Gangsta’s Paradise in Hessens sicherster Großstadt? Wenn Aykut Anhan, Künstlername Haftbefehl, über Offenbach rappt, dann zeichnet er das Bild einer harten Jugend in einer harten Stadt. Er selbst hat einiges zu erzählen, von Jugendarrest, Drogenhandel und Drogenkonsum, einem Leben zwischen Starruhm und Sucht. Aber glaubt man zum Beispiel Andreas Mann, dann erlaubt sich Haftbefehl in den Schilderungen seiner Heimat einige künstlerische Freiheiten: „Nirgends in der Stadt bist du in den Neunzigern bürgerlicher aufgewachsen als an der Hermann-Steinhäuser-Straße“, sagt Mann.
Fünf Wohntürme rund um eine Grünanlage mit privatem Spielplatz, alles in allem um die 570 Apartments. Alles bestens gepflegt, und auf etlichen Schildern werden Bewohner und Besucher daran erinnert, was man hier tun und lassen soll. In den Eingängen der Häuser hängen in langen Reihen die Briefkästen der Bewohner, akkurat und einheitlich beschildert: „Wenn da jemand ausscheren wollte, dann ginge das gar nicht. Soll ja alles ordentlich aussehen“, sagt Mann, dessen Familie in der Anlage wohnt, seit es sie gibt.
„Zum ersten Mal Rolls-Royce mit Anhängerkupplung gesehen“
Zwischen 1971 und 1974 sind die fünf vierzehnstöckigen Wohntürme auf dem Gelände einer ehemaligen Gerberei und Lederwarenfabrik gebaut worden, die Ende der Sechzigerjahre niedergelegt worden war. Es war der Beginn des industriellen Niedergangs und Strukturwandels, mit dem Offenbach bis heute zu kämpfen hat. Im Mainpark entstanden damals keine Miet-, sondern Eigentumswohnungen, bis heute leben in den meisten von ihnen ihre Besitzer. Nur in einem Block leben mehr Mieter, das hat sich in den Neunzigern so ergeben. Damals hätten zwei „sehr reiche“ Großfamilien dort etliche Wohnungen gekauft: „Das war das erste Mal, dass ich einen Rolls-Royce mit Anhängerkupplung gesehen habe“, erinnert sich Mann. Aber es kam zu Konflikten mit der Nachbarschaft, Eigentümer zogen aus und vermieteten ihre Wohnungen. In den Zwist schaltete sich schließlich auch die Stadt Offenbach mit Mediatoren ein.
Daran erinnern auch Loimi Brautmann und Fabian El Cheikh bei einer Führung durch Offenbach „auf Haftbefehls Spuren“. Brautmann veranstaltet seit zwei Jahrzehnten Touren durch Offenbach, einer der Schwerpunkte ist dabei die östliche Innenstadt mit dem Mainpark, die vor ein paar Jahren aus Imagegründen in Mathildenviertel umbenannt worden ist. Anstoß für die jüngste Führung hat eine Dokumentation über den Rapper auf dem Streamingdienst Netflix gegeben. El Cheikh, als Pressesprecher der Stadt sozusagen ein Berufs-Offenbacher, überlegte mit seinem Team, wie man mit dem dort gezeigten Bild von Offenbach umgehen sollte.

„Sequenzen mit Bildern von Hochhäusern, die es gar nicht gibt“
Da gebe es Sequenzen mit Bildern von Hochhäusern, „die es hier gar nicht gibt“, erzählt El Cheikh. Das ärgert ihn, aber genauso schwingt Stolz bei ihm mit, wenn er von Haftbefehl als dem berühmtesten Rapper Deutschlands spricht. Gerade für junge Offenbacher mit Migrationshintergrund sei der Rapper ein Vorbild, sagen El Cheikh und Brautmann, auch wenn der Musiker gerne übergangslos von Offenbach nach Frankfurt springe und Schauplätze vermenge. Tatsächlich singen auch die bravsten Gymnasiastinnen der Stadt mit leuchtenden Augen mit, wenn beim Schulfest ein Song wie „Chabos wissen wer der Babo ist“ gespielt wird. Übrigens findet auch Mann, Jahrgang 1961, die Songs von Haftbefehl gut, die er durch seine Kinder kennengelernt hat. Anhan habe in seinen Songs „die Mischung in der Stadt in Musik umgesetzt“, sagt Mann, der allerdings eine Offenbach-Zeile wie „Goetheplatz, Büsing-Park, Bruder, dieser Ort brennt“ nicht unterschreiben würde.
Offenbach ist eine Stadt der Brüche, nicht nur, wenn es um Hip-Hop geht. Nach dem Krieg wurde die Kommune autogerecht umgebaut und später schwer getroffen vom Niedergang der ansässigen Industrie. Nun arbeiten die Verantwortlichen an einer Trendwende. Die Zahl der Arbeitsplätze steigt wieder, aber zum Beispiel gemessen an der Kaufkraft zählt man noch immer zu den ärmsten Städten in Deutschland. Trotz geringen Spielraums wird der Wandel vorangetrieben. Der Marktplatz, über den früher eine mächtige Betonkonstruktion als Ebene für Fußgänger ragte, ist umgebaut worden, etliche Lokale haben sich dort mittlerweile angesiedelt, wo früher auch Drogen verkauft worden waren.


Im benachbarten Mathildenviertel griff die Stadt vor zwei Jahrzehnten ein, als aus einem ehemaligen Wohnheim der Post ein Laufhaus werden sollte. Sie kaufte den Bau und richtete dort den Gründercampus Ostpol ein, heute als „Herz der Gründerstadt“ beworben. Nicht weit entfernt liegt das Kinder-, Jugend- und Kulturzentrum an der Sandgasse, das seit 2000 zu einer wichtigen Anlaufstelle geworden ist. „Haftbefehl war auch einmal da“, erzählt dessen Leiterin Andrea Filsinger, er sei als Zwanzigjähriger aber damals schon älter als das Gros der Klientel gewesen. Immerhin: Im Musikstudio im Keller des KJK rappen auch junge Offenbacher, die Anhan nachahmen, auch wenn laut Studiochef Markus Franz nicht alle auf die große Karriere zielen: „Schnell noch ein Insta-Video, denn der ist ganz wichtig, der schnelle Fame.“
