Vergangene Woche erschien in der „New York Times“ ein Artikel, der nichts Geringeres als ein mögliches Rezept für eine glückliche Ehe versprach. Der Text handelte von einer Frau namens Laura Doyle, die nach einer Beziehungskrise zum Glück gefunden und daraufhin den 1999 erschienenen Bestseller „The Surrendered Wife“ (als „Einfach schlau sein, einfach Frau sein“ bei Goldmann erschienen) geschrieben hatte. Darin rät sie Frauen, die unzufrieden mit ihrer Partnerschaft sind, sich ihrem Mann unterzuordnen: „bossy“ Kommentare runterzuschlucken, Kontrolle (auch über die eigenen Finanzen) abzugeben, jederzeit bereit für Sex zu sein. Danach, so das Versprechen, sei der Ehemann ein anderer. Das funktioniere oft auch dann, erklärt Doyle in dem Artikel, wenn die Männer gewalttätig seien oder ein Suchtproblem hätten.
Doyles Ansatz war schon 1999 nicht neu. In den Siebzigerjahren war als eine Art Antwort auf die Frauenbewegung ein Bestseller mit vergleichbarer Entstehungsgeschichte erschienen. In „Die totale Frau: Das Handbuch zum Frau-Sein“ rät die vorher ebenfalls unglückliche Autorin Marabel Morgan ihren Leserinnen: „Eine totale Frau kommt allen Spezialwünschen ihres Mannes nach, ob es sich nun um Salat handelt, um Sex oder Sport.“
Wer Tipps dieser Art sucht, findet sie also. Die Frage ist nur: Warum widmet die „New York Times“ sich plötzlich einem über zwanzig Jahre alten Buch? Weil, so schreibt die Autorin Vivian Yee, Doyles Ratgeber zum Kanon jenes Teils der amerikanischen Rechten gehöre, der glaube, „dass mit dem Feminismus das ganze Unheil angefangen hat“.
Sollten Frauen die Klappe halten?
Yees Text erschien nicht im Kommentarbereich der Zeitung und gibt dementsprechend vor, der Frage, warum Doyle einen solchen Erfolg hat, ergebnisoffen auf den Grund zu gehen. Das Resultat liest sich jedoch nicht so. Lee ist keine neutrale Reporterin, sie bringt sich selbst und ihre Beziehungen in den Text ein („War ich härter zu meinem Ex-Freund, als ich hätte sein sollen? Vielleicht. Wahrscheinlich.“). Sie schreibt, dass es schwer sei, sich nicht mit den Frauen, die Doyles Rat folgen, über ihr Eheglück zu freuen, obwohl sie über manche von ihnen staune: Eine Frau, so wird berichtet, habe ihrem Mann die Finanzen übertragen und Privatinsolvenz angemeldet. Beschweren wolle sie sich nicht, das würde die Beziehung gefährden.
Frauen, für die Doyles Ansatz nicht funktioniert hat, werden im Text zwar erwähnt, befragt werden sie aber nicht. Dabei wäre deren Perspektive ja durchaus interessant gewesen. So entsteht der Eindruck, die meisten Ehen könnten gerettet werden, wenn Frauen, salopp gesagt, endlich mal die Klappe hielten. Beziehungsschwierigkeiten, möglicherweise auch Gefahren, werden hier nicht geleugnet, man versucht vielmehr sie durch Unterwürfigkeit im Zaum zu halten. Die Beispiele im Text kulminieren in der Geschichte einer Feministin, die trotz all ihrer Zweifel bekehrt wurde und mit ihrem Mann, der sie vorher heimlich gefilmt hatte, zusammenbleibt. Nicht das Verhalten ihres Mannes war also das Problem, sondern ihre Kritik an ihm. Wenig überraschend, dass Doyle mit der Werbung für ihren Ansatz zufrieden ist: Auf Instagram ist sie außer sich vor Freude, von der „New York Times“ als eine „Hetero-Optimistin“ bezeichnet worden zu sein.
