Mit der Kraft eines Tsunamis hatte die Sturzflut im nepalesisch-chinesischen Grenzgebiet am vergangenen Mittwoch eine Spur der Zerstörung hinterlassen. Am Berg Langtang Lirung waren kurz vor neun Uhr morgens in etwa 5200 Meter Höhe Gestein und Eis abgebrochen und den Berg heruntergerutscht. Wissenschaftlich lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen, welche Rolle der Klimawandel bei der Entstehung der Eis- und Schlammlawine gespielt hat. Fest steht, dass die Erderwärmung im Himalaja Gletscher und Permafrost schmelzen lässt, was zu Instabilitäten im höchsten Gebirge der Welt führt.
Die 24 Jahre alte nepalesische Aktivistin Jasmine Ojha sieht im Gespräch mit der F.A.Z. „in erster Linie“ den Klimawandel als Ursache der Katastrophe. Ojha war eine führende Stimme der Gen-Z-Proteste, die vor etwa einem Jahr die damalige Regierung zum Rücktritt gezwungen hatten. Sie engagiert sich seit Jahren bei Umwelt- und Frauenthemen.

Das Land brauche ihr zufolge in dieser schwierigen Lage nun Unterstützung, aber nicht nur in Form von Katastrophenhilfe. „Nepal hat kaum oder gar keinen Anteil an dieser Krise“, sagt sie. „Wir sind mit diesen Folgen konfrontiert, weil die Industrienationen eine Klimakrise ausgelöst haben.“ Ihr zufolge sollten die reichen Länder Nepal bei Nothilfe und Wiederaufbau unterstützen, aber auch ihre Klimapolitik korrigieren und betroffene Entwicklungsländer wie Nepal besser unterstützen.
Dabei wird in dem Land Tage nach der Katastrophe nicht nur der Klimawandel als Ursache gesehen. Auch die starke Bautätigkeit in dem Gebiet, der rasante Ausbau der Wasserkraft sowie mutmaßliche Lücken in der Kommunikation zwischen Nepal und China geraten in den Fokus. Darüber hinaus befürchten manche, dass die strukturelle Korruption, gegen die Ojha und ihre Mitstreiter vor einem Jahr auf die Straße gegangen waren, Auswirkungen haben könnte.
Zahlreiche Wasserkraftprojekte
So setzt Nepal selbst seit einigen Jahren verstärkt auf den Bau von Staudämmen für Wasserkraftwerke, um seinen eigenen Energiebedarf zu decken und auch Strom zu exportieren. Unternehmen aus Indien und China, aber auch Südkorea sind an den zahlreichen Bauprojekten beteiligt. Die Katastrophe ist ein gewaltiger Rückschlag für diese Bemühungen. Nepals Behörden melden entlang der betroffenen Flüsse Bhotekoshi und Trishuli 14 beschädigte Staudammprojekte. Rettungsteams suchen intensiv nach Hunderten Arbeitern, die in Tunneln verschüttet worden seien.
Zudem hat die Entwaldung in der Region zugenommen, und zahlreiche Menschen wurden in Ufernähe angesiedelt. Die Aktivistin Ojha hält klare Schlussfolgerungen aber für verfrüht. „Bevor man einen dieser Faktoren konkret benennen kann, bedarf es einer wissenschaftlichen Untersuchung“, sagt sie. Die Zeitung „Nepali Times“ ging in einem Leitartikel jedoch weiter als sie. „Dies war keine ‚Naturkatastrophe‘“, schreibt die Autorin Sonia Awale. Sie nennt neben dem Abschmelzen der Gletscher den Bau von Autobahnen und Siedlungen entlang der Flüsse sowie „Korruption“, „Gier“ und „schlechte Regierungsführung“ als weitere Ursachen für das Ausmaß der Katastrophe. Es sei ein bekanntes Risiko, nah an Bergflüssen zu bauen, die im Monsun für Überschwemmungen anfällig seien.
