und drei Meter breit, aus schroffem Gneis und übersät mit Felsbrocken. Vor einem bleiben wir schließlich stehen. „Das ist er, der Mumienstein“, erklärt Robert. Auf ihm waren Kopf und Torso des Eismannes zum Liegen gekommen, über dem angewinkelten linken Arm. Ein kurzes Reenactment der Fundsituation können wir uns nicht verkneifen.
Besucher von solchen oder vielleicht noch würdeloseren Aktionen abzuhalten, könnte ein Grund dafür sein, warum der Fundort selbst nicht mit erklärenden oder zumindest gedenkenden Tafeln versehen ist, vermuten wir. Robert hat eine andere Erklärung: Man wolle nicht, dass Leute hier herumgraben, ob sie nicht noch eine Pfeilspitze oder einen Fingernagel vom Ötzi finden, sagt er. Die Chancen dafür sind allerdings verschwindend gering. Bereits 1992 hatten Archäologen in der Felsmulde jeden Stein umgedreht. Das verbliebene Eis war mit Dampfstrahlern verflüssigt, das Schmelzwasser gefiltert worden, auf dass kein Kleinfund der Forschung entgehe.
Eisforscher widersprechen Archäologen
Denn mindestens so interessant wie seine Leiche war die steinzeitliche Outdoorausrüstung, die der Mann bei sich hatte, neben dem Beil unter anderem eine Art Rucksack sowie einen Bogen samt Köcher und Pfeilen. Die Asservate liegen, wie Ötzi selbst, heute im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen. Als die Bedeutung des Fundes offenbar geworden war, interessierte man sich nämlich plötzlich für den exakten Grenzverlauf und stellte fest, dass Ötzi auf italienischer Seite lag, wenn auch nur um 92,56 Meter.
Ötzis Ausrüstungsgegenstände wurden im Umkreis von einigen Metern um seinen Körper gefunden – ihre Fundstellen sind durch rote Farbpunkte auf dem Gneis markiert. Fachleute streiten allerdings noch darüber, wie die Sachen dort hingekommen sind. Archäologen meinen, Ötzi selbst habe sie vor seinem Tod dort platziert, wo man sie fand, den Bogen etwa aufrecht an eine Felskante gelehnt. Demnach habe ihn jener Pfeil getroffen, woraufhin er auf jenen Mumienstein fiel und dort verblutete. Später sei der Leichnam eingeschneit, der Schnee sei zu Eis geworden und habe alles über mehr als fünf Jahrtausende eingefroren.

Glaziologen widersprechen. „Vor fünftausend Jahren sah es auf dem Tisenjoch ungefähr so aus wie zu unserer Zeit vor zwanzig Jahren“, erklärt Georg Kaser von der Universität Innsbruck. Aktuell halte sich infolge des Klimawandels weniger Eis in den Bergen als zu Ötzis Zeiten. Pollenanalysen zufolge war er im späten Frühjahr unterwegs gewesen, da müsse die Felsmulde mehrere Meter hoch verschneit gewesen sein. Ötzi starb also wahrscheinlich auf dem Schnee, der dann im Sommer nach seinem Tod abtaute, bis die Leiche zufällig auf dem Mumienstein zum Liegen kam. Ähnliches muss mit seiner Ausrüstung geschehen sein.
„Ötzi ist keine Gletscherleiche“
„Danach ist die Leiche wohl immer wieder im Winter eingeschneit und hat im Sommer halb an der Luft und in der Sonne, halb im Schmelzwasser gelegen“, sagt Kaser. Permanent im Eis versiegelt wurde sie erst um 1800 vor Christus, als das Klima kühler wurde. Aber dieses Eis füllte nur die Mulde, es bewegte sich nicht.
