Als die Anfrage kam, weilte Herbert Elfers im Italienurlaub. Doch selten kommt ein Architekt dazu, olympische Sportstätten zu planen. So verband er die Vorstellung eines Wettbewerbs aus Deutschland gleich mit dem, was er vor Ort erlebte. In der Stadt Lucca liegt die Piazza dell’Anfiteatro in der Altstadt, deren ovale Platzanlage sich aus den Grundmauern eines antiken römischen Amphitheaters entwickelt hat. „Da habe ich gedacht: Diesen Ansatz will ich in die Gegenwart bringen“, sagt Elfers.
Er denkt nicht nur an den Sport, sondern auch an das, was später mit dem Platz geschehen kann. Denn was passiert sonst nach den Olympischen Spielen mit extra gebauten Anlagen? Häufig fehlt dafür ein Plan. Für Elfers zeigt die Geschichte des Zusammenwirkens von Sport und Städtebau, wie Nachhaltigkeit gedacht werden kann. In Italien wurde eine Sportstätte zur Stadt: „Aus dem Stadion ist ein wunderbarer Platz geworden, ikonisch für Lucca, ein besonderer Ort“, sagt er. Diese Idee hat er aus dem Urlaub mitgenommen für die olympische und paralympische Bewerbung Nordrhein-Westfalens.
Viele mögliche Sportstätten für Olympische Spiele befinden sich schon in der Region rund um Köln, Dortmund, Essen, Bochum und Aachen: Fußballarenen, Schwimmanlagen, Sporthallen, Messehallen, Skateanlagen, Tennisplätze. Aber ein Leichtathletikstadion mit 50.000 Zuschauerplätzen fehlt. Auch ein Olympisches Dorf brauchte es noch, in dem die Athleten aus allen Ländern für die Zeit des Wettkampfs unterkommen können.
Hilft das gegen die Wohnungsnot?
Zurück in Deutschland präsentierte Architekt Elfers mit seiner Mannschaft den Plan dafür in den vergangenen drei Jahren in verschiedenen Gremien. Sein Konzept: Erst wird ein Stadion mit Olympischem und Paralympischem Dorf gebaut, danach entsteht daraus ein Stadtquartier mit Park, Seen, Büros, Kitas und Sportplätzen.

Mit diesen Ideen hat er sich für die Planung des Leichtathletikstadions und der Sportlerunterkünfte in der nordrhein-westfälischen Bewerbung für „KölnRheinRuhr“ durchgesetzt. Noch ist allerdings offen, welche Region sich für Deutschland um die Austragung der Spiele bewerben wird. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) plant eine neue Bewerbung um Olympische und Paralympische Sommerspiele, wofür die Jahre 2036, 2040 und 2044 infrage kommen. Über den Standort dafür entscheidet am 26. September eine außerordentliche Mitgliederversammlung des DOSB in Baden-Baden.

Schon jetzt entwickelt Elfers mit seinen Mitarbeitern, wie das Stadion mit umliegenden Wohnanlagen für die Sportler im Kölner Norden aussehen könnte. „Die Olympischen und Paralympischen Spiele sind die Zwischennutzung, die das spätere Stadtquartier befördert“, sagt der Mitgeschäftsführer von Planquadrat, einem Architektur- und Stadtplanungsbüro aus Darmstadt. Der Architekt stellt in der Frankfurter Niederlassung im Gespräch mit der F.A.Z. das Konzept vor, an dem sie zusammen mit Geskes.hack Landschaftsarchitekten und Lindschulte Ingenieursgesellschaft arbeiten.

