Stoptime, das sind die 19-jährige Diana Loginova (Künstlername Naoko) und der 22-jährige Alexander Orlov – ein Musikerduo aus St. Petersburg, das mit seinen Straßenkonzerten im Oktober 2025 Tausende Menschen bewegte, dabei jedoch die verhängnisvolle Aufmerksamkeit russischer Behörden auf sich zog und Russland schließlich verlassen musste.
Diana Loginova, Alexander Orlov – Sie sind auf der Straße in St. Petersburg aufgetreten. Das ist eine Entscheidung, die sich nicht von selbst ergibt: Man macht sich damit sichtbar, setzt sich dem Publikum aus, weiß nicht, wer zuhört. Was hat Sie dazu bewogen?
Diana Loginova: Wir hatten von Anfang an ein Repertoire, das uns beiden vertraut war. Wir wollten einfach das spielen, was wir selbst hören – und nicht das, was Passanten von uns erwarteten.
Auf Ihren Setlists standen auch Lieder von Künstlern, die in Russland als sogenannte „ausländische Agenten“ eingestuft sind. Das ist keine Kleinigkeit. Wie haben die Menschen reagiert?
Loginova: Den Menschen war es eigentlich egal. Niemand kam zu uns und sagte, dieses Lied sei von verbotenen Künstlern. Die Menschen verstanden, dass das Musik ist, die sie früher gehört haben, und dass es gute Musik ist. Es gab kaum wirkliche Beschwerden. Nur vielleicht ein oder zwei Mal kamen leicht angetrunkene Männer in Militäruniform – aber es gelang uns, sanft zu sagen: Lasst uns unserem Beruf nachgehen.

Irgendwann waren Sie plötzlich nicht mehr nur ein Straßenmusikerduo, sondern ein Fall für die Behörden.
Loginova: Das begann nach einem Auftritt gegenüber der Kasaner Kathedrale und der Denunziation des Duma-Abgeordneten Michail Romanow und der Journalistin Maria Achmedova, die das über Telegram-Kanäle verbreiteten. Dann wurde an den Haaren herbeigezogen, was fürs Protokoll nötig war. Man beschloss, unsere Auftritte mit Kundgebungen gleichzusetzen.
Alexander Orlov: Ich denke, das begann etwas früher – mit einer Veröffentlichung im „Atlantic“ und der „Nezavisimaja Gazeta“. Von diesem Moment an wurden die Behörden auf uns aufmerksam. Auftritte als Kundgebungen zu bezeichnen, ist sehr schwer zu rechtfertigen. Man könnte Studententreffen von Erstsemestern, die am 1. September durch die Stadt spazieren, mit demselben Erfolg als Aufmärsche bezeichnen. In Petersburg versammeln sich um jeden Musiker mit Schlagzeug riesige Menschenmengen – das ist einfach Petersburger Kultur.
Betrachten Sie sich als Repräsentanten einer jungen Generation in Russland, die anders denkt, andere Vorstellungen hat?
Loginova: Die Jugend versucht heute nicht zu sagen, was sie wirklich denkt – weil es sehr viele Bedrohungen gibt. Viele fürchten nicht nur um ihr eigenes Leben, sondern um das ihrer Eltern, die zur Verantwortung gezogen werden können. Wir haben auf unsere Lieder viele Reaktionen bekommen. Hätte man uns nicht den Mund gestopft, wären das sicher noch viel mehr geworden.
Was hat sich in Russland nach dem 24. Februar 2022 verändert – ganz konkret, im Alltag, in den Schulen?
Orlov: Für Ältere, die bei Kriegsbeginn schon über 18 waren, hat sich an der Universität kaum etwas verändert – ein paar Plakate mehr, das lief irgendwie parallel. Für Schüler hingegen wurde sehr viel Zensur eingeführt. In der 10. Klasse konnten wir noch gemeinsam Musikvideos schauen und diskutieren. Ich denke, seit 2022 findet das nur noch mit einer unbewussten Angst statt.
Loginova: Als ich in der 7. Klasse war, führten sie die „Gespräche über Wichtiges“ ein. Was die Jüngeren betrifft, mache ich mir wirklich Sorgen. Älteren Schülern lässt sich das schwerer einimpfen – kleinen Kindern sehr leicht, erst recht, wenn die Eltern es unterstützen. In manchen Schulen gibt es sogar für Grundschüler Militärübungen, sie müssen Militäruniformen anziehen – an gewöhnlichen Schultagen. Wie bei Huxley in der „Schönen Neuen Welt“. Oder wie in Orwells „1984“, wo Kinder ihre Eltern denunzieren – das ist keine Fiktion mehr. Eltern müssen ihren Kindern erklären, dass das, was in der Schule gesagt wurde, nicht wahr ist. Natürlich ohne es laut zu sagen. Man muss es zumindest selbst erkennen, bevor es zu spät ist.
