
Was hat dieser Super-El-Niño noch im Gepäck? Wird es so schlimm wie befürchtet? Rund um den Globus, vor allem aber auf der Südhemisphäre, sind Katastrophenbehörden mobilisiert, um auf etwas zu reagieren, das sich schon jetzt, drei bis vier Monate vor dem eigentlichen Höhepunkt, wie ein Wetter-Tsunami anfühlt.
In Peru wurde schon in fast der Hälfte des Landes der Notstand ausgerufen, der Touristenmagnet Machu Picchu wurde vorzeitig geschlossen. Immer wieder kommt sintflutartiger Regen runter, wie in Chile auch. Ecuador hat in mehreren Hundert Bezirken die Warnstufe auf Orange erhöht, auch dort kündigen sich Sturzfluten und Überschwemmungen an. Gleichzeitig herrscht weiter nördlich Dürrealarm – in Panama, Honduras und El Salvador, ebenso wie in Indonesien, Ost- und Südafrika. An der kalifornischen Küste pappt die Luft vor tropischer Feuchte, die Küste ist in absurd warmes Wasser getaucht.
Schon jetzt hat El Niño den Planeten fest im Griff. Als beispiellos, rekordverdächtig, ja als historisch betrachten alle Experten das Naturphänomen schon seit vielen Wochen. Manche nennen ihn „Monster-“ oder „Godzilla-El-Niño“. Tatsächlich ist der entscheidende Messwert, der diesen El Niño als ungewöhnlich stark ausweist, schon lange überschritten: Sobald eine bestimmte Region im zentralen Pazifik zwei Grad wärmer ist als im langjährigen Schnitt, sprechen Forscher von einem Super-El-Niño. Der aktuelle hat in diesen Tagen die Drei-Grad-Marke überschritten, prognostiziert werden von allen Klimamodellen weltweit noch weiter steigende Temperaturen; auch vier Grad sind möglich, was es nach allen bekannten Daten seit mindestens 170 Jahren nicht mehr gegeben hat.
Folgen sind schwer kalkulierbar
Grundsätzlich tritt die Wärmeanomalie mehr oder weniger regelmäßig alle paar Jahre auf. Zusammen mit seinem kalten Gegenstück, La Niña, bildet sie den als ENSO bekannten meteorologischen Zyklus, der seinen Anfang stets im tropischen Pazifik nimmt. Dort, im größten Ozeanbecken der Welt, bewegen sich riesige Wassermassen von der einen zur anderen Seite, eine Art Schaukelbewegung, angetrieben von starken Strömungen in der Luft und im Wasser. Bei El Niño sind es mit Wärme aufgeladene, unfassbar große Wassermassen aus dem Westen des Pazifiks, die in Richtung Osten vor die Küste Südamerikas transportiert werden und die Atmosphäre darüber so stark verändern, dass die Folgen rund um den Globus spürbar sind.
Wie stark die Folgen spürbar sind und wo das Wetter in die Katastrophe kippt, ist schwer kalkulierbar. Dass über dem Atlantik weniger Hurrikane auftreten (oder gar keine, wie in diesem Sommer bisher), über dem Pazifik dagegen deutlich mehr, ist erwartbar. Mit der Intensität des Phänomens, so eine Faustregel, steigt auch das Katastrophenrisiko. Denn aus den enormen Warmwassermengen verdunstet mehr Wasser in die Atmosphäre, was Extremregen und Überflutungen in vielen Gegenden und extreme Trockenheit in anderen wahrscheinlicher werden lässt.
Gleichzeitig steigt mit den Ozeantemperaturen und dem Wasserdampf auch die Hitzegefahr – nicht nur im Meer, sondern auch an der Luft. In den nächsten Monaten werden quasi nur noch globale Monatsrekorde erwartet. Das Jahr 2027 dürfte nach allen Voraussagen der Klimaforscher wegen dieses Super-El-Niños die bisherigen globalen Temperaturrekorde deutlich übertreffen. Die in den saisonalen Vorhersagen des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF) für den kommenden Winter prognostizierten Werte dürfte Skienthusiasten beunruhigen: Für Europa kündigen die Modelle weniger Schnee an, allerdings mit Restunsicherheiten.
Heizt der Klimawandel die Wärmeanomalie an?
Was diesen außergewöhnlichen Super-El-Niño so massiv antreibt, ist noch nicht endgültig geklärt. Sicher ist schon jetzt: Er ist der stärkste und in seiner Entwicklung auch schnellste in einer Reihe von sehr starken El Niños, die in den vergangenen drei Dekaden aufgetreten sind. Der seit Jahren diskutierte Verdacht, der globale Klimawandel könnte die Wärmeanomalie zusätzlich anheizen, ist vor Kurzem von US-Forschern mit einer chemischen Analysereihe von Pazifikkorallen erhärtet worden.
Auch die jüngsten Klimadaten stützen diese These. So meldet der europäische Klimadienst Copernicus nicht nur seit Monaten ununterbrochen neue historische Rekordwerte bei den Ozeantemperaturen, auch das aktuelle Ausmaß der marinen Hitzewellen ist beispiellos. Gut 15 Prozent der Weltmeere sind in den ersten beiden Septemberwochen so warm wie nie zuvor. Das ist mehr als doppelt so viel wie der bisherige Septemberrekord. Wenn also meteorologisch nichts Ungewöhnliches passiert, dürfte sich El Niño bis zum Höhepunkt Ende des Jahres weiter aufschaukeln.