Für den Kölner Stadtbezirk Chorweiler entwickeln die Unternehmen das neue Viertel Kreuzfeld mit einem modular aufgebauten Stadion für 50.000 Zuschauer in der Mitte. Später soll das Stadion unter Erhalt der Bausubstanz zu Wohnungen, Büros und anderen Nutzungsarten weiterentwickelt werden. „Flexibilität ist das Maß der Dinge, um zukunftssicher zu sein“, sagt Elfers. Mit der Modulbauweise setzt er auf eine solche Beweglichkeit. Am angedachten Standort im Kölner Norden sind zwei Autobahnen und eine S-Bahn-Linie in der Nähe. Von dort aus sollen sich die übrigen Sportstätten in Nordrhein-Westfalen innerhalb einer Stunde erreichen lassen.
Der Bau eines Olympiastadions steht noch nicht in der Werksliste von Elfers, der während des Architekturstudiums an der TU Darmstadt mit den Partnern Jörg Krämer und Martin Geskes mit der Arbeit als Architekt begann: erst in studentischer Arbeitsgemeinschaft, von 1993 an als Planquadrat. Schnell werden es mehr Mitarbeiter, sie bauen Modelle für andere, planen unter anderem Wohnhäuser, Büros, Laborgebäude und Stadtquartiere. Seit dem Jahr 2017 gehören Claudia Becker und Robert Müller als Partner dazu. Sie eröffnen weitere Standorte in Deutschland und haben heute mehr als 150 Mitarbeiter. Elfers schwört auf flache Hierarchien und die Gemeinschaft. „Wir reden immer gerne von wir und nicht von ich“, sagt Elfers.

Im Jahr 2023 haben sie Planquadrat an die Unternehmensgruppe BKW Engineering, eine Tochtergesellschaft der Schweizer BKW Gruppe, verkauft, aber arbeiten wie zuvor. „Wir haben eine Lösung gesucht, damit das Büro langfristig weiterentwickelt werden kann“, sagt der 63 Jahre alte Elfers. Er selbst ist vor allem in den frühen Planungsphasen eines Bauvorhabens aktiv, in Konzeption, Entwurf, bis hin zu Gestaltungsfragen im Detail. Seltener kümmert er sich persönlich um die Ausschreibung und Vergabe. „Ein einzelner Architekt kann nicht alles gleich gut“, sagt Elfers.
310.000 Quadratmeter für das Olympische und Paralympische Dorf
Die Komplexität wächst. Für größere Projekte brauche es das Wissen über Gebäude und über den Städtebau, sagt er: „Wir haben verschiedene Talente bei uns, die sowohl Architektur als auch Stadtplanung studiert haben. Dadurch können wir die beiden Bereiche Städtebau und Architektur interdisziplinär kombinieren.“ Mit der Zeit folgten neben Bauvorhaben im deutschsprachigen Raum auch Aufträge in Shanghai, Dubai und Astana sowie in Russland, Indien, Vietnam und im Irak.

Und nun die Arbeit für Olympische und Paralympische Spiele in Köln? Dafür sind während der Spiele rund 16.000 Athleten und Begleiter unterzubringen. Angedacht sind dafür Wohnungen mit einer Mischung aus allen künftig benötigten Wohnungsgrößen mit einer gesamten Bruttogrundfläche von 310.000 Quadratmetern im Olympischen und Paralympischen Dorf. Daraus würden mehr als 3000 neue Wohneinheiten entstehen.
Der neue Stadtteil könnte insgesamt bis zu 5000 Wohneinheiten für rund 10.000 Bewohner umfassen. Das zielt auch darauf ab, dass private Investoren hier einsteigen und Baukosten vorab übernehmen könnten. Benötigte Schulen könnten schon vorher errichtet werden, die während der Wettkämpfe als Mensa dienen. Aus Dopingkontrollräumen sollen Kitas werden.
In der Nähe des temporären Leichtathletikstadions sind weitere Sportanlagen vorgesehen, in denen sich die Sportler aufwärmen könnten. Die Anlagen könnten später zu Sportparks werden. „Ein Stadtteil, der viel Grün hinterlassen wird und mit mehreren Plätzen verbunden ist, weist in die Zukunft und hat seine Herkunft aus der olympischen Idee wie in der Antike“, sagt Elfers. Der Weg dahin ist noch weit. Erst einmal muss „KölnRheinRuhr“ den deutschen Zuschlag für eine Bewerbung erhalten, und sich danach auch im internationalen Vergleich durchsetzen, um Austragungsort zu werden. Dann kann Sport als olympisches Erbe ein Wohngebiet prägen.
