Zu Beginn dieser Liaison knisterte es auf beiden Seiten enorm. Jean-Louis Leca, der Sportdirektor des nordfranzösischen Traditionsklubs RC Lens, wirkte geradezu hingerissen von seinem neuen Trainer: „Das Feeling war direkt da. Es war mehr als Fußball. Es waren zwei Männer, die eine Verbindung aufgebaut haben.“ Der Coach wiederum, Dino Toppmöller aus Deutschland, war seinerseits ebenfalls völlig begeistert von seinem neuen Arbeitsumfeld: „Für einen Trainer ist das Projekt das Wichtigste. Ich glaube an dieses Projekt, in dem der Trainer stets in alle Prozesse eingebunden ist.“
Nach nur sechs Spielen lässt sich sagen: So richtig eingebunden in alle Prozesse dürfte Toppmöller nicht gewesen sein, denn diese fußballromantische Beziehung endete abrupt. Am Dienstag trennte sich Lens von Toppmöller, die französische Sporttageszeitung „L’Équipe“ titelte passend: „Gescheiterte Ehe“. Doch was ist eigentlich passiert?
Lens, Vizemeister und Pokalsieger der vergangenen Saison, ist ein Klub mit großen Ambitionen. Der Sieg im französischen Supercup im Duell des Cupgewinners mit dem Meister Paris Saint-Germain sollte es schon sein. Und der 45 Jahre alte Toppmöller lieferte in seinem ersten Pflichtspiel: Lens siegte 1:0, der ehemalige Trainer von Eintracht Frankfurt gewann seinen ersten Titel, und die Zukunft schien golden.

Zumal der Racing Club auch noch mit einem stürmischen 5:2 gegen Auxerre am ersten Spieltag in die Liga startete. Doch es folgten ein 1:2 in Straßburg und ein 0:1 daheim gegen Lorient, was bei dem einst so von Toppmöller begeisterten Leca erste Zweifel an der Arbeit seiner Neuverpflichtung aufkommen ließ.
„Auf allen Ebenen ein umfassendes Versagen“
Zwei gedrehte Partien schienen wieder für Toppmöller zu sprechen. In der Champions League lag Lens bei Slavia Prag bis zur 90. Minute mit 1:2 zurück, drehte die Partie in der Nachspielzeit aber noch und gewann 3:2. In Le Mans spielte Lens nach einem 0:2-Rückstand 2:2.
Beides half Toppmöller aber nicht mehr. Der neue Trainer habe Schwierigkeiten mit der Eingewöhnung in sein neues Umfeld, vermittelten Quellen aus dem Klub der „L’Équipe“. Hinzu kam Kritik an Toppmöllers Spielauffassung und der körperlichen Verfassung seines Teams.

Die Spieler klagten demnach intern über einen Mangel an taktischer Schulung, die Einheiten seien längst nicht so gut wie die von ihnen geschätzte Trainingsarbeit von Toppmöllers Vorgänger Pierre Sage. Vor allem die zuletzt vielen Gegentore warfen Fragen auf. „L’Équipe“ zitiert eine Quelle aus dem inneren Zirkel des Vereins in Bezug auf Toppmöller: „Die Feststellung ist, dass es auf allen Ebenen ein umfassendes Versagen gegeben hat.“
Vielleicht helfen solche Vorwürfe dem Klub auch, die frühe Entlassung nachträglich zu rechtfertigen. Sicher ist aber, dass vor allem Nelson Morgado, einer von Toppmöllers Ko-Trainern, intern sehr viel Ablehnung auf sich zog. Er sollte Toppmöllers Verbindung zum Team der Analysten sein, doch es entwickelten sich Dissonanzen. Zudem kursierten zuletzt Berichte von erheblichen Meinungsverschiedenheiten Morgados mit dem französischen Staff des RC Lens.
Toppmöllers Professionalität wurde geschätzt
Die Vereinsführung um Klubpräsident Joseph Oughourlian entschloss sich daher am Montag, sich von Morgado zu trennen. Das wiederum empfand Toppmöller als eine unzulässige Einmischung in seine Arbeit und sein Trainerteam, die er nicht dulden könne. Die Folge dieser Loyalität: Auch Toppmöller musste gehen. Er sei aber nicht von sich aus zurückgetreten, verlautete aus Lens.
Gleichwohl zeigte sich der deutsche Coach generös in Bezug auf die ihm zustehende Abfindung für seinen aufgelösten Zweijahresvertrag. In dieser Hinsicht kommt Toppmöller seinem einstigen Arbeitgeber entgegen. Insgesamt wurden Toppmöllers Professionalität und seine Kommunikation in Lens sehr geschätzt.
Die Nachfolge von Toppmöller tritt nun am Freitag bei der AS Monaco interimsmäßig der frühere Lens-Spieler und aktuelle Ko-Trainer Yannick Cahuzac an. Ein Trainerdiplom besitzt er nicht, daran arbeitet er gegenwärtig noch. Cahuzac ist in Lens äußerst beliebt, er schloss sich dem Klub erst vor dieser Saison als Assistent von Toppmöller an.
Unter dem einstigen Lens-Trainer Franck Haise arbeitete Cahuzac von 2022 bis 2023 bereits als Standard- und Defensivcoach. Haise sagte damals: „Er hat das Profil eines künftigen Cheftrainers.“ Sportdirektor Leca und Oughourlian betonten, dass sie Cahuzac behutsam aufbauen wollten, aber nicht als Konkurrenz zu Toppmöller betrachteten. Fakt ist, gewollt oder nicht: Cahuzac ist bis auf Weiteres Trainer des RC Lens.
