Wir blicken dem Teufel ins Auge, und es ist alles wahr, was man sich von ihm erzählt. Verschlagen und furchteinflößend glotzt er uns an, hinterhältig und hochfahrend fixiert er uns, frech wie Oskar stiert er uns ins Gesicht, als seien wir sein nächstes, sein sicherstes Opfer, und bleckt dabei sein schauriges Reißzahngebiss, mit dem er stärker zubeißen kann als jedes andere Säugetier. Wie eine riesige, fette, pechschwarze Ratte sieht der größte, lebende Raubbeutler aus, dessen Ohren höllenfeuerrot wie jene des Leibhaftigen werden, wenn er sich aufregt, und das macht dieser Obercholeriker des Tierreichs andauernd. Dann kreischt und pöbelt er wie Rumpelstilzchen, ist mit seinem Gekeife noch kilometerweit zu hören, stinkt obendrein wie die Pest und versetzt Mensch und Tier in Angst und Schrecken. So ist er, der Tasmanische Teufel, das diabolische Kronjuwel des tierischen Kuriositätenkabinetts auf der schönen, wilden, australischen Insel Tasmanien.
Zum Glück begegnen wir diesem Abgesandten des Höllenreichs nicht in freier Wildbahn, sondern im Bonorong Wildlife Sanctuary eine halbe Stunde nördlich der tasmanischen Hauptstadt Hobart. Es ist die wichtigste Kranken- und Rettungsstation für Tasmaniens Fauna, bewahrt Jahr für Jahr Tausende von Tieren vor dem sicheren Tod, setzt die meisten wieder aus, behält aber auch ein paar Exemplare zur Anschauung da, damit man sich eine Vorstellung von der biologischen Einzigartigkeit dieser Insel machen kann. 50 Millionen Jahre lang war Australien vom Rest der Welt vollkommen isoliert, und Tasmanien lag nach der Abtrennung von der großen Landmasse des Kontinents noch einmal einsamer im Ozean. Deswegen konnten hier Heerscharen endemischer Arten überleben, sogar solche, die auf dem australischen Festland invasiven Arten wie den Dingos zum Opfer fielen.

Wir machen in Bonorong Bekanntschaft mit Beuteldachs und Kurzschnabeligel, Pfuhlhuhn und Blauzungenskink, Nacktnasenwombat und Tüpfelbeutelmarder, lauter Wesen, die aussehen, als habe sie sich ein surrealistischer Maler ausgedacht. Dazwischen döst eine Tigerotter ganz unschuldig in ihrem offenen Terrarium, obwohl sie für die meisten tödlichen Schlangenbisse in Australien verantwortlich ist, während Dutzende von Kängurus kreuz und quer durchs Gras hüpfen und sich von den Besuchern so vertraut wie Haushunde füttern lassen – ein befremdlicher Anblick angesichts der seltsamen Gestalt dieser Tiere, die wir für Einbildungen der Phantasie oder der Spaßvögel von Monty Python hielten, wären wir nicht gerade von ihnen umzingelt.
Wie reich Tasmaniens Tierwelt ist, haben wir bisher nur bei den Fahrten über die Insel erahnt, wenngleich auf keine besonders ansehnliche Weise. Die Straßen sind gesäumt von den Kadavern unachtsamer Wildtiere, auf jeden Kilometer scheint mindestens eine Leiche in jedem Zustand der Verwesung und Zerfetzung zu kommen. Manchmal sind die Tiere noch vollkommen intakt, manchmal nur noch Hautfetzen und Knochensplitter. Und niemand scheint sich angesichts der unfassbar großen Zahl die Mühe zu machen, all die Kadaver wegzuräumen. Vielleicht liegt es aber nicht an Nachlässigkeit, sondern an einem gelasseneren Umgang mit dem Leben und seinem Ende am Ende der Welt.
Eine Welt voller Gelassenheit und Friedfertigkeit
Die toten Tiere sind die einzigen Schönheitsflecke auf einer Insel, auf der sich der Mensch die Erde noch nicht so rigoros untertan gemacht hat wie fast überall sonst. Die Hälfte der Fläche Tasmaniens steht unter Naturschutz, ein Fünftel trägt das Gütesiegel eines UNESCO-Weltnaturerbes, und selbst dort, wo die Wildnis in eine Kulturlandschaft verwandelt worden ist, haben wir nie das Gefühl, dass die Welt aus dem Lot und auf der falschen Fährte sei – schon gar nicht im Tal des Flusses Huon südlich von Hobart, der sich auf seiner 150 Kilometer langen Reise vom tiefsten Herzen Tasmaniens zum Pazifik mit den Tanninen der Eukalyptusbäume und Bergwiesengräser an seinen Ufern vollsaugt. Sie lassen das Blau seines Wassers fast schwarz werden und reflektieren nicht nur das Sonnenlicht, sondern auch das leuchtende Grün der bewaldeten Bergrücken zu beiden Seiten des Flusses wie in einem Spiegel und mischen das Ganze zu einem wunderbaren, zutiefst beruhigenden Farbenspiel, das Cézanne gemalt haben könnte.

