Es ist nicht bekannt, welche Gedanken der Auftritt Frankreichs gegen Paraguay bei den Angehörigen der gedemütigt von der Fußball-Weltmeisterschaft abgereisten deutschen Nationalmannschaft ausgelöst hat. Mutmaßlich wird jedoch mancher zumindest einen Hauch von Erleichterung verspürt haben, denn Frankreich, das beeindruckendste Team des bisherigen Turniers, hatte tatsächlich ähnlich viel Mühe mit diesem Gegner.
Spätestens beim überschwänglichen Jubel der französischen Spieler nach dem knappen 1:0-Sieg und vollbrachten Viertelfinaleinzug wurde sichtbar, wie groß die Erleichterung war. „Ich glaube, es war wichtig für uns, so eine Partie zu erleben und zu sehen, wie wir damit umgehen. Denn wir haben gezeigt, dass wir nicht nur offensiven Fußball spielen können“, sagte Kylian Mbappé, der per Elfmeter das Tor des Tages erzielt hatte (70. Minute).
Den Franzosen gelang erstmals in diesem Turnier kein Tor aus dem Spiel heraus. Sie brauchten einen vom Videoassistenten (VAR) erwirkten Elfmeter, um das Duell mit dem Bezwinger der Deutschen zu überstehen. In vielen Phasen hatte das Anrennen des Teams Ähnlichkeiten mit dem vergeblichen Bemühen der Deutschen gegen diesen Gegner, was Trainer Didier Deschamps im Rückblick sogar ganz gut gefiel: „Das ist ein großartiger Meilenstein. Spiele gegen südamerikanische Mannschaften sind immer knifflig und ich bin sehr zufrieden mit dem, was die Mannschaft an diesem Abend erreicht hat.“
Manchmal liegen emotional Welten zwischen Fußballspielen, die viele Ähnlichkeiten haben. Ein Tor, ein Elfmeterpfiff, ein glücklicher Moment, und schon wird aus einem Desaster ein Ergebnis, dessen Wert den bloßen Schritt in die nächste Runde sogar übersteigt.
„Deutschland hat auf die Provokationen reagiert, wir nicht“
Paraguay war historisch schon einmal eine sehr große und schwere Hürde für die Équipe Tricolore auf dem Weg zu einem WM-Titel gewesen: Im Achtelfinale 1998, als Laurent Blanc in der Verlängerung der 1:0-Siegtreffer gelang. Der heutige Trainer Deschamps stand damals mit auf dem Platz, nun hob er mit all seiner WM-Erfahrung nicht die spielerischen Probleme, sondern den Umgang seines Teams mit diesen hervor: „Ich habe eine geschlossene Mannschaft mit einer hervorragenden Einstellung. Wir hatten mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen – wie viele andere Teams auch –, aber wir haben das Nötige getan.“
Wobei Deschamps schon einen Unterschied zum Auftritt seiner Spieler im Vergleich zur unterlegenen DFB-Elf benannte: „Deutschland hat auf die Provokationen reagiert, wir nicht.“ Die Paraguayer hatten sich viele kleine, mitunter gemeine Fouls erlaubt, der Schiedsrichter ließ vieles durchgehen. Absurderweise sahen die Franzosen drei Gelbe Karten, während kein Paraguayer verwarnt wurde.
Das war nicht zuletzt im Hinblick auf drohende Sperren ärgerlich, aber am Ende hatten die Franzosen dieses kostbare Erlebnis, einen Tag der Widrigkeiten überstanden zu haben: Hitze, einen starken und unangenehmen Gegner, Provokationen, Nickeligkeiten und einen merkwürdigen Unparteiischen.

„Wenn wir unsere Hände in die Scheiße stecken müssen, werden wir unsere Hände in die Scheiße stecken. Sie dachten, dass wir kommen würden, um im Smoking zu spielen, dass wir nur kommen würden, um schöne Aktionen und Eins-Zwei zu machen“, sagte Mbappé. Aber: „Wir können auch dreckig spielen.“ Deschamps ergänzte: „Paraguay wendete alle Tricks an. Es ist vielleicht nicht die Art von Fußball, die die Massen ins Stadion lockt, es war ein aggressives Spiel.“
Zugleich enthält dieser Auftritt aber noch ein paar Elemente, die Trainer Deschamps Sorgen und den kommenden Gegnern Mut machen können. Der Rest der Welt, der bisher voller Ehrfurcht auf dieses Frankreich blickte, konnte nun sehen, dass auch das Ensemble um die Offensivkünstler Mbappé, Michael Olise und Ousmane Dembélé effizient verteidigt werden kann.
Genau wie die deutsche Mannschaft hatten auch die Franzosen allergrößte Mühe, bis in Abschlusspositionen hinein zu kombinieren. Dembélé hatte keinen guten Tag und spielte ungewohnt viele Fehlpässe. Mbappé fand kaum Räume für seine Sprints und die Dribbel- und Passwege, die Olise braucht, waren geschickt zugestellt.
Der Auftritt Paraguays kann als Blaupause für die Mannschaften gelten, die sich in den kommenden Runden Defensivstrategien gegen Frankreich überlegen müssen. Zumal ein Mittel für solche Spiele nicht zu den Stärken des Weltmeisters von 2018 zählt: Die insgesamt zwölf Ecken, die er ausführen durfte, blieben bemerkenswert harmlos. Zu Chancen kam Frankreich bis in die Schlussphase eigentlich nur durch Fernschüsse, und es wäre hoch spannend gewesen, wie der Favorit reagiert hätte, wenn Paraguay wie gegen Deutschland in Führung gegangen wäre.
Wären dann auch die Franzosen von dieser lähmenden Angst vor der Blamage erfasst worden, die Deutschland beim Turnier-Aus lähmte? Hat Frankreich vielleicht doch eine mentale Schwäche? Die Südamerikaner wehrten sich nicht nur mit großer Energie, sondern auch mit allen Mitteln. Viele Zweikämpfe waren hart, einige Aktionen nahe an der Grenze zur Tätlichkeit oder womöglich sogar darüber hinaus.
Vor dem entscheidenden Elfmeter führten die paraguayischen Spieler nicht nur lange Diskussionen, einer zertrat auch noch den Elfmeterpunkt. Die bemerkenswerte Besonnenheit, mit der die Franzosen auf diese Aktionen reagierten, deutet nicht nur auf eine große Leidensfähigkeit, sondern auch auf Charakterstärke hin.
Dieses Spiel war eine hochkomplexe Herausforderung für den Titelaspiranten, denn jenseits der Härte verteidigte dieser Gegner eben auch mit großem Geschick. Vor dem Elfmetertor gelang den Franzosen kein einziger Spielzug, der zu einer klaren Chance führte. Die nach vier Spielen und vier Siegen übermächtig wirkenden Franzosen sind also auch verletzlich, was das nun anstehende Viertelfinale mit Marokko noch ein Stück attraktiver macht.
