Eins steht nach diesem Samstag fest: Zwei Schläge – damit hat sich Münchner Oberbürgermeister Dominik Krause (Die Grünen) als würdiger Nachfolger von Dieter Reiter (SPD) bewährt. Zumindest, wenn es ums Brauchtum geht. Die Münchner dürften mit Krauses Leistung zufrieden sein.
Auf der Wiesn fieberte man schon seit Stunden dem Fassanstich im Schottenhamel-Festzelt entgegen. Der wird seit 1950 vom amtierenden Oberbürgermeister der Stadt München übernommen und eröffnet die Wiesn. Erst nach dem Anstich beginnt der Bierausschank auf dem größten Volksfest der Welt. Reiter kam dieser Ehre in den zwölf Jahren seiner Amtszeit verlässlich mit der Mindestanzahl von zwei Schlegelhieben nach, was ihn zum Rekordhalter neben seinem Vorgänger Christian Ude (SPD) machte. Die Erwartungen an den seit Mai amtierenden Krause waren entsprechend hoch.
Wenige Sekunden nachdem im Schottenhamel laut der Countdown gezählt worden war, floss das Bier. Zwei gut platzierte Hiebe, und das 200-Liter-Fass war angestochen. Die Menge brüllt, es ertönen 12 Kanonenschüsse, der Bierausschank in allen Festzelten beginnt – und damit der 16-tägige Wiesn-Wahnsinn.
Dominik Krause und Markus Söder traten geeint auf
Die erste Maß Bier, geht, gezapft vom Oberbürgermeister persönlich, traditionell an den Bayerischen Ministerpräsidenten, und damit seit bereits acht Jahren an Markus Söder (CSU). Beide verbrachten die ersten Stunden des diesjährigen Oktoberfests gemeinsam mit Partnern und Prominenten wie etwa FC Bayern-Spieler Joshua Kimmich und Lahav Shami, dem neuen Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, im Schottenhamel-Festzelt. Söder wäre es sicherlich lieber gewesen, hätte noch Ex-Bürgermeister Dieter Reiter neben ihm gestanden, dessen Engagement beim FC Bayern zu einem Interessenkonflikt geführt hatte. An diesem sonnigen Samstag auf der Theresienwiese traten Söder und Krause trotzdem geeint auf. Kommende Woche steht immerhin die Olympiabewerbung der Stadt München an.
Der Anstich ist nur einer der vielen kuriosen Bräuche auf der Wiesn, über die es so viele neue wie ewig gleiche Geschichten zu erzählen gibt. Wirklich legendär ist wohl nur der allererste Fassanstich durch einen Oberbürgermeister: 1950 soll Thomas Wimmer (SPD) 17 oder sogar 19 Schläge benötigt haben, bis das Spaten-Bräu endlich durch den Zapfhahn floss. Bis heute ein Negativrekord. Sein Ausruf „O’zapft is!“, der sich seitdem genauso wie der Brauch des Anstichs durch das Stadtoberhaupt gehalten hat, war wohl auch seiner eigenen Überraschung ob des unerwarteten Erfolgs geschuldet.
Internationale Gäste nehmen den „Wiesn-Run“ besonders ernst
Vergangenes Jahr überschatteten die Hitze, die zwischenzeitliche Überfüllung des Geländes und ein Attentat im Münchner Norden die gezählten Tage des Volksfests.