Dass es Frauen wie Doyle gibt und man über sie berichten kann, ist nicht die Frage. Das Problem ist, dass der Text ohne jegliche empirische Evidenz, ohne Hinweis auf die zahlreichen Frauen, die unter anderem aus finanzieller Abhängigkeit in gewaltsamen Ehen feststecken, in Ko-Abhängigkeit mit Suchtkranken leben, suggeriert, hier werde eine mögliche Lösung für jegliches Beziehungsproblem geboten. Das ist nicht nur journalistisch fragwürdig.
Die Folgen der sexuellen Revolution
Man kann den Text als Symptom für eine Verschiebung des öffentlichen Diskurses lesen. Das, womit die politische Rechte und extreme Strömungen in den sozialen Medien, etwa die Manosphere, begonnen haben, wird nun in der „New York Times“ für die liberale bürgerliche Mitte ausgetragen: die Frage, ob der Feminismus in seiner derzeitigen Form nicht zu weit gegangen ist, ob wir ohne ihn nicht vielleicht mehr Frieden in Beziehungen und Gesellschaft hätten.

Eine andere Frau, die diese Haltung vertritt, ist die britische Journalistin Louise Perry. Perry, die vor einem Monat im „New York Times“-Podcast „Interesting Times“ zu Gast war und vor einigen Jahren mit ihrem Buch „The Case against the Sexual Revolution“ im englischsprachigen Raum bekannt wurde, wird oft als „reaktionäre Feministin“ bezeichnet und spricht sich für eine neue Enthaltsamkeit aus.
Die sexuelle Revolution, so ihre These, habe Frauen zahlreiche Nachteile gebracht. Wie Doyle glaubt auch sie an fundamentale Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Männer, die laut Perry qua Natur und Hormonspiegel eher zu ungebundenem Sex, auch zum Übergriff neigen, müssten sorgfältig geprüft werden. Um sich vor Vergewaltigung zu schützen, rät sie Frauen deshalb, so zu tun, als gebe es Verhütung nur in der Ehe, sich also mit Männern, mit denen man keine Kinder haben möchte, gar nicht erst einzulassen. Eine absurde Idee, die einerseits so tut, als würden Frauen, die ungebundenen Sex haben, ihre Vergewaltigung wissentlich riskieren, und ausblendet, dass Vergewaltigung natürlich auch in der Ehe stattfindet.
Können gleichberechtigte Beziehungen funktionieren?
Das Interessante an diesen beiden Positionen ist, dass das Männer- und Menschenbild, das ihnen zugrunde liegt, oft gar nicht weit entfernt von dem einer anderen Gruppe ist, die man mit Frauen wie Doyle und Perry normalerweise nicht in einen Topf werfen würde. In den sozialen Medien erklärten in den vergangenen Monaten sogenannte „Heterofatalistinnen“, meist junge Frauen, auf heterosexuelle Beziehungen zu verzichten, weil sie den Glauben an ihr Gelingen verloren hätten. Traditionelle Medien griffen das Thema auf, in der „Vogue“ fragte die Autorin Chanté Joseph in einem viel diskutierten Artikel: „Ist es peinlich, einen Freund zu haben?“
Abgesehen davon, dass man sich fragen kann, wie tief solche Internetphänomene in der Offlinerealität tatsächlich schon verankert und bis zu welchem Grad durch die Berichterstattung aufgebauscht sind, kreieren sie eine Stimmung: die einer zunehmenden Entfremdung von Männern und Frauen. Für diese Entfremdung werden meist linke Feministinnen verantwortlich gemacht. Schaut man jedoch genauer hin, so ist die konservative Beziehungsvision, die Frauen wie Doyle oder Perry verbreiten, gar nicht so viel hoffnungsfroher.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Zwar treten die beiden (und all jene, für die sie stehen) vehement für die Institution Ehe ein und wenden sich nicht gegen die Männer. Doch auch für sie scheint eine Beziehung auf Augenhöhe (Doyle) oder die sexuelle Selbstbestimmung der Frau (Perry) zum Scheitern verurteilt. Die Hoffnung auf eine gemeinsame, gleichberechtigte Existenz beider Geschlechter haben sie, genau wie die Heterofatalistinnen, offenbar aufgegeben. Und so müssen eben wieder die Frauen, wenn sie denn in Frieden leben wollen, auf irgendetwas verzichten: ungebundenen Sex, finanzielle Unabhängigkeit, eine Beziehung – je nachdem, welchem Modell man nun folgt. Die Privilegien, die man sich nach dem Doyle-Modell mit diesem Verhalten erkauft, sind übersichtlich: Gern spricht die Autorin auch auf ihrem Instagramkanal davon, wie sie von ihrem Mann wie eine „Prinzessin“ oder „Königin“ behandelt wird, weil er die Spülmaschine ausräumt und ihr auch mal einen Kuss gibt.