Gibt es für Sie als junge Russinnen und Russen so etwas wie eine kollektive Schuld für das, was gerade in der Ukraine geschieht?
Loginova: Kollektive Verantwortung ist ein Mythos – sie existiert nicht. Man muss einfach ehrlich mit sich selbst sein. Für mich drückte sich meine Haltung in unseren Auftritten aus. Für andere vielleicht im stillen Widerspruch. Das ist auch eine Art Protest. In Russland bedeutet es heute bereits etwas, wenn man sich weigert, sich klar für die Sonderoperation auszusprechen. Das allein ist schon eine Haltung. In Belarus gingen wirklich alle auf die Straße – Lehrer, die nicht Teil des Systems sein wollten, kündigten. Und trotzdem wurde es unterdrückt. Einzelne Positionen bringen Menschen in Russland heute sehr oft Verhaftung, Folter, manchmal den Tod. Man muss sich zusammenschließen. Man muss eine riesige Stoßwelle sein, um diese festgefahrene Macht wegzufegen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Sie wurden selbst verhaftet. Wie lief das ab?
Loginova: Um sechs Uhr morgens kamen sie in die Wohnung der Freundin, bei der ich übernachtet hatte. Dann ein kurzes Verhör, etwa zwei Stunden. Danach wurde ich in eine Zelle gesperrt und wartete auf das Gericht.
Orlov: Ich kam freiwillig. Ich bat sogar darum, mich an ihrer Stelle einzusperren.
Loginova: Das war sehr rührend. Wir haben unsere Handlungen damals nicht als etwas Ungewöhnliches betrachtet. Es war einfach das, was in dem Moment angemessen schien.
Und dann haben Sie Russland verlassen.
Loginova: Nachdem man uns freigelassen hatte, sagten wir, wir fahren für ein paar Wochen in den Urlaub. Und kehrten nicht zurück. Das war alles.

Sie machen weiter Musik – trotz allem. Was treibt Sie an, was gibt Ihnen Energie?
Loginova: Sehr inspirierend ist russische Poesie: Brodsky, Achmatova, Mandelstam, Tsvetaeva. Und Literatur, Filme. Musikalisch versuche ich, nicht auf die Kompositionen anderer zu blicken – ich lasse mich eher durch andere Kunstformen inspirieren.
Orlov: Mich inspiriert die Straße – das, was um einen herum ist. Was siehst du vor dir? Das ist meine Hauptinspirationsquelle: die Umgebung.
Ihr neues Album handelt größtenteils von Liebe. Kann Liebe wirklich retten – ein Land, eine Gesellschaft?
Loginova: Es geht um Liebe, Hoffnung und die Verbindung zu unseren Hörern, unseren Lieben, die in Russland geblieben sind. Um diesen Faden, den man nicht zerreißen kann. Liebe rettet immer. Wenn in einem Lied keine Liebe ist, dann ist es kein echtes Lied – nicht unbedingt romantisch, nicht unbedingt freundschaftlich. Es ist das, was Menschen verbindet. Und Lieder sollen Menschen verbinden.
Aber Liebe klingt bei Ihnen selten unbeschwert. Diese Vieldeutigkeit zeigt sich schon im Titel „Zhara“: Das Lied klingt wie ein Kriegslied: Von unerträglicher Hitze ist die Rede, vom Geruch fremder Haut, vom Rattern unter Kopfhörern und von einer Person, die unerreichbar fern ist.
Loginova: Es wurde geschrieben, als Alexander sehr weit und sehr lange wegfuhr und ich auf ihn im Sommer wartete – vor der Verhaftung. Für mich war es ohne ihn schwer. Aber das zeigt genau, was das neue Album ausmacht: Kein Lied hat nur eine Bedeutung. Ich schreibe die Texte mit fünf, sechs Bedeutungen gleichzeitig. Jeder hört etwas anderes darin – manchmal völlig Verschiedenes.
Orlov: Wir bekamen neulich eine Rezension – bei dem Lied, das wir für harmlos hielten, sagte der Rezensent: ‚Das finde ich problematisch.‘ Und bei denen, die wir selbst als heikel eingeschätzt hatten, sah er nichts. So subjektiv ist das alles.