In diesem Jahr war es zumindest am Eröffnungsmorgen herbstlich frisch. Bei knackigen zehn Grad warteten die ersten Gäste ab zwei Uhr nachts vor den Toren der Theresienwiese. Wenn um neun Uhr das Gelände und die Zelte öffnen, beginnt der „Wiesn-Run“, der Ansturm auf die wenigen nichtreservierten Tische in den Festzelten. Hauptsächlich junge Erwachsene standen und saßen, teils gegen die Kälte in Rettungsdecken eingewickelt, in den Hunderte Meter langen Warteschleusen vor den Eingängen, um ihre Chancen auf einen der begehrten Plätze zu verbessern. Besonders die internationalen Gäste nahmen das ziemlich ernst: Viele der Wartenden waren aus Wien, Paris oder sogar den Vereinigten Staaten angereist. Angetan mit Secondhand-Dirndln und Lederhosen fieberten sie der Eröffnung entgegen. Das erwies sich als nötig, denn gegen 10.30 Uhr waren viele der Festzelte bereits derart voll, dass zeitweise der Einlass gestoppt werden musste.

Modische Wiesn-Trends
Auch die Trachten spalten alle Jahre wieder die Gemüter. Erst in den Neunzigerjahren fingen Wiesn-Gänger an, Dirndl und Lederhosen zu tragen. Davor war die Kleiderordnung auf dem Volksfest eher zweitrangig. Heute fällt hingegen auf, wer nicht in Tracht erscheint.
Die Dirndlmode hat seitdem ihre jeweils eigenen Trends entwickelt. „Kurze Dirndl sind out“, erzählt eine Besucherin. Alles unter 60 Zentimeter Rocklänge könne man heute „nicht mehr tragen“. Vor wenigen Saisons galt dasselbe für die wadenlangen Dirndl, die dieses Jahr angesagt sind. In gedeckten Farben, Samt und hochgeschlossenen, aber durchsichtigen Spitzenblusen kleiden sich informierte Wiesn-Besucherinnen in diesem Jahr. Keine Schnürung mehr, dafür Knöpfe oder Reißverschlüsse.
„Welches Bier hätten’s denn gern?“
Nicht zu vergessen natürlich der Hauptwirtschaftsfaktor, Genussmittel und Grundlage der Echauffierung über das ewige „Gesaufe“ auf dem Oktoberfest: das Bier. „Wiesnflation“ bezeichnen viele die in den letzten Jahren stark gestiegenen Maßpreise. Seit 1980 haben sie sich beinahe verfünffacht. Dieses Jahr liegt der Preis für einen Liter Bier in den Festzelten zwischen 14,80 und 15,90 Euro. Die Wirte begründen den Anstieg mit den Personalkosten.
Ein wiederkehrendes Gesprächsthema am Eröffnungstag ist auch die Frage, ob es die Brauerei Giesinger wohl auf die Wiesn schaffen wird. Bislang schien sich wenig zu tun, dabei braut Giesinger innerhalb der Münchner Stadtgrenzen, verwendet Wasser aus einem eigenen Tiefbrunnen und trägt seit 2021 die geschützte geographische Angabe „Münchner Bier“. Das Problem: Giesinger gehört nicht zu den sechs Münchner Traditionsbrauereien. Die sind nicht begeistert davon, dass ein neuer Konkurrent auf der Wiesn Fuß fassen könnte. Ob das Bräu in den Zelten ausgeschenkt werden darf, entscheidet neben den Wiesn-Veranstaltern und Wirten auch der Stadtrat. Eine Begründung, weshalb das Bier noch nicht zugelassen ist, gab es von deren Seite jedoch keine. In einer PR-Guerilla-Aktion verteilte Giesinger deswegen Sweatshirts mit Aufdruck der Brauerei an die verfrorenen Wartenden vor dem Einlass.
Zwar ist die Wiesn für exzessiven Alkoholkonsum bekannt, doch gibt es in diesem Jahr auch „Shots“ der anderen Art: Gesundheitsbewusste Wiesn-Besucher können sich auf dem Gelände kostenfrei eine Impfung gegen das Coronavirus oder die Grippe verpassen lassen. Ob das in Anbetracht der körperlichen Belastungen ratsam ist, die für viele mit dem Besuch der Wiesn einhergehen, ist fraglich.
Doch jetzt heißt es erst mal: „O’zapft is! Auf eine friedliche Wiesn.“
