
Die Börsen-Nachricht der Berentzen-Gruppe AG ist kurz, aber sie hat Durchschlagskraft: Um mehr als 20 Prozent steigt der Kurs der Berentzen-Aktie gleich nach Börseneröffnung. Der Grund: Berentzen hatte am Vorabend in einer Pflichtmitteilung Gerüchte aus Amerika bestätigt, wonach die Gruppe sich in Verhandlungen mit der Sazerac Company Inc. „über ein freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot zum Erwerb sämtlicher ausstehender Aktien“ befinde.
Apfelkorn, Wodka und eisgekühlter Bommerlunder
Was sich andeutet, ist ein neues Kapitel für das kleine Traditionsunternehmen, das die meisten Erwachsenen durch Berentzen Apfelkorn, Puschkin Vodka und zahlreiche andere Spirituosenmarken kennen dürften. Der Party-Ohrwurm „Eisgekühlter Bommerlunder“ von den Toten Hosen ist seit Jahrzehnten quasi eine Dauer-Werbemelodie für Berentzen.
Sazerac gehört zu den Großen im globalen Spirituosengeschäft, bekannt etwa durch Marken wie Southern Comfort oder Buffalo Trace. Das privat geführte Unternehmen, das nach Berentzen greift, veröffentlicht zwar keine detaillierten Geschäftsberichte, und die Umsatzschätzungen von Marktbeobachtern liegen weit auseinander. Aber ein klarer Hinweis auf die Stärke von Sazerac ist die Akquisitionslust: Nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ soll Sazerac sich um den dem Jack-Daniel’s-Hersteller Brown-Forman bemüht haben, was ein Geschäft von 15 Milliarden Dollar gewesen wäre.
Sazerac hat gerade schon Au Vodka gekauft
Fakt ist, dass Sazerac erst jüngst den britischen Spirituosen-Hersteller Au Vodka kaufte, nach Bloomberg-Informationen für rund 300 Millionen Pfund. Verglichen damit ist Berentzen ein Leichtgewicht. Das im Jahr 1758 gegründete Unternehmen mit Sitz im niedersächsischen Haselünne war an der Börse 33 Millionen Euro wert, bevor die Verkaufsgerüchte bestätigt wurden. Die früheren Eigentümerfamilien haben ihre Anteile im Jahr 2008 verkauft. Heute sind gut 80 Prozent der Aktien in Streubesitz.
Fast dreimal so viel wie heute war Berentzen im Jahr 2017 wert. Damals hatte Berentzen seine Hoffnung in Saftpressen gesetzt, die zum Beispiel in Supermärkten frischen Orangensaft vor den Augen der Konsumenten herstellten. Mit dem dafür zugekauften Hersteller sollte Berentzen zu kräftigem Wachstum und hohen Gewinnen geführt werden – eine Hoffnung, die sich so nicht realisierte. Zuletzt erzielte Berentzen einen Jahresumsatz von 163 Millionen Euro. Gut ein Drittel des Geschäfts entfällt auf alkoholfreie Getränke.
Neue Wachstumshoffnungen mit Functional Drinks
Auch aktuell schürt Berentzen wieder die Hoffnung, dass sich Wachstum auch in Zeiten von drastisch veränderten Konsumgewohnheiten erzielen lässt. Orientiert am sogenannten Longevity-Trend hat Berentzen in diesem Frühjahr Juma gekauft, einen Anbieter von teebasierten Getränken, die mit Elektrolyten, Vitaminen und Koffein angereichert sind. Solche „Functional Drinks“ zählten nach Berentzen-Angaben zu den dynamischsten Kategorien im Bereich alkoholfreier Getränke.
Der Einstieg in diesen Markt wird als zentraler Bestandteil der im vorigen November vorgestellten Konzernstrategie „Berentzen Evolve 2030“ bezeichnet. Mit dieser Strategie begegnet Berentzen dem starken Rückgang im Geschäft mit alkoholischen Getränken. Ziel ist auch, neue Konsumanlässe und -Orte zu erschließen und entsprechend neue Vertriebskanäle zu nutzen. Während die bisherigen Berentzen-Produkte überwiegend im Lebensmittel-Einzelhandel erhältlich waren, sollen künftig auch Automaten, Tankstellen und ähnliche Verkaufsstellen eine größere Rolle spielen.
Ziel ist zudem die Expansion in weitere Auslandsmärkte. Bisher sind Berentzen-Marken zwar in rund 60 Ländern präsent, aber der Inlandsumsatz liegt immer noch bei rund 80 Prozent. Gerade in Schwellenländern könne man mit dem angestammten Portfolio punkten, heißt es in Haselünne. Der Markteintritt erfolge dann oft mit einer Handelsmarke, die mit einem Partner entwickelt werde.
