
Die Übernahme des deutschen KI-Start-ups Aleph Alpha durch den kanadischen Wettbewerber Cohere ist unterzeichnet. Das verkündeten beide Seiten am Mittwoch auf der KI-Konferenz All In in Montreal. „Wir bauen einen deutsch-kanadischen KI-Champion für die Welt“, sagte Cohere-Gründer Aidan Gomez vorab im Gespräch mit der F.A.Z. Es sei wichtig, dass Deutschland und Kanada die Kontrolle über eine Technologie behielten, die wahrscheinlich „die wichtigste Technologie des Jahrhunderts“ sei.
Cohere trainiere immer größere KI-Modelle und arbeite daran, mit den großen KI-Laboren auf dem neuesten Stand der Technik zu konkurrieren. Aleph Alpha habe sich auf kleinere, spezialisierte Modelle für besonders kritische Einsatzgebiete in der Regierung und in regulierten Branchen fokussiert. „Zusammen haben wir ein überzeugendes Angebot für den wachsenden Bedarf nach souveräner Künstlicher Intelligenz“, sagt Gomez.
Im April hatten Cohere und Aleph Alpha im Beisein des deutschen Digitalministers Karsten Wildberger (CDU) und seines kanadischen Amtskollegen Evan Solomon ihren Plan zu einem Zusammenschluss vorgestellt. Wildberger war nun auch in Kanada vor Ort. Für ihn ist der Zusammenschluss ein zentraler Schritt, um die Unabhängigkeit von amerikanischen Unternehmen wie Open AI, Anthropic, Google oder Microsoft zu stärken, die das Geschäft mit Künstlicher Intelligenz bislang auch in Europa dominieren.
Zentralen in Toronto und Berlin, neue Rollen für Führungskräfte
Es folgten harte Verhandlungen, obwohl Cohere dem Vernehmen nach mit 90 Prozent am neuen Unternehmen die deutlich größere Partei war. Jetzt aber steht ein Plan: Das Unternehmen wird auf der ganzen Welt als Cohere firmieren. Der Standort von Aleph Alpha in Heidelberg bleibt erhalten und wird zum „Tech Hub“. Berlin soll neben Toronto zur zweiten Unternehmenszentrale für das neue kanadisch-deutsche Unternehmen werden. Gomez hat dort während seiner Zeit bei Google selbst gearbeitet und schwärmt von den gut ausgebildeten deutschen Fachkräften. Insgesamt wird Cohere nach der Übernahme mehr als 1000 Mitarbeiter beschäftigen.
Der noch im Unternehmen verbliebene Aleph-Alpha-Mitgründer Samuel Weinbach wird Chef der Forschungsabteilung im gemeinsamen Unternehmen; der erst im vergangenen Jahr zu Aleph Alpha gestoßene Ko-Chef Ilhan Scheer soll das operative Geschäft leiten. Die Transaktion steht noch unter dem Vorbehalt behördlicher Genehmigungen, die Cohere bis Ende des Jahres erwartet.
Das 2019 gegründete Aleph Alpha galt nach dem Erscheinen des KI-Chatbots ChatGPT im Jahr 2022 als große deutsche Hoffnung auf eigene KI-Sprachmodelle. Doch die hochgesteckten Erwartungen konnte das Start-up nicht erfüllen, mit dem rasanten Fortschritt konnte Aleph Alpha technisch nicht mithalten. Das Start-up fokussierte sich daraufhin stärker auf die Entwicklung einer Orchestrierungsplattform für KI und auf branchenspezifische KI-Anwendungen als auf KI-Grundlagenmodelle auf dem neuesten Stand der Technik.
Aleph-Alpha-Chef Scheer: „Ziemlich ereignisreiches Jahr“
Hinzu kamen interne Querelen. Zunächst bekam Mitgründer Jonas Andrulis vergangenen Sommer mit Reto Spörri einen Ko-Chef zur Seite gestellt, der sich zuvor einen Namen bei Aleph Alphas wichtigstem Investor gemacht hatte, der Schwarz-Gruppe. Zudem holte das Start-up den ehemaligen Gründer und Accenture-Manager Ilhan Scheer aus den Vereinigten Staaten zurück nach Deutschland. Der sollte zunächst in der Rolle des „Chief Growth Officers“ im kriselnden Start-up aufräumen und perspektivisch die Chefrolle von Mitgründer Jonas Andrulis übernehmen.