Wir befahren den Huon River auf einem knarzenden Holzboot, 1948 erbaut und immer noch mit großväterlicher Gemütlichkeit vor sich hin schnaufend. Es trägt aus Koketterie den französischen Namen „Ladrone“ für Dieb, obwohl es mit seinem biederen Interieur aus tasmanischem Blackwood und den plüschigen Sitzmöbeln ganz und gar nicht kriminell, sondern vollkommen vertrauenswürdig wirkt. Eine Welt voller Gelassenheit und Friedfertigkeit zieht an uns vorüber, dekoriert mit Apfelplantagen und Weingärten, Pappelalleen und Birkenwäldchen, Pferdekoppeln und Rinderweiden. Wir passieren adrette Dörfer mit spielzeugkleinen Kirchen, in denen die Gläubigen wie in einer Puppenstube beieinanderhocken, mit hübschen Häuschen, vor denen der Oleander wuchert, und Ruderclubs, deren Revier das idyllischste auf Erden ist – wer sich hier in die Riemen legt, wird lächelnd schwitzen.
Ab und zu macht ein windschiefes Schild auf ein Bed & Breakfast aufmerksam, ganz selten sehen wir ein kleines Hotel oder einen Campingplatz und nirgendwo Spuren von touristischer Überformung, dafür umso mehr gewachsene Authentizität – wie das alte Gefängnis in der Kleinstadt Franklin, das nicht größer als ein Toilettenhäuschen ist und uns endgültig die Gewissheit gibt, dass man sich vor Kapitalverbrechen hier nicht fürchten muss und die „Sleeping Beauty“ weiterhin ihren süßen Schlaf genießen kann. Diese Gebirgsformation, in der man leicht die Silhouette einer ruhenden Frau mit Kopf, Hals und Brüsten erkennen kann, schließt den Horizont wie eine Metapher ab, so gut passt sie zu dieser Gegend, so gut kann man sich im Huon Valley betten, ohne vom Lärm der Welt geweckt oder von den Besuchermassen des globalisierten, touristischen Universums wachgeküsst zu werden.

Das südlichste Weinbaugebiet Australiens zieht sich an den Hängen des Huon River entlang, ein Patchwork aus winzigen Gütern, die oft nicht mehr als einen Hektar bewirtschaften und dank der kühlen Temperaturen und ozeanischen Winde Gewächse keltern können, wie man sie in Australien – dem trockensten und heißesten aller Erdteile – nirgendwo sonst findet. Kate Hill, einer der Stars der Region, gehört mit ihren fünf Hektar Rebfläche schon zu den Großen und mit ihrer Biographie zu den typischen Bewohnern des Huon Valley. Nach einer erfolgreichen Karriere in Weingütern auf dem australischen Festland machte sie sich 2018 am Huon River selbständig, um ihren eigenen Weg zu gehen und ihre eigenen Träume wahr werden zu lassen – von Rieslingen, die so schlank und delikat sind, dass sie auch aus Franken oder von der Nahe stammen könnten; von Spätburgundern, die in Eleganz und Finesse ihren burgundischen Brüdern in nichts nachstehen; von Shiraz, die keine Aromen-Bomben wie ihre Cousins aus dem Barossa Valley sind, sondern wahre Gewürzbasare, die unsere Nase mit Muskatnuss und weißem Pfeffer umschmeicheln.
