
Ende August explodierte vor der Polizeistation von Ojocaliente im mexikanischen Bundesstaat Zacatecas eine Autobombe. Mindestens elf Personen wurden verletzt, Dutzende Gebäude beschädigt. Es war der jüngste in einer Reihe von Angriffen mit Sprengstoff. 2024 hatten die Behörden in Zacatecas einen vergleichbaren Vorfall registriert, im vergangenen Jahr waren es sechs, in diesem Jahr bis Ende August bereits zehn. Gouverneur David Monreal sprach von einer Entwicklung, deren Ausmaß unterschätzt werde. „Das organisierte Verbrechen entwickelt sich weiter“, sagte er.
Zwanzig Bomben auf ein Dorf
Dabei wird auch die Zivilbevölkerung ins Visier genommen. Bewohner der Ortschaft San Pedro Huitzapula im Bundesstaat Guerrero berichteten im Mai von Angriffen mit Sprengsätzen, die aus Drohnen abgeworfen wurden. Häuser gerieten in Brand, viele Bewohner flohen in die Berge. Eine Bewohnerin berichtete von rund zwanzig Bomben an einem einzigen Tag. „Die Bomben, die herunterfallen, sind groß und zerstören die Häuser“, sagte sie der Zeitung „La Jornada“.
Noch dramatischere Ausmaße hat die Entwicklung im Bundesstaat Michoacán erreicht, wo das Jalisco-Kartell und lokale Konkurrenten um Territorien, Verkehrswege und die Kontrolle illegaler Geschäfte kämpfen. Seit November vergangenen Jahres haben die Sicherheitskräfte dort nach Angaben von Verteidigungsminister Ricardo Trevilla 625 improvisierte Sprengsätze entdeckt, neben Drohnenbomben auch Landminen.
Gewalt aus der Distanz
Die Konfliktdatenbank ACLED registrierte zwischen Januar und August allein in Michoacán mindestens 33 Vorfälle mit Landminen, improvisierten Sprengsätzen oder anderen ferngezündeten Sprengsätzen, fast so viele wie im gesamten Vorjahr. Eine Analyse des Combating Terrorism Center der US-Militärakademie West Point beschreibt eine Verlagerung hin zu „remote violence“, also Gewalt aus der Distanz. Dadurch können kriminelle Gruppen Gegner angreifen und Gebiete kontrollieren, ohne eigene Kämpfer unmittelbar zu exponieren.
Auch im internen Krieg des Sinaloa-Kartells haben Sprengsätze an Bedeutung gewonnen. Im Juni fanden Sicherheitskräfte in einem Anwesen in El Rosario im Süden des Bundesstaats mehr als 550 improvisierte Bomben. Der Fund deutet auf eine Produktion hin, die weit über einzelne improvisierte Sprengfallen hinausgeht.
Besonders auffällig ist der zunehmende Einsatz von Drohnen. Noch vor wenigen Jahren verwendeten Kartelle kommerzielle Drohnen vor allem zur Beobachtung oder auch für den Transport von Rauschgift. Heute dienen sie immer häufiger als Waffen. Forscher haben zwischen 2021 und 2025 mehr als 200 bewaffnete Drohnenangriffe mexikanischer Kartelle erfasst. Alleine im laufenden Jahr kam es in Mexiko laut ACLED bereits zu mindestens 54 Drohnenangriffen durch bewaffnete Gruppen.
Kolumbianische Soldaten rekrutiert
Zur technischen Entwicklung kommt militärisches Wissen. Sicherheitsminister Omar García Harfuch bestätigte im vergangenen Jahr, dass sowohl das Sinaloa-Kartell als auch das Jalisco-Kartell ehemalige kolumbianische Soldaten rekrutieren. Anlass war die Festnahme von zwölf Kolumbianern, die mit einem Bombenanschlag in Michoacán in Verbindung gebracht wurden, bei dem acht mexikanische Soldaten ums Leben kamen. Neun der Festgenommenen waren frühere Angehörige der kolumbianischen Streitkräfte.
Mexikos Kartelle sind jedoch keine Armeen oder Guerillaorganisationen im klassischen Sinn. Sie wollen weder den Staat erobern, noch verfolgen sie eine politische Ideologie. Ihre Ziele bleiben wirtschaftlich. Auch ihre militärischen Fähigkeiten unterscheiden sich stark von Region zu Region. Die Aufrüstung konzentriert sich vor allem auf Gebiete, in denen mächtige Organisationen um dauerhafte territoriale Kontrolle kämpfen.
Wettrüsten zwischen Staat und Kartellen
Völlig neu ist diese Militarisierung nicht. Das Kartell der Zetas wurde Ende der neunziger Jahre von desertierten mexikanischen Elitesoldaten aufgebaut und übertrug militärische Organisation und Ausbildung auf das organisierte Verbrechen. Neu ist die Verbindung dieses Wissens mit billiger kommerzieller Technologie. Der mexikanische Sicherheitsforscher Carlos Pérez Ricart vom Forschungsinstitut CIDE sprach in einem Interview mit dem Nachrichtenportal „SinEmbargo“ von einer Art Wettrüsten. Die zunehmende Bewaffnung krimineller Gruppen habe ihrerseits die Militarisierung der staatlichen Sicherheitspolitik vorangetrieben. Gruppen wie das Jalisco-Kartell seien inzwischen große paramilitärische Organisationen, gegen die gewöhnliche lokale Polizeikräfte kaum bestehen könnten.
Der Staat schickt Soldaten gegen die Kartelle, die Kartelle passen Bewaffnung und Taktik an und umgekehrt. Wie sehr sich das Gesicht des Konfliktes verändert hat, zeigt sich in der Region Tierra Caliente in Michoacán. Dort führt die Armee mittlerweile Minenräumungen durch und plant den Einsatz von minengeschützten Fahrzeugen. Die Konflikte mit und zwischen den Kartellen werden immer kriegsähnlicher.