Das geschah dann nach gerade einmal zwei Monaten viel früher als von den meisten erwartet. Andrulis sollte eigentlich Vorsitzender des Aufsichtsgremiums werden, verließ das Unternehmen im Januar dann aber komplett, um sich auf ein neues eigenes Projekt zusammen mit dem Beratungskonzern Roland Berger zu konzentrieren – und wohl auch, weil er mit der neuen Ausrichtung des Unternehmens nicht vollständig einverstanden war. Fast zeitgleich mit ihm gingen 50 Mitarbeiter, die Aleph Alpha wegen des neuen Kurses mit einem stärkeren Fokus aufs Kerngeschäft entließ. Geräuschlos verlief der Umbau nicht.
In seinem ersten öffentlichen Interview spricht Scheer nun lächelnd von einem „ziemlich ereignisreichen Jahr“, das er in dieser Form bei der Annahme des Jobs auch nicht habe kommen sehen. „Als ich bei Aleph Alpha angefangen habe, habe ich unglaublich viele Möglichkeiten und talentierte Menschen gesehen, aber es hat der rote Faden gefehlt“, sagt Scheer. Er erzählt von einer Konferenz, auf der er die Anwesenden gefragt habe, wer Aleph Alpha kennt. Da seien viele Hände hochgegangen. Aber als er gefragt habe, was Aleph Alpha eigentlich genau mache, seien die Hände wieder runtergewandert.
Durch die mediale Aufmerksamkeit habe Aleph Alpha sehr viele Kundenanfragen mit ganz unterschiedlichen Anliegen angenommen, ohne wirklich die Kapazitäten für so ein aufwendiges Projektgeschäft zu haben. Hinzu kam eine Vielzahl an Vertriebspartnerschaften mit Beratungen, die man gar nicht richtig habe bedienen können. Das habe teils zu Unzufriedenheit bei Partnern und Kunden geführt.
Konzentration aufs Wesentliche
Aleph Alpha habe dann viele Partnerschaften gestoppt, ein „schmerzhafter, aber nötiger Schritt“, wie Scheer sagt. „Wir machen keine KI-Dienstleistungen mehr, die nichts mit unseren Kernprodukten zu tun haben.“ Strategisch wichtige Kooperationen wie mit der Bundesagentur für Arbeit habe man hingegen noch ausgebaut. Das Unternehmen sollte sich unter Scheer wieder stärker auf das Wesentliche konzentrieren: die Entwicklung großer Sprachmodelle und eine Plattform, um diese in Unternehmen und Behörden einzusetzen.
In Kürze soll ein neues deutsch-englisches Sprachmodell erscheinen. „Wir wollen nicht mit den großen Allzweckmodellen mithalten, sondern in unserer Nische das beste Modell für unsere deutschsprachigen Kunden im öffentlichen Sektor, im Legal-Bereich und der Industrie bieten“, sagt Scheer. Eigentlich sei Aleph Alpha bereit gewesen, auch allein noch einmal anzugreifen. Dann kamen die Gespräche mit Cohere, die – je nachdem wen man fragt – mal mehr, mal weniger von der Schwarz-Gruppe und der deutschen Regierung mit vorangetrieben wurden. „Der Zusammenschluss mit Cohere macht uns zum globalen Spieler“, sagt Scheer. Allein der Zugang zu Rechenkapazitäten erhöhe die Konkurrenzfähigkeit enorm. Zudem hätten die Werte gut zueinander gepasst.
Mittelfristig sollen beide Entwicklerteams zusammen an neuen Modellen arbeiten, kurzfristig soll das Aleph-Alpha-Team erst mal die Veröffentlichung des brandneuen eigenen Modells begleiten. Die gemeinsamen Produkte sollen unter anderem auf Stackit laufen, dem Cloudangebot der Schwarz-Gruppe. Der für die Marken Lidl und Kaufland bekannte Konzern hatte im April angekündigt, nach der Übernahme noch einmal 600 Millionen Dollar in Cohere zu investieren.
Cohere-Gründer Aidan Gomez blickt schon weiter in die Zukunft. „Mittelmächte wie Deutschland und Kanada müssen zusammenarbeiten und ihre Fähigkeiten miteinander teilen“, sagt Gomez – und spricht eine Einladung an weitere Länder aus, sich der Entwicklung „demokratischer KI-Fähigkeiten“ anzuschließen, ob aus Europa oder Asien.