Ein positives Männerbild sieht anders aus
Eine gleichberechtigte Partnerschaft, in der keiner der beiden ständig am anderen herumkrittelt, in der beide sich aus einer Position der Sicherheit und Unabhängigkeit heraus immer wieder frei füreinander entscheiden, eine Welt, in der es Männer gibt, die so etwas aushalten können, ja sogar wollen, kommt in diesen Visionen nicht vor.
Wenn man überhaupt in stereotypen Geschlechterkategorien denken möchte, könnte man sich durchaus fragen: Wie stark ist ein Mann, der die Kritik seiner Frau nicht ertragen, ihr überhaupt nichts entgegensetzen kann? Ein Mann, den man durch unterwürfiges Verhalten manipulieren muss? Wie positiv ist eine Männervision, in der hinter jeder Liebschaft die Gefahr des Übergriffs lauert? Der Mann als wahlweise trotziges Kleinkind oder Triebtäter – sieht so wirklich Hetero-Optimismus aus?
Im Vergleich zu den konservativeren Ansätzen von Doyle und Perry wollen Heterofatalistinnen die weibliche Autonomie schützen, ihnen keine von den Freiheiten nehmen, die sie sich erkämpft haben. Doch eine Gemeinsamkeit beider Bewegungen ist, dass sowohl die Konservativen als auch diejenigen, die auf Beziehungen ganz verzichten, das strukturelle Problem der Ungleichbehandlung von Männern und Frauen auf eine private Ebene verschieben. Politische Gleichstellungsbestrebungen sind so nicht mehr nötig. Gleichzeitig sind die Beziehungserzählungen, die hier angeboten werden, bedrückend schematisch.
Wer sagt, dass gleichberechtigte Beziehungen nicht funktionieren, weil Frauen so und Männer so sind, unterschlägt, dass es hier nicht nur um Gruppen, sondern auch um Individuen geht. Aber ist man statt „Prinzessin“ nicht lieber Partnerin, die sagen darf, was sie denkt? Wofür möchte man geliebt werden, wenn nicht für die, die man ist?
Wer glaubt, dass Gleichberechtigung und Respekt mit Beziehungsleben und Liebe nicht vereinbar sind, und als Lösung nur weibliche Unterwerfung, Verzicht oder Rückzug zu bieten hat, offenbart einen deprimierenden Mangel an positiven Visionen. Sicher kann man angesichts des Verhältnisses von Männern und Frauen mitunter verzweifeln. Der Weg zur Gleichberechtigung ist anstrengend, Beziehungen sind es mitunter ebenfalls. Missverständnisse, Aushandlungsprozesse, Unsicherheiten und Streite gehören dazu, Gewalt und Unterdrückung nicht. Diese Realität lässt sich vielleicht nicht auf einfache, gut vermarktbare Phrasen herunterbrechen. Doch so gesehen sind Menschen, die trotzdem an ein gleichberechtigtes Miteinander glauben, die wahren Optimisten.