Dabei richten andere ihren Blick nicht nur auf die nepalesische, sondern auf die chinesische Seite des Grenzgebiets, in dem sich die Katastrophe ereignete. Auch im von China kontrollierten Teil des Himalajas wird immer mehr Infrastruktur gebaut. Die Grenzanlagen zwischen China und Nepal am Gyirong-Übergang und in Rasuwagadhi wurden durch die Schlammlawine völlig zerstört, auch die Hauptbrücke zwischen beiden Ländern wurde dort fortgespült.
Es war nicht die erste Naturkatastrophe in diesem Gebiet. Im Juli vergangenen Jahres war die „Freundschafts“-Brücke nach einem Gletscherseeausbruch schon einmal von einer Flutwelle weggespült und gleich wieder errichtet worden. Bei dem Unglück starben 2025 insgesamt 19 Menschen.
Wichtigste Grenzregion zwischen China und Nepal
Der betroffene Rasuwa-Korridor ist die wichtigste Grenzregion für die Abwicklung des wachsenden Handels zwischen Nepal und der Volksrepublik. Er ist gleichzeitig das Kerngebiet der Annäherung zwischen Peking und Kathmandu. Nepal, das traditionell vor allem unter indischen Einfluss stand, war im Jahr 2017 Chinas „Neuer Seidenstraße“ beigetreten. In den vergangenen Jahren hatte China den betroffenen Grenzübergang Gyirong zu einem logistischen Knotenpunkt ausgebaut. Das Gebiet ist für Peking wichtig, weil es Tibet mit Südasien verbindet. Seit dem Einmarsch der Volksbefreiungsarmee in Tibet 1950 waren auch viele Tibeter nach Nepal geflohen.

Seit Nepal Teil der chinesischen Seidenstraßen ist, hat sich der Zuzug der Einwohner in dem vulnerablen Gebiet deutlich erhöht. China baute die Hauptverkehrsstraße aus und verlegte eine Hochspannungsstromleitung. 2024 veröffentlichte Peking den Plan einer Eisenbahn von Tibet über den Übergang Gyirong durch den Rasuwa-Korridor bis nach Kathmandu – genau durch das heutige Katastrophengebiet.
Lange Zeit wurde über diesen für größere Fahrzeuge schwer befahrbaren Korridor durch den Himalaja auch die Lieferung chinesischer Elektroautos nach Nepal abgewickelt, deren Nutzung die Regierung in Kathmandu aktiv beförderte, um seine wachsende Hydrostromproduktion zu kanalisieren. Denn Indien hat Stromabnehmerverträge für Wasserkraftprojekte in Nepal mit chinesischer Beteiligung blockiert.
Der Machtkampf zwischen Delhi und Peking drückt von beiden Seiten auf Nepal, dessen Regierung gleichzeitig von beiden Seiten profitieren will. Im Gegenzug, so ein AP-Bericht von Ende Dezember, rüstet die Volksrepublik nepalesische Sicherheitskräfte mit Überwachungstechnik aus, um auch dort Exil-Tibeter und Aktivisten zu überwachen, die vor dem chinesischen Sicherheitsapparat im von Peking beherrschten Tibet geflohen sind.
Neuer Blick auf Chinas Megastaudamm am Yarlung Tsangpo
In Indien – wo der große Nachbar seit der Eskalation im Grenzstreit 2020 besonders kritisch gesehen wird – meinen manche, in China den Hauptschuldigen an der jüngsten Katastrophe ausgemacht zu haben. Der chinakritische Politikwissenschaftler Brahma Chellaney sagte, dass die Sturzflut in Nepal zwar durch einen natürlichen Auslöser verursacht sei. Sie sei „jedoch durch chinesische Eingriffe in den Wasserhaushalt und den Ausbau der Infrastruktur auf der tibetischen Seite der Grenze verstärkt“ worden.