„Ötzi ist daher keine Gletscherleiche“, sagt der Gerichtsmediziner Oliver Peschel. Zusammen mit Alexander Horn vom Polizeipräsidium München hat er Ötzis Ableben aus der Sicht der modernen Kriminalistik untersucht, und mit einem Archäologen haben die beiden daraus das Buch „Cold Case Ötzi“ gemacht. „Gletscherleichen werden durch die Eisbewegung normalerweise zu Knäueln aus Knochen und Resten von Weichteilen und Kleidung“, sagt Peschel. Ötzi dagegen blieb ganz und zeige überdies Gewebeveränderungen wie bei einer Wasserleiche. „Der muss tatsächlich immer mal wieder in Wasser gelegen haben“, sagt Peschel. „Zusammen mit der Kälte und der Austrocknung im luftdurchlässigen Schnee im Winter erklärt dies die besondere Art der Konservierung.“
Ermittlungen im Umfeld schwierig
Wer Ötzi getötet hat und warum, können natürlich auch Peschel und Horn nicht abschließend klären. Indizien wie eine Schnittwunde an der Hand sprechen aber dafür, dass Ötzi einige Tage vor seinem Tod den Angriff mit einer Stichwaffe abwehren konnte, danach bis hier oben hin verfolgt wurde, sich in der kleinen Senke in Sicherheit wähnte, dann aber überrascht wurde. Aus etwa dreißig Meter Entfernung schoss jemand einen Pfeil auf ihn ab. Der traf ihn in die Schulter und verletzte eine Arterie, wodurch er verblutete. Weitere Schlussfolgerungen seien schwierig, sagt Alexander Horn. „Dazu bräuchten wir ja außer der Leiche und dem Tatort auch Befragungen im Umfeld des Opfers.“
Über dieses Umfeld können Archäologen immerhin so viel sagen, dass Ötzi aus dem Süden kam, wohin wir jetzt absteigen. Unser Weg führt zunächst zurück zur Similaunhütte und von dort durch alle Vegetationszonen, über Murmeltierwiesen, vorbei an glockenbehangenem Vieh und einem zauberhaften kleinen Lärchenwald bis zum Tisenhof bei Vernagt im Schnalstal. Ötzi dürfte damals zunächst einen ähnlichen Weg hinauf genommen haben – nur ohne die Kühe und Schafe, denn Almwirtschaft gab es hier frühestens in der Mittelbronzezeit. Ötzi war sicher kein Hirte.
Weiter oben dürfte er aber eine andere Route hinauf genommen haben als wir hinunter, vermutlich etwas weiter westlich, direkt zum Tisenjoch über Blockwerk und Schneefelder. Spätestens im Vernagter Lärchenidyll fragen wir uns wieder, wer oder was genau den Mann damals dort hinaufgetrieben haben mag, und während unseres Aufenthaltes im freundlichen Schnalstal müssen wir später noch oft an ihn denken. Gewiss, jenes Joch war schon in der Jungsteinzeit ein frequentierter Alpenübergang gewesen. Doch allein, auf der Flucht, mit einer Kampfverletzung an der Hand und zu einer Jahreszeit, die hier immer noch eher zum Winter gehört als zum Sommer?
Ötzis letzte Wanderung hinauf aufs Tisenjoch muss eine große Mühsal gewesen sein. Und doch fragt man sich angesichts dieser Landschaft, ob ihm dort nicht auch Momente beschieden waren, in denen er sie genossen hat.
Der Weg zum Tatort
Wanderung und Unterkunft Ein guter Ausgangspunkt für eine Tour zur Fundstelle des Ötzi auf dem Tisenjoch ist das Hotel Post in Vent auf der österreichischen Seite, das auch geführte Bergtouren anbietet. Empfehlenswert ist eine Übernachtung entweder in der Martin-Busch-Hütte des Deutschen Alpenvereins oder der Similaunhütte. Letztere wird, wie das Hotel Post, noch immer von der Familie Pirpamer geführt. Besucht man den Fundort von einer dieser beiden Hütten aus, kann man danach ins Schnalstal absteigen. Der Weg endet am Tisenhof oberhalb von Vernagt, einem denkmalgeschützten Bergbauernhof mit netter Gaststätte. Gut trainierte Frühaufsteher können das Tisenjoch auch als Tagestour vom Schnalstal aus besuchen. Dort sehr empfehlenswert ist das Hotel Goldene Rose in Karthaus.
Archäologie Wer sich für die Lebensverhältnisse in den Alpen in prähistorischer Zeit interessiert, findet im Ötzi-Dorf bei Umhausen im Ötztal sowie im Archeoparc Schnalstal nahe Vernagt zwei einander gut ergänzende archäologische Freilichtmuseen.
Literatur „Cold Case Ötzi“. Eine Spurensicherung von Alexander Horn, Oliver Peschel und Andreas Putzer, Folio-Verlag 2024
