
Der Kanzler reagiert auf die Krise mit Karl Marx. Zu Beginn seiner ersten Stellungnahme nach der für seine Partei und Person katastrophalen Wahl in Sachsen-Anhalt auf der Pressekonferenz im Konrad-Adenauer-Haus spricht Friedrich Merz davon, dass diese Wahlniederlage etwas „persönlich“ mit ihm mache. Er sei niemand, der seine Emotionalität ständig vor sich hertrage, gesteht er ein, aber dieser Abend habe für ihn wirklich eine einschneidende Wirkung gehabt. Wirkliche Wirkung in welcher Form?
Während die meisten nun wahrscheinlich eine politprogrammatische Ansage erwarten, eine Abkehr von Brandmauer oder Reformpolitik, von Rüstungsausgaben oder der eigenen Kanzlerschaft, schlägt Merz eine andere Richtung ein. Selbstkritisch spricht er davon, dass es offenbar nicht mehr ausreiche, Politik rational zu begründen, man müsse sie stärker „emotional vermitteln“. Man müsse sie „besser erklären“, sagt Merz, nur um sich bei diesem Satz selbst ins Wort zu fallen und in einem erstaunlichen Akt des performativen Selbstwiderspruchs zu korrigieren: „Das ist so ein Standardsatz, den wir Politiker häufig verwenden. Aber dieser Satz reicht nicht mehr.“ Der Kanzler, so wie er an diesem Nachmittag redet, redet wie einer, der nach neuen Worten sucht, sie aber noch nicht gefunden hat.
Wie sein eigener PR-Berater
Was er schon gefunden hat, ist das, was er verlieren will: das Mathematische, Volkswirtschaftliche, wie er es an diesem Nachmittag nennt und gegen sich selbst wendet. Ist diese Pressekonferenz auch die späte Rache des Bierdeckels? Jedenfalls wirkt der Bundeskanzler bei seiner Rede nicht so, als ob er zu seinem Volk spreche. Viel eher tritt er wie einer auf, der laut darüber nachdenkt, wie er besser zu seinem Volk sprechen könnte. Im Grunde redet er vor laufenden Kameras zu sich selbst und klingt dabei wie sein eigener PR-Berater. Wir bräuchten, sagt Merz noch an entscheidender Stelle, „eine neue, bessere, ja wie soll ich sagen: Erzählung, einen besseren Überbau“.
Das Sein prägt das Bewusstsein
Dass Merz die „Erzählung“ mit dem „Überbau“ parallelisiert, ist überraschend. Der Begriff in seiner popularisierten Form stammt aus Marx’ Vorwort zur „Kritik der Politischen Ökonomie“ und wird dort als Gegenüber zur „ökonomischen Struktur der Gesellschaft, der realen Basis“ eingeführt. Der „Überbau“ im Sinne von Marx bezeichnet „bestimmte Bewusstseinsformen“ aus dem sozialen, politischen und intellektuellen Feld. In diesem Zusammenhang fällt dann auch der inzwischen zum politischen Kalenderspruch avancierte Satz: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ Ein Satz für das nächste Grundsatzprogramm der CDU?
Dass Merz sich jedenfalls vornimmt, in Zukunft eher als Gefühlsrepublikaner aufzutreten und die Menschen in diesem Land mit herzlicheren Worten von seiner Politik zu überzeugen, ist durchaus richtig. Noch richtiger wäre es allerdings gewesen, er hätte die Rede gleich für diesen Vorsatz genutzt. Show, don’t tell, sagen die Drehbuchschreiber. Zur echten Emotionalität gehört, dass sie sich nicht vorher ankündigt – und zur schönen Erzählung, dass sie beginnt, ohne sich vorzustellen.