Die Degustation in der Kate Hill Winery, die kaum mehr als ein Einfamilienhäuschen mit offenem Wintergarten ist, übernimmt zu unserer Verblüffung Stefanie aus Hannover, eine gelernte Kieferorthopädin, die sich seit zehn Jahren im Huon Valley den Reben und der Bildhauerei widmet und gleichfalls ein archetypischer Vertreter dieser Gegend ist, wie wir zwischen Riesling und Spätburgunder lernen. Das Tal sei ein fabelhafter Ort zum Leben, sagt Stefanie, die Menschen hilfsbereit, die Stimmung freundlich, die Luft sauber, das Wasser rein und die Natur unberührt. Es gebe phantastische Viktualien von Jakobsmuscheln und Austern bis zu Lämmern und Wallabys, die wie eine Mischung aus Rind und Reh schmeckten, aber viel billiger als Rindfleisch seien. Dass eine solche heile Welt der Sorglosigkeit nicht unentdeckt bleiben kann, liegt auf der Hand. „Tasmanien ist gerade sehr beliebt bei Auswanderern nicht nur vom australischen Festland, sondern aus aller Welt, weil das hier der beste Ort ist, um sich zur Ruhe zu setzen – oder für Menschen, die in der Mitte ihres Lebens ihr Dasein überprüft und etwas ganz Neues angefangen haben“, sagt Stefanie, die selbst der beste Beweis für diese Feststellung ist und insgeheim hofft, nicht allzu viele Nachahmer zu finden, unendlich ist der Platz schließlich nicht.
Bäume mit einem Methusalem-Alter von 2500 Jahren
Noch aber gibt es ihn reichlich, und so ist es nur ein Katzensprung vom Huon Valley in eine Natur, die seit Jahrtausenden so wächst, wie sie und nicht der Mensch es will. Im Nationalpark Tahune im tiefsten Tasmanien stehen wir nach einer Dreiviertelautostunde ein klein wenig desillusioniert vor den berühmten Huon-Kiefern, die nirgendwo sonst auf Erden vorkommen, aber so unscheinbar aussehen wie ein Nadelbäumchen in einem deutschen Mittelgebirge. Doch das täuscht: Huon-Kiefern gehören zu den ältesten Bäumen überhaupt, wuchsen schon vor 130 Millionen Jahren zu Zeiten des Urkontinents Gondwana und erreichen ein Methusalem-Alter von 2500 Jahren. Ihr Holz duftet außerdem verführerisch und ist so schön gemasert wie der feinste Bernini-Marmor. Das wussten schon die ersten Siedler auf der Insel und fällten die Kiefern mit Begeisterung – die trotzdem überlebt haben, weil es in Tasmanien niemals genug Menschen gegeben hat, um ihnen den Garaus zu machen.
Dann klettern wir auf einen stählernen Steg, der uns über die Baumwipfel des Regenwaldes trägt, erreichen einen bedrohlich schwankenden Ausguck 50 Meter über dem Huon River, brauchen gottgleiches Vertrauen in die Ingenieurskunst, um nicht augenblicklich umzukehren, und blicken über Eukalyptus-Giganten, hoch wie Hochhäuser, über Lorbeerbäume und Schuppenfichten, tasmanische Ulmen und tasmanische Eiben, über umgestürzte Urwaldriesen in einem dichten Pelz aus Moos und undurchdringliche Zauberwälder aus Farnen, die wie Feenflügel aussehen. Es ist eine so urwüchsige und kraftvolle, so überwältigende und einladende Natur, dass wir am liebsten zu einem Henry David Thoreau würden, um sein Daseinsexperiment in Tasmaniens Wäldern zu wiederholen – ohne zu ahnen, dass uns am Ende unserer Reise genau das vergönnt sein könnte.

Ein Regenbogen empfängt uns auf der kurzen Überfahrt mit der Fähre von der Südspitze Tasmaniens nach Bruny Island, eine Brücke zwischen Himmel und Erde, so nah und klar, so leuchtend und strahlend, wie wir es noch nie gesehen haben. Fast können wir mit unseren Händen nach dem Regenbogen greifen, fast könnte man glauben, unter der Wasseroberfläche seien bunte Scheinwerfer versteckt, die den Himmel mit einer riesigen Parabel erleuchten. Und wenn es stimmt, dass am Ende des Regenbogens ein Schatz verborgen liegt, müssen wir ihm nun ganz nah sein.
Sobald die Fähre anlegt und die anderen Autos verschwunden sind, fühlen wir uns, als seien wir am Ende des Endes der Welt angelangt, am letzten Zipfel Erde vor der Antarktis, dort, wo die Zivilisation zum Firnis in einer grenzenlosen Natur zu werden scheint, was für eine schöne Illusion! Genährt wird sie von tiefen Wäldern voller Eukalyptus, Akazien und Zedern, Kiefern, Silberbanksien und Riesenfarnen, von Grasland und Lagunen, Dünen und Stränden mit einem Sand, so weiß wie in der Karibik, und einem Meer, so blau wie die Opale aus dem australischen Outback; und von Zwergpinguinen, die nur 45 Zentimeter groß und ein Kilo schwer werden, tagsüber Zuflucht im Wasser suchen und nur nachts an Land kommen, weil sie sich vor den Menschen und ihren Hunden fürchten, selbst hier, an diesem Ort der Friedfertigkeit.
