Über die Frage, ob Israel in Gaza einen Völkermord begangen hat, wird der Internationale Gerichtshof in den nächsten Jahren urteilen. Die Debatte wird auch nach dem Urteil nicht enden, weil das Gericht weder die Zeit noch die Ressourcen hat, die strittigen Punkte einzeln zu untersuchen. Für Omer Bartov steht das Urteil indessen schon fest. Der an der amerikanischen Brown Universität lehrende Historiker war einer der ersten wissenschaftlichen Experten, die den Krieg als Völkermord bezeichneten. In der „New York Times“ schrieb er 2025, als Genozidforscher erkenne er einen Völkermord, wenn er ihn sehe. Von dieser Gewissheit ist sein neues Buch getragen, das einen Ausweg aus der Katastrophe im Nahen Osten sucht.
Nun ist mit bloßem Auge nicht zu erkennen, ob unter einem bombardierten Krankenhaus eine Kommandozentrale der Hamas versteckt war oder ob ein getötetes Kind von der Terrorgruppe als Soldat in den Tod geschickt wurde. Zu sehen ist nur das ungeheure Ausmaß der Zerstörung. Die Vereinten Nationen und verschiedene Hilfsorganisationen haben ernst zu nehmende Indizien für einen Genozid vorgelegt, die aber noch keine Beweiskraft haben, einschließlich der Aussagen israelischer Politiker und Funktionäre, man wolle Gaza dem Erdboden gleichmachen.
Fehlstellungen des Zionismus
Bartov sieht darin keine affektiven Kurzschlussreaktionen nach dem Trauma des 7. Oktober, sondern eine im Kriegsverlauf planmäßig umgesetzte Strategie, die auf einem breiten Konsens innerhalb der israelischen Bevölkerung fuße: Es gebe keine unbeteiligten Palästinenser, sei dort die vorherrschende Meinung. Die Kollektivbestrafung drücke den Mehrheitswillen des israelischen Volkes aus. Das Leid der Gaza-Bewohner werde ungerührt zur Kenntnis genommen, wenn in den Medien überhaupt darüber berichtet werde. Bartov stützt seine Darstellung unter anderem auf eine Studie, nach der 82 Prozent der israelischen Bürger die Vertreibung der Gaza-Bewohner befürworteten. „Haaretz“ hatte im Mai 2025 darüber berichtet. Dass die Zeitung die Studie später wegen methodischer Mängel kritisierte, erwähnt Bartov nicht. Der breiten Zustimmung unter Palästinensern zum Angriff des 7. Oktobers schenkt er wenig Aufmerksamkeit.

In Anlehnung an Aimé Césaire erklärt er den Mangel an Mitgefühl in der israelischen Bevölkerung mit einer kolonialen Denkhaltung, die im Kolonisierten nur noch den Untermenschen sieht. Bei einem Israel-Besuch habe er sich davon im Gespräch mit Studenten überzeugen können und sich an die Mentalität von deutschen Wehrmachtssoldaten im Zweiten Weltkrieg erinnert gefühlt. Es ist seit jeher der größte Triumph für „Israel-Kritiker“, das Land als NS-Staat zu entlarven, der an den Palästinensern den nächsten Holocaust begeht. Bartov belässt es geschickt bei der Andeutung.
Sein Buch soll die Frage klären, ob der Zionismus unausweichlich in die heutige Katastrophe geführt hat. Das habe er nicht, lautet das Fazit. Bartov macht zwei spätere Fehlentwicklungen für die Misere verantwortlich: das Versäumnis, Israel in einer Verfassung als demokratischen Staat zu definieren, der den Arabern die gleichen Rechte garantiert, wie es die Unabhängigkeitserklärung in Aussicht gestellt hatte. Scharfe Kritik trifft in diesem Zusammenhang das Oberste Gericht, das einem Grundsatzurteil über die Siedlerbewegung und die Rechtmäßigkeit der Besatzung aus dem Weg gegangen ist.
Missbrauch des Holocausts
Die zweite Fehlstellung ist für Bartov der Missbrauch des Holocausts als Abwehrschild gegen jegliche Form der Kritik durch die israelische Regierung, vollstreckt durch die Antisemitismusdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Die IHRA-Definition verurteilt unter anderem die Gleichsetzung Israels mit dem NS-Regime als antisemitisch sowie die Behauptung, Israel würde den Holocaust instrumentalisieren, um sich gegen Kritik zu immunisieren, zwei Motive, mit denen Bartov mehr oder weniger deutlich spielt. Im Interview mit dem „Spiegel“ behauptete er am vergangenen Holocaustgedenktag, die Israelis hätten aus dem Holocaust eine unmenschliche Lehre gezogen, indem sie aus ihm eine moralische Sonderstellung abgeleitet hätten, die es ihnen erlaube, Verbrechen und Unrecht zu begehen. Entgegen dem behaupteten Tabu hinderte ihn niemand an der verstörenden Deutung, auch nicht die angeblich allmächtigen Wächter der IHRA-Definition. Die richtige Lehre wäre für Bartov gewesen, den Holocaust als universale Warnung gegen jede Art von Menschheitsverbrechen zu verstehen und Holocaust- und Nakba-Gedenken zusammenzuführen.
Bei seinen Demontagearbeiten am Holocaustgedenken lässt er keine Gelegenheit aus, die Bedrohung für israelische Juden herunterzuspielen. So heißt es an einer Stelle, der Antisemitismus „is said to be on the rise“, als ließen die Statistiken daran einen Zweifel. Israel unterstellt er eine irrationale, obsessive Furcht vor der Vernichtung, als wäre das Land nicht von Staaten und Mächten umgeben, die es auslöschen wollen, und als hätte es das Hamas-Massaker nicht gegeben. Iran, die Hisbollah und die Atombombe werden im Buch kaum erwähnt. Irreführend ist die Angabe, neunzig Prozent der antisemitischen Straftaten würden von der deutschen Polizeistatistik 2024 dem Rechtsextremismus zugewiesen (in Wahrheit sind es 48 Prozent), eine Verzerrung, die Warnungen vor dem israelbezogenen und islamischen Antisemitismus seltsam unbegründet erscheinen lässt. Die Behauptung, antisemitische Proteste an den amerikanischen Universitäten gingen auf eine kleine Minderheit zurück, widerlegt der Antisemitismusbericht der Harvard-Universität. Der Holocaust, ein Feigenblatt für Kriegsverbrechen, eine freundlichere Beschreibung des aktuellen Holocaustgedenkens findet sich auf mehr als zweihundert Seiten nicht.
Das abschließende Plädoyer für eine jüdisch-palästinensische Konföderation mit gleichen Rechten für alle Bewohner, die den jüdischen Suprematismus überwände und den Zionismus auf den richtigen Weg brächte, fiele überzeugender aus, wären Gewalt und Ressentiment auf beiden Seiten zuvor ausgewogen beschrieben worden. Die jüdischen Siedler dürften nach diesem Modell im Westjordanland bleiben und die arabischen Flüchtlinge von 1948, einschließlich ihrer Nachfahren, nach Israel zurückkehren. Das klingt nach einem idealen Ausweg aus dem Dilemma. Für die dann arabisch majorisierten israelischen Juden wäre es nach der Erfahrung des
Massakers vom 7. Oktober allerdings ein lebensgefährliches Experiment.
Omer Bartov: „Israel. What went wrong?“ Fern Press, London 2026. 256 S., geb., 24,52 €.