In diesem Zusammenhang lenkte Chellaney den Blick auf Chinas geplanten Superstaudamm am Yarlung Tsangpo im Himalaja, ebenfalls in einem Gletschergebiet, das rund 900 Kilometer östlich vom derzeitigen Katastrophengebiet liegt. An der Flussbiegung um den Berg Namcha Barwa hat Peking mit den Vorarbeiten zum Bau von fünf kaskadenartig angeordneten Kraftwerken begonnen, in die das Wasser des längsten Flusses der Welt umgeleitet werden soll.
Der Bau des Staudamms mit der dreifachen Stromerzeugungskapazität des Dreischluchtenstaudamms berge „neben einer bedeutenden geologischen Verwerfung außerordentliche Risiken, insbesondere für Millionen von Menschen, die flussabwärts in Indien und Bangladesch leben“, so Chellaney in der Zeitung „Nikkei“. In China wird das rund 150 Milliarden Euro schwere Megaprojekt öffentlich nicht kritisch besprochen, wenn überhaupt. „Zu sensibel“ sei das Thema, sagen Fachleute.
Viele Nepalesen fragen zudem, ob China vor der Sturzflut hätte warnen können. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge hatten nepalesische und chinesische Regierungsvertreter erst im Mai darüber gesprochen, wie die grenzübergreifende Kommunikation verbessert und die Zusammenarbeit bei der Überwachung und Bewältigung von Hochwasser sowie wetterbedingten und gletscherbedingten Gefahren verstärkt werden könnte.
Die Aktivistin Ojha sieht auch „Missverständnisse“ zwischen Nepal und China, fordert aber weitere Untersuchungen. „Sobald die nepalesische Regierung ihren offiziellen Standpunkt dargelegt hat, lässt sich die Rolle Chinas bei der verzögerten Kommunikation beurteilen“, sagt sie. Ihr zufolge wäre es „verfrüht“, irgendjemanden zu beschuldigen. Das Außenministerium in Peking wies am Montag allgemein „böswillige Spekulationen“ zurück.
Das vergleichsweise kleine Nepal kann es sich in der jetzigen Lage kaum leisten, gegen einen seiner mächtigen Nachbarn Vorwürfe zu erheben. Der Himalajastaat muss zwischen Indien und China lavieren. So hieß es zunächst, das Land werde keine Retter aus dem Ausland akzeptieren. Begründet wurde dies mit den Erfahrungen nach dem schweren Erdbeben im Jahr 2015. Damals habe der Einsatz ausländischer Rettungsteams zu Koordinierungsproblemen geführt. China, Indien und die USA, die in Nepal um Einfluss ringen, leisten ihre Hilfe auch im Rahmen ihrer geopolitischen Ambitionen. Nepal will in dieser Lage seine Souveränität bewahren.
Doch die Katastrophe hat Nepal zu schwer getroffen, um sie allein zu bewältigen. Deshalb lässt die Regierung Rettungskräfte aus China, Indien und einigen anderen Ländern, aus denen Staatsbürger vermisst werden, ins Land.
Die Aktivistin Ojha sagt, die Lage erschwere sich dadurch, dass die Interessen von Ländern mit „unterschiedlichen politischen Systemen und Entscheidungsprozessen“ betroffen sind. Für die noch junge nepalesische Regierung des ehemaligen Rappers Balendra Shah ist die Katastrophe so früh in ihrer erst im März begonnenen Amtszeit auch in dieser Hinsicht ein Test. Sie muss darüber hinaus die immense Logistik der Soforthilfe und die darauffolgenden Aufbaumaßnahmen koordinieren. Die Regierung muss dafür sorgen, dass die aus dem Ausland in Form von Spenden und Krediten eintreffenden Hilfsgelder tatsächlich bei den Betroffenen ankommen. Aktivistin Ojha warnt, dass die Regierung die Hilfe nicht im Sinne ihrer Eigeninteressen instrumentalisieren sollte.