Das tragische Schicksal der armen Truganini
Doch wir sind nicht allein in der Wildnis, sondern teilen sie mit Menschen, die sich in diesem stillen Refugium eingerichtet haben wie glückliche Eremiten. Bunte Briefkästen stehen im Dutzend am Straßenrand, ohne dass wir die dazugehörigen Häuser zu Gesicht bekämen. Schilder weisen uns darauf hin, dass auf Bruny Island Wein und Whiskey, Gin und Bier gemacht werden. Restaurants im Bretterbudenstil mit eigener Austernzucht laden uns dazu ein, von den Kostbarkeiten des Meeres zu naschen – wie könnten wir der Versuchung widerstehen, wo könnten Austern besser schmecken als hier, an diesem Weltenende? Und die Größe des Parkplatzes lässt uns erahnen, dass es keine verborgenen Gärten Eden mehr auf Erden gibt.
Wir sehen die Austernbänke vom Truganini-Aussichtspunkt aus, der auf der Spitze einer hohen Düne liegt, an der engsten Stelle einer handtuchschmalen, das offene Meer von einer Lagune trennenden Landzunge. Benannt ist der Aussichtspunkt nach einer tapferen Frau des Aborigines-Volkes der Lunawanna-alonnah, das einst auf Bruny Island lebte und auf einer Tafel bis heute als legitimer Besitzer der Inseln ausgewiesen wird. Überall in Australien wird inzwischen den Ureinwohnern auf diese Weise Tribut gezollt, in keiner Touristenbroschüre fehlt an prominenter Stelle der Hinweis, dass wir uns im Land der Aborigines befinden und ihnen höchsten Respekt schuldig sind.

Truganini musste das typische, tragische Aborigines-Schicksal erdulden. Seeleute erschlugen ihre Mutter, Robbenfänger raubten ihre beiden älteren Schwestern, und trotzdem brach sie nicht mit den britischen Kolonialisten. Als die Krankheiten des weißen Mannes ihr Volk auszurotten drohten und die Briten entschieden, die Lunawanna-alonnah zu ihrem eigenen Schutz auf eine einsame Insel umzusiedeln, half ihnen Truganini dabei und überzeugte ihre Landsleute zu emigrieren. Doch es brachte nichts, die Aborigines starben trotzdem, entweder an den eingeschleppten Krankheiten oder am Schmerz über den Verlust ihrer Heimat – auch Truganini, deren Leben als vorletzte Aborigine-Frau Tasmaniens mit ausschließlich indigenem Stammbaum 1876 in Hobart endete.
Heute bewahren immer noch Ureinwohner auf Bruny Island, die aus Mischehen mit Weißen hervorgegangen sind, das Erbe ihrer Ahnen und schreiben die Geschichte der ältesten, lebenden Kultur auf Erden fort, die seit mindestens 2000 Generationen und 42.500 Jahren existiert, die spielend zwei Eiszeiten und nur mit knappster Not die Ankunft des weißen Mannes überlebt hat.
Noch nicht einmal 200 Jahre alt und trotzdem der zweitälteste, in Australien erhaltene Leuchtturm ist jener von Bruny Island, der weiß wie die Gischt hoch oben auf einer Klippe thront, umgeben von einer Macchia aus Akazien, Wacholder und Südsee-Myrte. Alle Schiffe mussten auf ihrem Weg von Europa nach Sydney oder Melbourne die Südspitze Tasmaniens mit ihrer zerklüfteten Steilküste passieren, und vielen wurden die messerscharfen, von wütenden Wellen umspülten Grate knapp unter der Wasseroberfläche zum Verhängnis. Allein 1835 sanken hier drei Schiffe, darunter die George III., die 134 Menschen in den Tod riss, woraufhin der Bau des Leuchtturms beschlossen wurde.
Jetzt stehen wir auf seiner Spitze, betrachten die vergilbten Fotografien der tapferen Wärter, die rettungslose Einsamkeit ertragen mussten, nur dank eines sporadisch auftauchenden Versorgungsboots mit dem Rest der Welt verbunden waren und trotzdem blieben – einer der Eremiten hielt es hier unfassbare 37 Jahre aus. Und wir müssen an jenen weisen Mann denken, der sagte, ein Leuchtturmwärter könne nur ein Philosoph oder ein Einfallspinsel sein.