Auf dem neuen Album wird ein Lied auf Ukrainisch sein – „Serdze”, Herz. Das ist angesichts der aktuellen Lage eine mutige Entscheidung.
Loginova: Wir hatten große Angst davor. Aber alle, die es bisher gehört haben, nahmen es mit Dankbarkeit an. Niemand hat es als Provokation aufgefasst. Es ist mein Ausdruck des Respekts vor ihrer Sprache, ihrem Volk. Ich verstehe den Zorn, ich verstehe den Hass – er ist berechtigt. Wir wollen keine Feinde sein. Es gibt anständige russische Menschen, die dem Regime widerstehen – einem Regime, das nicht nur das ukrainische Volk tötet, sondern mittlerweile auch das russische Volk moralisch und physisch zerstört.
Glauben Sie, dass Musik Meinungen verändern kann?
Loginova: Musik hat sich immer mit Politik und dem bürgerlichen Leben beschäftigt – das ist nicht neu. Das ist Puschkin, Viktor Tsoi, Rachmaninow. Kunst ist ein Wegweiser. Man muss selbst entscheiden – aber Kunst öffnet die Tür.
Orlov: Der Hintergrund der Menschen spielt mit hinein. Was jemand erlebt hat, prägt, wie er Musik hört.

Dass es auch anders – und viel härter – enden kann, zeigt das Schicksal zweier junger russischer Musiker., die am 31. Oktober 2022 in Chita verhaftet wurden. Lyuba Lizzunowa (damals 16) und Alexander Sneschkow (19) wurden zusammen mit zwei Bekannten abends beim Sprayen des Graffitos „Tod dem Regime“ in einem Garagenviertel festgenommen.
Loginova: Zwei junge Musiker einer Rockband – sie am Schlagzeug, er Sänger – wurden wegen angeblicher Extremismus- und Terrorvorwürfe verurteilt. Sascha erhielt viereinhalb, Ljuba dreieinhalb Jahre Haft. Ljuba war bei der Festnahme erst sechzehn, Sascha neunzehn. Das Gericht behauptete, sie hätten bereits 2019 eine terroristische Organisation gegründet.
Orlov: Der Unterschied zu uns: Wir konnten gehen. Sie nicht.
Sie engagieren sich inzwischen auch für andere.
Loginova: Wir kooperieren mit einer Stiftung für inhaftierte politische Gefangene, vor allem Jugendliche.
Verhaftung, Isolationshaft, Emigration – wie gehen Sie heute mit dem Erlebten um?
Loginova: Heute erinnern wir uns daran als an etwas, das wir durchlebt haben. Ich fühle keinen Schmerz mehr, keine Angst. Am Anfang war es anders – lange gab es Rückschläge, sehr viele Ängste. Aber jetzt versuchen wir, uns im neuen Leben einzuleben und weiterzumachen.
Die deutsche Jugend diskutiert gerade sehr intensiv über Wehrpflicht. Viele haben Angst. Was würden Sie ihr sagen – aus Ihrer Perspektive, aus Ihrer Erfahrung?
Orlov: Die Armee wurde von Politikern erfunden. Nur Politiker können sie abschaffen. Deshalb: aktiv bürgerlich tätig sein, gegen Mobilisierung eintreten. Das Volk hat das Recht darauf. Und wer verstehen will, was das wirklich bedeutet, sollte mit den russischen Deserteuren sprechen, die 2022 nach Deutschland kamen – Menschen, die illegal die Grenze überquert haben, weil sie nicht töten wollten. Ihre Geschichten sagen mehr als jede Statistik.
Loginova: Es hat uns hier wirklich überrascht, dass man Kundgebungen abhalten und dafür eine Genehmigung bekommen kann – dass das normal ist. In Russland kann man nicht zu einer freien Kundgebung gehen, man kann seine Meinung nicht offen sagen, wenn sie nicht der Staatsmeinung entspricht. Solange das hier möglich ist, muss man es nutzen – nicht irgendwann, sondern jetzt. Das ist kein Selbstverständnis. Das ist ein Privileg.
Orlov: Es macht immer Sinn, sich zu widersetzen.
Loginova: Und für die Freiheit zu kämpfen. Nichts ist wertvoller als das eigene Leben.
Stoptime veröffentlichen ihr neues Album „Ins Nirgendwo aus dem Nichts“ (Formanta) am 26. Juni.
