
Der Vorstandsvorsitzende von Siemens, Roland Busch, hat ein Ziel: Sein Technologiekonzern soll der vertrauenswürdige Technologiepartner im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz (KI) werden. Siemens soll also die Brücke schlagen zwischen realer und digitaler Welt. Das Zauberwort dazu lautet „industrielle KI“, für die sich Siemens mit seinem umfangreichen Datenschatz aus der Industrie in einer Führungsposition sieht. Blickt man auf die am Donnerstag veröffentlichten Zahlen im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2025/26 (per 30. September), kann sich Busch in seiner Ausrichtung auf die „One Tech Company“ bestätigt sehen.
Doch an der Börse zündeten die Ergebnisse nicht. Obwohl der Siemens-Vorstand die Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr anhob, verlor der Aktienkurs sechs Prozent. Der Gewinn je Aktie soll nun zwischen 11,20 und 11,50 Euro liegen nach zuvor 10,70 bis 11,10 Euro. Analysten hatten einen mutigeren Ausblick erwartet. Die meisten Wettbewewerber hätten schon stärker als erwartete Zahlen berichtet, so dass die guten Quartalsergebnisse von Siemens keine Überraschung seien, urteilte Deutsche-Bank-Analyst Gael de Bray.
Siemens habe gute Ergebnisse erzielt, aber die höhere Prognose überzeuge im Vergleich zu Wetrtbewerbern nicht, lautete die Einschätzung von Mark Fielding, Analyst von RBC Capital Markets. Wettbewerber wie der fanzösische Konzern Schneider Lectri hatten schon von einem dreistelligen Prozentwachstum im Geschäft mit Rechnenzentren berichtet. Analysten wie zum Beispiel Jürgen Molnar von RoboMarkets nannten Gewinnmitnahmen als wesentliche Ursache für die Kursverluste.
Siemens verzeichnete in den drei Monaten zwischen April und Ende Juni den höchsten Auftragseingang, der jemals in einem Quartal erzielt wurde. Dieser stieg auf vergleichbarer Basis um 14 Prozent auf 27,9 Milliarden Euro. Der Auftragsbestand erreichte Ende Juni 132 Milliarden Euro, was ebenfalls einen Rekordwert darstellt. Vor allem das Geschäft mit KI-Rechenzentren läuft auf Hochtouren. „Wir sehen hier erneut ein dreistelliges Auftragswachstum gegenüber dem Vorjahresquartal“, sagte Busch am Donnerstag in der Telefonkonferenz gegenüber Journalisten.
„Klarheit bis weit in das Jahr 2027“
Industrielle KI wird seinen Worten real und treibt das Wachstum bei Infrastruktur von Rechenzentren und für Rechenleistung weiter an. Er erwartet auch im kommenden Geschäftsjahr von Rechenzentren eine lebhafte Nachfrage. In den ersten neun Monaten lag das Auftragsvolumen bei fast sechs Milliarden Euro. Das entspricht einem prozentual dreistelligen Plus zum Vorjahreszeitraum. Der Umsatz stieg um mehr als die Hälfte auf rund drei Milliarden Euro. Busch verwies auf den Auftragsbestand und bestehende Vereinbarungen, die seinen Worten zufolge „Klarheit bis weit in das Jahr 2027 und darüber hinaus“ geben. Er sprach von einer gesunden Pipeline.
Von dem Geschäft mit Rechenzentren profitiert vor allem die Sparte Smart Infrastructure, für die seit dem 1. Juli Peter Körte im Vorstand verantwortlich zeichnet. Die für Elektrifizierung und Gebäudetechnik zuständige Einheit erzielte im dritten Quartal einen Auftragseingang, der im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 42 Prozent höher ausfiel und erstmals die Marke von acht Milliarden Euro erreichte. Der Umsatz stieg um 13 Prozent auf 6,4 Milliarden Euro und das Spartenergebnis um 19 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro.
Die andere, von Cedric Neike geleitete Kernsparte Digital Industries kommt nach den Rückschlägen im vergangenen Jahr in China wieder besser in Schwung. Im Geschäft mit Industrieautomatisierung und -software legte der Auftragseingang um neun Prozent auf 4,9 Milliarden Euro zu und der Umsatz um zehn Prozent auf 4,9 Milliarden Euro. Das Softwaregeschäft wuchs um 15 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro. Der Spartengewinn sprang um 44 Prozent auf 923 Millionen Euro nach oben. Nach Angaben von Busch befindet sich Digital Industries „auf einem gesunden Wachstumspfad“.
Zeitplan für Healthineers-Abspaltung steht
Das Marktumfeld in Branchen wie Elektronik, Halbleiter sowie Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung habe sich sehr positiv ausgewirkt. Zudem profitiere auch Digital Industries vom Ausbau der KI-Infrastruktur. Die Zugtechnikspare (Mobility) schaffte mit einem Auftragseingang von 7,6 Milliarden Euro abermals ein hohes Niveau. Der Umsatz erhöhte sich um sechs Prozent auf 3,2 Milliarden Euro, während das Ergenis um zwei Prozent auf 280 Millionen Euro fiel. Der Auftragsbestand von Mobility beläuft sich auf 58 Milliarden Euro
Fortschritte konnten Busch und die im Vorstand für Finanzen zuständige Veronika Bienert in der Abspaltung der Medizintechnikeinheit Siemens Healthineers melden. „Erwartungsgemäß konnten wir zwischenzeitlich die relevanten steuerlichen Themen mit den Finanzbehörden verbindlich klären, um mit der Abspaltung von Siemens Healthineers planmäßig fortzufahren“, berichtete Bienert. Sie bestätigte den Zeitplan für die Einholung der Zustimmung der Aktionäre auf den Hauptversammlungen beider Unternehmen im Februar 2027.
Siemens will 30 Prozent an Healthineers den Aktionären zukommen lassen und die Beteiligung von derzeit 67 Prozent mittelfristig auf eine Finanzbeteiligung von 20 Prozent reduzieren. Doch die Abspaltung einer an der Börse notierten Gesellschaft ist Neuland und hat daher komplexe Fragestellungen hervorgerufen, die nun offenbar geklärt wurden. Im Vorstand kommt es zu einer neuen Aufgabenverteilung zwischen Körte und Neike. Körte wird künftig neben Smart Infrastructure weiterhin für Strategie zuständig sein, Neike erhält von ihm die Verantwortung für Technologie. Das beschloss der Aufsichtsrat in seiner Sitzung am Mittwoch.
Das KI-Thema soll aber bei Körte bleiben, während Neike zusätzlich spartenübergreifend die Vertriebsstrategie lenken wird. Dies wird in einer neuen Einheit „Foundation Sales“ gebündelt. Körte und Neike gelten als mögliche Nachfolger von Busch, wenn dessen Vertrag 2030 ausläuft. Für den Vorstandsvorsitzenden hat die „One Tech Company“ gegenwärtig Priorität. Damit soll der Konzern schneller bei Innovationen werden und den Kundennutzen steigern.
