Was schreibt man jemandem, in dessen Land manche die Poesie für ein Verbrechen halten? Wie spricht man mit jemandem, der aus seinem Fenster sieht, wie Panzer vorbeirollen und Taliban die Stadt einnehmen, während man selbst vom Fernseher aus zuschaut, vielleicht guckt man auch gar nicht mehr hin? Was fragt man jemanden, der sagt, »meine Welt ist Jahrhunderte von deiner Welt entfernt«?
Bei einigen Büchern wundert man sich, dass darin überhaupt etwas steht: weil das Schreiben manchmal so unmöglich, so anmaßend scheint. Ein solches Buch haben Annika Reich und Mirjam Wittig herausgegeben, unter dem Titel Wenn ich deine Worte lese, finde ich den Weg zurück nach Hause. Es versammelt Briefwechsel zwischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, ukrainischen und iranischen, deutschen und afghanischen, italienischen und syrischen, sie schreiben aus Kabul oder Düsseldorf, Wanne-Eickel oder Stockholm. Sie leben im Krieg, im Exil, im Frieden, in Unterdrückung, in einer Demokratie, sie kennen sich nicht, oft teilen sie nicht mal eine Sprache. Manche sind hierzulande längst bekannt – Judith Hermann, Daniela Dröscher, Mithu Sanyal –, andere behalten ihren echten Namen für sich, weil sie sonst in Gefahr geraten. Hat man sich also überhaupt etwas zu sagen?