Eben noch haben wir den tosenden Ozean aus der sicheren Distanz des Leuchtturmwärters schaudernd betrachtet, und jetzt sind wir mittendrin. Ein Schnellboot mit Rennmaschinenmotor bringt uns an die Südspitze von Bruny Island, fährt Achterbahn über drei Meter hohe Wellen, schlägt so hart auf, dass der Rumpf zu bersten droht, und schneidet dem Blanken Hans mitten durchs Gesicht. Wir rasen an der zweithöchsten Steilküste der südlichen Hemisphäre vorbei, einer bis zu 274 Meter hohen Felswand aus schwarzgrauem Dolerit, diesem 200 Millionen Jahre alten Vulkangestein, das beim Auseinanderbrechen des Urkontinents Gondwana aus dem Erdinneren an die Oberfläche katapultiert wurde – und sich seither so zäh wie vergeblich den Elementen trotzend gegen seine Verwitterung wehrt, mit den spektakulärsten Resultaten.
An manchen Stellen haben Wind und Wetter den Stein zu geometrischen Formationen erodiert, zu Quadern von solcher Regelmäßigkeit, als habe ein Riese Bauklötze aufeinandergestapelt oder mit Hammer und Meißel bearbeitet. Andere Dolerit-Steilwände sehen aus wie Elefantenhaut, wieder andere wie versteinerte Mousse au chocolat. Manchmal ragen einzelne Steinstelen wie gewaltige Totems aus dem Meer, und manchmal hat der Pazifik tiefe Höhlen in den Dolerit gegraben, in die das Wasser mit 80 Kilometern pro Stunde hineinrast, um dann 20 Meter hoch in die Luft zu spritzen, als habe eine aquatische Explosion stattgefunden.

Uns stockt der Atem, uns fährt der Schrecken in die Glieder. Die Möwen und Sturmtaucher aber hocken so stoisch hoch oben auf den Felsvorsprüngen wie Madonnen an der Fassade einer gotischen Kathedrale, während sich viel weiter unten knapp oberhalb der Gischt Hunderte von Seelöwen so entspannt sonnen, als lägen sie an der Riviera. Ab und zu nehmen sie ein Bad oder einen Imbiss im Meer und erklimmen dann wieder elegant wie ein tierischer Tarzan ihren felsigen Liegeplatz. Unser Kapitän steuert das Boot derweil in rasendem Tempo bis an die südlichste Felsnadel, um dann im letzten Moment todesfürchtig beizudrehen, denn dahinter werden die Wellen, die ungebremst 3000 Kilometer weit von der Antarktis heranrollen, für ein Schiffchen wie unseres trotz Rennmaschinenmotor zum nassen Grab.
Wir suchen Zuflucht im Schoß von Bruny Island, biegen von der Straße ab, rumpeln über eine Sandpiste und erreichen eine stille Bucht und einen Strand mit schwarzen Lava-Brocken und windschiefen Kiefern, der übersät ist von Austernschalen und Treibholz, so bleich wie die Knochen gestrandeter Wale. Eine Holzhütte mitten im Nirgendwo erwartet uns, ein Bett, eine Badewanne, ein Bollerofen, das Kühlschränkchen von dienstbaren Geistern mit einem frugalen Imbiss gefüllt, alles in einem Raum, die Toilette draußen in einem winzigen Häuschen. Und stünde nicht ein einsames Wohnhaus nebenan, fühlten wir uns hier wie Henry David Thoreau in seinem amerikanischen Wald, nur am anderen Ende der Welt, umringt von Kängurus und Wallabys, die in der Dämmerung zu Dutzenden um unsere Hütte hüpfen, ganz ohne Scheu, als wären wir ihre Komplizen in dieser unendlichen, menschenleeren Einsamkeit, immer auf der Hut vor dem Tasmanischen Tiger.
Was ist Unendlichkeit? In der Nacht am Weltenende wissen wir es, denn dann wird sie vom abstrakten Begriff zur plastischen Anschauung. Je länger sich unser Auge an die Dunkelheit gewöhnt, umso mehr Sterne tauchen am Firmament auf, immer mehr werden es, unaufhaltsam, unablässig, mehr als wir jemals zuvor gesehen haben, und bevölkern den nachtschwarzen Himmel bald in einer solchen Zahl, dass wir uns wundern, warum sie nicht ständig krachend miteinander kollidieren. Es sind Abermillionen, so unfassbar viele, dass nicht einmal die Götter sie zählen können, geschweige denn der Mensch in seiner Mickrigkeit, es ist ein unfassbar schöner Anblick. Und plötzlich ahnen wir, dass der Schatz am Ende des Regenbogens gar nicht vergraben ist.
